Kein Geld für die Vierte Welt

Freie Szene Nicht erste, zweite, dritte, sondern Vierte Welt, und das bedeutet Offenheit für eine neue Interpretation der Geschichte. Aber auch die gibt`s nicht umsonst!
Kein Geld für die Vierte Welt

Berlin-Kreuzberg: Parallel zum U-Bahnhof Kottbusser Tor schiebt sich eine riesige Betonschlange über die Adalbertstraße. Ein 295-Wohnungen-Komplex, genannt Neues Kreuzberger Zentrum (NKZ). 1974 als visionärer Sozialbau errichtet, danach zum sozialen Brennpunkt verkommen, erfreut es sich heute großer Beliebtheit unter Berlins heterogener Bevölkerung. Das NKZ ist die pure Urbanität mit all ihren Widersprüchen und damit perfektes Umfeld für den derzeit innovativsten Theaterraum Berlins: Die Vierte Welt.

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Auf 130 Quadratmetern einer ehemaligen Arztpraxis im ersten Stock der Betonschlange, findet statt, was die Freie Szene immer sein wollte: transdisziplinär, unberechenbar und politisch. Schon mit dem Namen gehen die Macher auf Distanz zu Privilegien und Establishment, kreieren dazu einen Diskursraum gegen den herrschenden Verwertungsdruck.

Doch wie jedes freie Theater muss sich auch die Vierte Welt immer wieder neu um Förderung bemühen. Beweisen, dass es die Gelder der öffentlichen Hand verdient. Dass das eigene Konzept besser ist, als das der Mitbewerber um die heiligen Töpfe der Subvention. Denn für die Jury des Senats für Freie Theater und Tanzgruppen, die im Berliner Doppelhaushalt über ein Fördermittelbudget von 5.167.700 Euro bestimmt, ist Marktlogik weiterhin Entscheidungsgrundlage.

So wurden der Vierten Welt für 2015/16 weder Basis- noch Spielstättenförderung genehmigt. Dies ist doppelt bitter, weil die Aufnahme in die Spielstättenförderung pro Jahr 50.000 Euro gebracht hätte. Geld, das für Miete, Betriebskosten und drei halbe Stellen (Disposition, Technik, Öffentlichkeitsarbeit) dringend gebraucht wird.

Im Ablehnungsbescheid der Jury hieß es, dass der Wachstums- und Entwicklungsprozess nicht den Vorstellungen entsprochen habe. Außerdem sei die Qualität der einzelnen Arbeiten ungleichmäßig gewesen; was bei einem halben Dutzend Neuproduktionen im Jahr und insgesamt über hundert Veranstaltungen im Bereich Theater, Literatur, Philosophie, kaum verwunderlich ist. Auch den Vorwurf der mangelnden Integration ins Umfeld weisen die Macher der Vierten Welt zurück. Sie sind schon einen Schritt weiter als die Jury. Was soll die Integrations-Forderung auch bedeuten? Sozialpädagogenarbeit am Kottbusser Tor? »Hallo Herr Öztürk, erzählen Sie uns von Ihren Problemen, wir wollen das im Theater verarbeiten.« Sicher nicht! „Kultur-Kolonialismus ist nicht unsere Aufgabe“, sagt Dirk Cieslak, Mitbegründer der Vierten Welt.

Auseinandersetzung mit der Nachbarschaft funktioniert anders in der Vierten Welt. Zum Beispiel in „Der Block“, eine 2013 gemachte Studie über das Neue Kreuzberger Zentrum. Denn dieses stellt nicht nur ästhetisch einen Skandalbau dar, sondern auch die Details seiner Entstehung. Cieslak bezeichnet diese gar als „Anfang des Neoliberalismus“. Durch Steueranreize für westdeutsche Besserverdiener und zukunftsweisende Tricks Berliner Investitionsbanken wurde in den 1960ern schnelles Immobilienkapital angehäuft und dazu ein Schuldenberg, der bis heute existiert.

Die Vierte Welt macht daraus einen Theaterabend, der seinesgleichen sucht und 2014 die Wiederaufnahmeförderung des Berliner Senats erhalten hat. Während eines performativen Rundgangs durch die Betonschlange wird der Zuschauer ins Geschehen involviert. Vom Dach bis zum Keller deutet jetzt nichts mehr auf Spiel und Bühne hin. Im Gegenteil: die Theorie der Fortschrittsmoderne und Gentrifikationspolitik wird plastisch vor Augen geführt und sinnlich erfahrbar. Man versteht, die Politik der Zukunft war auch die der Vergangenheit. Zum Kotzen! Darin besteht die Besonderheit der Vierten Welt: Schwere Kost als leichtes Angebot.

Die politische Relevanz der Spielstätte fand bei der Jury offensichtlich keine Berücksichtigung, obwohl eine Stadt wie Berlin so einen Ort, in dem „künstlerische Formen gesellschaftskritisch weiter entwickelt werden“ dringend brauche, wie es in einem der prominenten Unterstützerschreiben an Tim Renner hieß. Auf letzterem lagen zwischenzeitlich die Hoffnungen. Doch auch dem neuen Berliner Kulturstaatssekretär sind die Hände gebunden, da die Anträge schlicht die Mittel übersteigen. Das ist die bittere Wahrheit.

Die Förderquote für die Freie Szene der Hauptstadt liegt jährlich insgesamt zwischen fünf bis zehn zu eins. In den beiden Förderkategorien der Vierten Welt wurden dieses Jahr immerhin 33 von 67 Förderanträgen bewilligt, was an den hohen Auflagen für realistische Bewerbungen liegt. An der Aufstockung des Budgets führt trotzdem kein Weg vorbei. Und diese Forderung ist berechtigt, fließen doch bisher nur fünf Prozent des Berliner Kulturhaushaltes in die Unterstützung der Freien Szene.

Die Interessenvertretung derselben hat deshalb bereits vor zwei Jahren einen Betrag von 18 Millionen Euro Zusatzmittel errechnet, um die prekäre Arbeitssituation der Freien Szene endlich zu beenden. Geld, das seit Januar 2014 mit der Citytax zur Verfügung stände, aber bisher anderweitig Verwendung findet. Neben der Sicherung von Immobilien müssten darüber hinaus die Förderstrukturen reformiert werden. Wie der Fall der Vierten Welt zeigt, wäre eine höhere Durchlässigkeit bei den Förderprogrammen wünschenswert. So dass Gruppen und Projekte, die beispielsweise in der Spielstättenförderung abgelehnt werden, nicht zwei ungewisse Jahre warten müssen, sondern sofort in der nächsten Stufe, der Konzeptförderung, berücksichtigt werden können. Oder zumindest einfacher eine Wiederaufnahmeförderung für alte, erfolgreiche Projekte erhalten. In diesen Fragen könnte sich der neue Kulturstaatssekretär große Verdienste erwerben. Bleibt es beim gegenwärtigen Stand der Dinge, droht der Vierten Welt Anfang 2015 die Schließung.

12:26 11.07.2014

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