"Muss die Bürokratie so langsam sein?"

Ein Interview Der Alltag von Geflüchteten ist kein Zuckerschlecken. Neue Wohnung, neue Sprache, warten auf den nächsten Bescheid – die Zeit dazwischen sinnvoll nutzen
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"Muss die Bürokratie so langsam sein?"

Bild: Alexander Koerner/Getty Images

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Tammam Daher (25) aus Homs, Syrien

Wie lange bist du schon in Deutschland Tammam?
Seit 4 Monaten, in Berlin.

Und wie geht es dir hier?
Normalerweise ist das Leben gut, aber wenn ich zum LAGESO gehe oder ein anderes Amt, muss ich lange warten. Manchmal gibt es auch unhöfliche Menschen.

(Landesamt für Gesundheit und Soziales)

Was bedeutet das konkret?
Zum Beispiel habe ich einen Termin um 8:00 Uhr und muss warten bis 17:00 Uhr. Jetzt warten wir auf die Aufenthaltsgenehmigung. Normalerweise dauert das höchstens 3 Monate und jetzt dauert es ein Jahr. Die Situation macht mir Stress.

Warum?
Ohne Aufenthalt gibt es zu wenig Geld, ich kann nicht studieren, arbeiten und kein Praktikum machen. Ich vergesse mein Wissen.

Was ist mit der Wohnung?
Ich muss eigentlich in einer Sporthalle wohnen. Jetzt wohne ich aber mit meiner Mutter und Schwester in einer 1-Zimmerwohnung, das ist halboffiziell.

Klingt anstrengend, trotzdem sagst du „Ja“ zu Deutschland?
Meine Stadt Homs ist komplett zerstört. Es war sowieso mein Plan für einen Teil meines Studiums oder später nach Deutschland zu kommen. Hier sind die wichtigen Firmen für Ingenieure. Aber dass ich jetzt als Flüchtling komme, habe ich nicht gedacht.

Was machst du jetzt hier in Berlin?

Ich bin in einem Sprachkurs-Spezialprogramm an der TU Berlin. Das ist super! Danach will ich meinen Master in Elektrotechnik machen.

In Syrien hast du auch studiert, oder?
Ja, 3 Jahre in Syrien und 3 Jahre in Ägypten. Ich habe einen B.A. in Electrical Ingenieering. Mein Ziel ist es gute Kenntnisse als Ingenieur zu bekommen. Danach möchte ich Homs wieder aufbauen helfen. Aber ich glaube, dass Syrien für 10 Jahre ein Problem bleiben wird.

Große Pläne! Wie läuft es mit der deutschen Sprache?Deutsch macht Spaß, der TU-Kurs ist mir sogar ein bisschen zu langsam. Ich lerne jeden Tag noch 2 Stunden alleine.

Hast du schon deutsche Freunde?
Wenige, in Berlin gibt es so viele internationale Menschen … Aber mein Onkel und meine Tante haben einen deutschen Pass, durch sie lerne ich viele neue Menschen kennen.

Gibt es etwas, was die Politik besser machen könnte?
(auf Englisch) Ich denke, die humanitäre Situation hier ist sehr gut, aber die politische Situation ist schlecht. Deutschland bzw. Europa könnte viel mehr unternehmen, um den Konflikt im Nahen Osten zu beenden. Aber offensichtlich wollen sie es so.
Und die Bürokratie ist so unmodern. Wir haben jetzt Internet und E-Mails aber sie bestehen auf Briefpost. Natürlich braucht es Bürokratie, ich verstehe und respektiere das, aber muss sie so langsam sein?

Gibt es etwas, was bei deiner Ankunft neu für dich war. Hattest du einen ´Kulturschock`?
Nein, Ich kannte schon alles über Deutschland, ich habe viel gelesen. Ich war bei meiner Ankunft wenig beeindruckt. Mich beeindruckt nur die Langsamkeit der Bürokratie. Und die Strukturen werden täglich schlechter. Früher konnte man nach 3 Monaten eigenes Geld verdienen und eine eigene Wohnung bekommen. Jetzt vielleicht nach 6 Monaten. Und ich habe es noch gut, weil ich eine eigene Wohnung habe.

Noch etwas?
Ich schätze die Freiheiten, die wir hier ausleben können. Meinungs- und Pressefreiheit. Dafür kamen wir nach Deutschland. In Syrien hatten wir viel Geld, aber keine Würde, keine Freiheit. Ich wurde auch schon verfolgt, wegen meines Blogs.

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Ahmed Moradi (18) aus Parwan, Afghanistan

Hallo Ahmad, erzähl uns von dir, wie bist du nach Deutschland gekommen?
Zuerst habe ich fünf Jahre in einem Supermarkt im Iran gearbeitet und ich habe Kontrolle für Wohnungen gemacht. Im Iran war das Leben nicht so gut für mich. Immer muss ich Polizei aufpassen und nicht sicher was passiert. Da sehe ich Almaniya im Fernsehen und denke: da will ich auch hin. Aber ich weiß nicht, wo das ist. Als ich letztes Jahr im Oktober nach Berlin komme, sagt eine Person: „Ok, jetzt Deutschland“ und ich sage „Nein, ich will nach Almaniya“, nachdem ich 12 Stunden draußen gewartet habe, bis eine afghanische Person erklärt „Deutschland ist Almaniya.

