Freimuth von der Zechenfront 141109

Glosse Über die GDL, Heiner Müller, Andrea Nahles und Margaret Thatcher
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"Laß doch mal die Luft aus dem Glas!"

"Aber jerne doch!

Ick weeß, ick mach mir unbeliebt. Ick find es doof, dass die GDL am 9. November nich streikt.

Denn weeßte noch, wie Heiner Müller am 4. November 89 einen Aufruf für unabhängige Gewerkschaften verlesen hat? Er meinte, das Land braucht jetzt starke Gewerkschaften. Und der FDGB, der bringt's nich mehr. Außer Ferienplätze war ja auch nicht viel gewesen mit Arbeitervertretung.

Doch, dit hat schon wat mit der GDL zu tun.

Du erinnerst dich bestimmt nich mehr, aber die Vorgängerin der DGB-Gewerkschaft EVG war die Transnet - auch DGB! - mit ihrem Boss Norbert Hansen. Und die haben zugestimmt, dass Lokführer eingestellt werden für einen Stundenlohn von 7 Euro 50! Dagegen hat dann die GDL 2007 dit erste Mal gestreikt.

Übrigens, für Herrn Hansen hat sich so viel Liebe zu seinem Arbeitgeber, der DB, gelohnt, er hat sein "warmes Büro" in ein noch wärmeres getauscht. Er wechselte in den Vorstand der DB und kassierte in zwei Jahren 3,3 Millionen.

Stimmt, irgendwas machen wir falsch.

Dit war 2007. Und heute, einige Streikrunden später, will die GDL nicht nur für die schlagkräftigen Lokführer, sondern solidarisch für das gesamte Fahrpersonal, also Zugbegleiter, Bordgastronomen, Disponenten, Rangierführer und Ausbilder verhandeln. Aber so viel Solidarität ist dem feinen Herrn Grube von der DB und der Bundesregierung - die Bahn jehört ja 100% dem Bund - zu viel. Das "hervorragende" Angebot, was die Bahn der GDL gemacht hat, besagt, dass sie für die Lokführer verhandeln, aber bei dem anderen Fahrpersonal lediglich "beisitzen" dürfe.

Und übrijens is die GDL auch keine "kleine Gewerkschaft", wie viele Arschlöcher in Presse Funk und Fernsehen lügen; nö, von diesem Fahrpersonal - dit sind 37 000 Männer und Frauen - sind 19 000 bei der GDL und lediglich 8 000 bei Transnet äh EVG organisiert.

Dit heißt, die GDL streikt lediglich für ihr gutes Recht, für ihre Mitglieder verhandeln und, wenn's hart auf hart kommt, auch streiken zu können.

Und deshalb wird so viel Häme und Hass auf Herrn Weselsky ausgeschüttet? Da wirft ihm der Focus vor, dass er in einem warmen Büro sitzt und ein Grundgehalt von bis zu 6 836 Euro bezieht, verschweigt aber, dass Herr Grube 2,7 Millionen Euro im Jahr bezieht. Dass der Focus ein Foto mit dem Wohnhaus Weselskys samt Ortsangabe druckt, wird selbstverständlich von der BLÖD-Zeitung getoppt, die ihn den "Größen-Bahnsinnigen" nennt und auf der Titelseite seine Bürotelefonnummer veröffentlicht.

Und der Hass, den die Journaille gesät hat, trägt Früchte. Ick hab jehört, dass dit schon ne Gruppe "Hooligans gegen Lokführer" gibt.

Ick hoffe nur, Weselsky hat wahrjemacht, wat er auf ner Pressekonferenz jesacht hat, dass er von seinem Telefon ne Rufumleitung direkt ins Büro von Herrn Grube jelegt hat.

Natürlich jeht's nich um die drei oder vier Tage Bahnstreik. Die meisten, die so wettern, fahren eh Auto. Ne dit is der Soundtrack für wat größeres, dit jeht um einen Angriff auf unser Grundgesetz, konkret Artikel 9 Absatz 3.

Die Nahles plant schon lange ein Gesetz zur "Tarifeinheit". Das heißt, nur eine Gewerkschaft soll in einem Betrieb mit dem Arbeitgeber verhandeln dürfen.

Im Grundgesetz heißt es aber "Das Recht zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern versuchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen sind rechtswidrig. ..." Doch genau dies will die Nahles mit ihrem Gesetz. Was nutzt es, in einer Gewerkschaft zu sein, wenn diese nicht für mich verhandeln darf.

Verhandeln dürfen, jeht es nach Nahles, nur die Gewerkschaften mit den meisten Mitgliedern. Und dit sind in der Regel die DGB-Gewerkschaften.

Und die sind in der Regel handzahm, harmlos, widerstandslos und den Arbeitgeberverbänden und der Politik hündisch ergeben. Die Reallöhne sind in den letzten Jahrzehnten eher gesunken als gestiegen, und kannst de dich an großen Widerstand der DGB-Gewerkschaften erinnern?

Und der Widerstand gegen die Agenda 2010 und Hartz IV vom DGB der war - und ick sag dit mal freundlich - ein laues Lüftchen.

Es waren meist die Gewerkschaften, die nicht im DGB waren, die erfolgreich gekämpft haben. Und denen will die Nahles mit ihrem Gesetzentwurf ans Leder!

Weeßte noch, der große Bergarbeiterstreik 1984/85 in England, mit dem sich so große Künstler wie Billy Bragg solidarisierten? Der wurde noch mit Polizeigewalt niedergeknüppelt. Und die Medien heulten dazu: "Ganz England is in Geiselhaft der Gewerkschaften." Und dann hat die Regierung Gesetze erlassen, die es erlaubten, aufmüpfige Gewerkschaften zu enteignen.

Dit war die bis unter die Haarspitzen stockkonservative Margaret Thatcher. Und wer macht diesen Job in Deutschland? Natürlich die Nahles und ihre Sozen! Und der DGB, der schweigt dazu!

Der DGB kungelt doch lieber mit den Arbeitgebern und der Politik um Posten und Pöstchen, anstatt mit und für ihre Mitglieder um höheren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Jenau wie damals der FDGB. Der Unterschied ist nur, das der DGB keine Ferienplätze vergibt.

Heiner Müller hat 89 unabhängige Gewerkschaften gefordert. Eine solche ist die GDL! Wie jesagt, ick hätte es jut jefunden, wenn se am Jubeltag gestreikt hätten.

Und darum - warte mal, ick gieß mir mal nen kleinen Schluck ein.

Also: Darum auf die GDL, die für sich und ihre Mitglieder streikt, doch diesmal nebenbei auch für unser Grundgesetz streikt. Auf dass sie erfolgreich ist, gegen alle Widerstände!

Zum Wohle!"

21:08 09.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andreas Schulz

Der Autor: Jahrgang 1964. Und Freimuth: Ein wahrer Volkswirt, also ein Wirt fürs Volk!
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Andreas Schulz

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