Mythos Bahn und die Verlidlung der Bahn als Chance

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Auch wenn dem Artikel – oder vielmehr der Meinung – Herrn Seeßlens in ihrer grundlegenden Kritik an der Verwahrlosung der Bahn im weitesten Sinne zuzustimmen ist, geschieht dies meinerseits nicht vorbehaltlos. Und eine Reihe dieser Vorbehalte seien an dieser Stelle aufgeführt:

Es stellt sich mir gerade in Hinblick auf das den Artikel illustrierende Foto die Frage, ob da nicht offen einem Mythos hinterher getrauert wird, ganz so wie ein oller Monarchist, der Wilhelm unzählige Tränen nach Doorn nachweinte – oder heutzutage Märklin, Schiesser und Goldkanten.
Zugegeben, mit großer Wahrscheinlichkeit gehöre ich einer anderen Generation als Herr Seeßlen an und ich kenne das Transportmittel Bahn nur aus der Anschauung des zurecht als menschen- und reisefeindlich dargestellten Mehdorn-Ungetüms. Dennoch: wer wollte heute noch in der biederen und muffigen Bürgerlichkeit eines Nischentransportmittels der 60er reisen? In dieser Vorstellung des Reisens reflektiert sich doch nur der überhebliche Habitus einer Bürgerlichkeit, die mehr Wert auf geweißte Tischdecken legt, als günstig und pünktlich an Punkt B anzugelangen.

Das Beklemmende ist ja nicht der schonungslose Bahnrückbau (das ist das Skandalöse an der ganzen Geschichte), sondern der peinliche Versuch, damit eine Plastik-Imitation jenes biederen Transportmittels zu produzieren. Der zugegebenermaßen gezwungenermaßen freundlich daherkommende und zugdurchquerende Kaffeeverkäufer ist doch eine Reminiszenz auf das alte Zugfahrgefühl: Service am Platz, das Gesinde stets zu Diensten des Königs, äh, Kunden.

Schaut man noch etwas genauer hin, so war und ist die Bahn die offensichtlichste Inkarnation einer Klassengesellschaft und mich beschleicht der Verdacht, dass die so genannte Bahn-Reform den Versuch darstellt, diesen Sachverhalt unter seiner Beibehaltung zu kaschieren. Denn die fortlaufende Trennung von Nah- und Fernverkehr ist nichts weniger als die Verteilung von Klassen auf Transportmittel. Als typischer ICE-Reisender ist und bleibt man unter sich: Die Unterscheidung in Erste und Zweite Klasse dient doch hier – schon allein aufgrund der Bahntarife – nur der Unterscheidung in Upper- und Upper-Upper-Class. Am Umsteigebahnhof verweilt man in der dem Plebs verwehrten „DB-Lounge“ und am Zielbahnhof steigt man nicht etwa in eine Regional- oder eine S-Bahn, nein, man pflegt ein Taxi zu nehmen oder die üppigen Tarifkombinationen der DB AG mit Mietwagenanbietern zu nutzen. Der damalige Versuch, Wehrpflichtigen das Reisen im ICE zu untersagen (der übrigens nur an der systematischen Streichung der halbwegs demokratischen IC-Verbindungen scheiterte) war dann auch der Versuch, das letzte Element Plebs aus den schönen Erste-Klasse-Zügen verschwinden zu lassen.
Und weil unsere Oberen und Entscheidungsbefugten, oder mit den Worten Wieland Efferdings, jene „Karrieristen und Dünnbrettbohrer“, seit ihren Studiumstagen nicht auf eine Regionalbahn angewiesen waren, kommen sie leicht zu der Ansicht ihrer Überflüssigkeit und Wegstreichwürdigkeit. Der Plebs hat erstens nicht zu reisen, und zweitens hat er mit der Verschrottung seiner Altautomobile die Schlüsselindustrie des Landes anzukurbeln. Das ist moderne deutsche Ordnungspolitik: Nahverkehrssubventionen streichen und Autoverkehr fördern. Ginge es schließlich nach diesem Bahnkonzept, hätten wir in zwanzig Jahren sogar nach Klassen getrennte Bahnhöfe (War das megalomane Transrapid-Projekt gar der glücklicherweise gescheiterte Einstieg dazu?).

Auch wenn diese Analyse nur wenig Grund für Optimismus liefert, nun zur Verlidlung der Bahn als Chance: Grundsätzlich sind Snackautomaten demokratischer als rollende Restaurants. Dem Verlust an Reisekultur kann man wie gesagt genauso nachtrauern wie dem Verlust des Lieblingsunterhosenherstellers. Aber man hört doch deshalb nicht auf, Unterhosen zu tragen, oder? Damit soll nur gesagt sein, dass der Verzicht auf geweißte Tischdecken gerade so auszuhalten ist, wenn denn das Grundprinzip des Reisens wenigstens erfüllt wäre. Wenn Verlidlung verstanden wird als Demokratisierung – weil gesellschaftliche Öffnung – und nicht als Bespitzelung, Ausbeutung, Hierarchisierung, dann ist dies nicht per se verdammenswert.

Was also mehr als Not tut, ist ein demokratisches und integriertes Bahnsystem, das sich nicht um die Klassenzugehörigkeit seiner Kunden schert, das sein Primärziel nicht in dem Greifen nach den imaginären Sternen einer kapitalistischen Globalisierung sieht, sondern in einer kostengünstigen, effizienten und umweltfreundlichen Transportalternative für Jedermann. Die Bahn muss ein ordnungspolitisches Instrumentarium bleiben (oder wieder dazu werden), das unerlässlich für ein nachhaltiges Leben in einer industrialisierten Gesellschaft ist. Dass dies mit dieser Bahn oder mit einer noch stärker privatisierten Bahn nicht zu haben ist, da dürften Herr Seeßlen und ich derselben Meinung sein.

15:15 08.03.2009
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Geschrieben von

andreasbraune

Doktorand und Blogskeptiker, aber trotzdem hier
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