Du bist ja noch relativ jung und hast bereits mit 11 Jahren gearbeitet. Warst du überhaupt in der Schule?
In Afghanistan und Iran nein. Ich mache jetzt Alpha-Kurs in Volkshochschule Pankow. Ich muss schnell lernen.

Wie viel hat die Reise gekostet und wie hast du sie finanziert?
Insgesamt 4000 Euro. Alles im Iran gearbeitet. Ein bisschen schicke ich Geld an meine Familie, weil mein Papa und mein Bruder tot sind und meine alte, kranke Mama mit vielen Kindern alleine lebt. Ich habe sie seit fünf Jahren nicht gesehen. Dann geben sie mir Geld für die Reise.

Wie geht es dir in Deutschland. Was sind deine Pläne?
Ich mag das Land. Ich will hier bleiben und meiner Familie helfen. Ich will arbeiten, egal was.

Willst du nicht lieber studieren?
Vielleicht kann ich ein Medizin-Studium machen. Ich lerne jeden Tag 4 Stunden Deutsch. Zuerst in Storkower Straße, dann Landsberger Allee, jetzt in Pankow und mit meiner Patin Evi.

Du bist in fünf Monaten viermal umgezogen?
Ja, Friedrichshain, Spandau, Moabit, Pankow.

Noch etwas?
Danke an alle, dass ich lernen kann und jetzt ein freies Leben habe.

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Narges Bibak (26) und Milad Ebrahimian (31) aus Esfahan, Iran

Narges und Milad, ihr kommt aus dem Iran. Warum seid ihr von dort geflüchtet?
Milad: Ich hatte Probleme wegen Religionswechsel. Ich wollte von Islam zu Zarathustra-Religion wechseln. Kennst du sie?

Ja, das ist die alte Religion Persiens.
Richtig. Aber Iran gibt kein Recht dafür. Es ist verboten. Wenn ich zurück gehe, werde ich getötet.
(Narges) Ich bin Atheistin, ich habe kein Problem mit Iran, aber ich will mit Milad leben.

Wann seid ihr hier angekommen?
Hmmm, wir müssen nachdenken: Vor 13 Monaten. Zuerst 1 Monat Heim in Schleswig-Holstein, dann nach Berlin geschickt. Eine Woche Zelthalle in Moabit, 5 Monate Hostel, ein Monat Wohnheim in Marzahn und jetzt kleine Wohnung in Schöneberg. Das Wohnheim war sehr schlecht, kleines Zimmer, 5. Etage ohne Aufzug und Badezimmer für viele Personen.

Habt ihr bereits eine Anerkennung als Flüchtlinge?
Nein, wir warten seit der Registrierung vor 11 Monaten darauf.

Was sind eure Erfahrungen, wie geht es euch in Deutschland?
Allgemein ist das Leben in Deutschland gut. Aber das Sozialamt ist schrecklich. Einmal hatte ich einen Termin und warte 6 Stunden und am nächsten Tag nochmal und dann sagen sie zu mir: komm nächsten Monat wieder. Aber andere Ämter sind sehr gut, zum Beispiel Bürgeramt oder Rathaus. (Narges) Hier haben wir mehr Freiheit als im Iran. Im Iran ist alles begrenzt. Und Deutschland hat mehr Technologie als Iran. Wir interessieren uns für Verkehrsmittel. Bildung ist wichtig für uns.

Ich weiß, ihr seid sehr fleißig.
Wir lernen manchmal 5 Stunden extra Deutsch pro Tag. Wir wollen sofort mit Deutschland zusammenpassen. Wir sind offen für deutsche Kultur und haben schon zwei deutsche Freunde. Clara und Phillip.

Was habt ihr im Iran gemacht?
Narges hat Informatik studiert und ich Elektrotechnik. Und wir haben beide als Kampfsport-Lehrer gearbeitet. Narges auch!

Wie verlief eure Reise?
Zuerst fliegen wir nach Katar. Dann eine Woche Kreta, dann Deutschland. Das war alles sehr teuer. 20.000 Euro.

Wow, das ist sehr viel Geld. Seid ihr sicher?
Ja, meine Familie und ihre Familie haben ein Haus verkauft. Wir können nicht zurück. Religion ist mir wichtig. Ich möchte Zarathustra-Religion werden. Ich darf das nicht.

Hast du ein Problem mit dem Islam?
Nein, aber mit Fundamentalisten.

Was sind eure Wünsche für die Zukunft?
Wir würden gerne Hilfe zurückgeben, weil die deutsche Regierung uns im Moment sehr hilft. Und später wünschen wir uns Kinder und dass unsere Familie uns besucht.

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Der Interviewer hat die Geflüchteten im Rahmen seiner Tätigkeit als Alphakursleiter an der VHS Pankow sowie DaF-Lehrer am Studienkolleg der TU Berlin kennengelernt und befragt. Das Gespräch fand größtenteils auf Deutsch statt. Wo nötig wurden die Antworten sprachlich etwas geglättet.

17:12 20.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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