Verschleiern von Verantwortung ist keine Bagatelle!

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Ein Antwortbrief auf den Gastbeitrag "Verschwendung von Lebensmitteln ist keine Bagatelle!" in der Frankfurter Rundschau, verfasst von der EU-Kommissarin für Landwirtschaft und Eigentümerin mehrerer Bauernhöfe in Dänemark, Mariann Fischer Boel.

Liebe Mariann Fischer Boel,

Die heutige Ausgabe der Frankfurter Rundschau (7.4.09, hier) gewährt Ihnen Raum, Ihre Ansichten zum Thema Verschwendung von Lebensmitteln in einem Gastbeitrag auszubreiten. Was Sie da zum Besten geben, ist gelinde gesagt dreist. Aber der Reihe nach.

Sie beklagen, dass allein „im Vereinigten Königreich etwa ein Drittel aller Lebensmittel unnötig weggeworfen“ wird. Schlimm genug, das finden wir auch. Was aber noch schlimmer wiegt, ist Ihre Analyse der Ursachen und Auswege. Als „mitverantwortlich“ bezeichnen Sie zunächst den Einzelhandel, weil er nur Familienpackungen statt Singleportionen anbiete. Sollen wir den Umkehrschluss wagen und mutmaßen, Ihr Lösungsvorschlag laute: mehr Verpackungsmüll für weniger Lebensmittelmüll?

Aber es wäre auch in der Tat frivol, dem Einzelhandel die Alleinschuld an der Misere zu geben. Und so identifizieren Sie alsbald den Schuldigen: „Die Hauptverantwortung liegt allerdings beim Verbraucher.“ Natürlich: Weil er drei Hähnchen zum Preis von zweien kauft, nur eins benötigt, wandern die beiden anderen in den Müll. Das ist Bauernfängerlogik der Güteklasse A. Sie machen damit den Verbraucher dafür verantwortlich, dass er sich nicht in der Lage zeigt, die Überproduktion des europäischen Agrarsektors zu vertilgen. Wir wagen einmal mehr den Umkehrschluss: Mehr Fettleibigkeit, weniger Lebensmittelabfall.

Glücklicherweise deuten Sie einen anderen Lösungsweg an, der uns die Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erspart: Die Menge der Lebensmittel, die in Frankreich in den Mülleimer wandere, genüge, um die Hungerleidenden im Kongo zu ernähren. Hier erreichen Sie endgültig die Schwelle von der Dreistigkeit zum Zynismus. Warum? Wir möchten da die Empfehlung aussprechen, einen Ihrer Mitarbeiter, der der deutschen oder französischen Sprache mächtig ist, am heutigen Abend vor den Fernseher zu setzen und den ARTE-Themenabend „Euer Hunger – Unser Profit. Wie die EU den Hunger subventioniert“ (siehe hier) protokollieren zu lassen.

Sie könnten auf diese Weise die Einsicht gewinnen, dass das Hauptproblem der Agrarüberproduktion und unserer Konsumkultur nicht die Belastung des Verbraucherportemonnaies und der CO2-Bilanz ist, sondern die ruinöse Praxis, mit unseren Abfällen den afrikanischen Lebensmittelmarkt zu überschwemmen und den dortigen Agrarsektor in die Knie zu zwingen. Wir schlagen an dieser Stelle vor, dass Sie sich einmal mit Ihren Kollegen Joe Borg (Fischerei) und Jacques Barrot (Justiz, Freiheit & Sicherheit) ins Vernehmen setzen. Letzter steht vor der kniffeligen Frage, warum nur so viele Afrikaner auf so wackeligen Booten nach Europa kommen. Erster betreibt dasselbe für die Fischerei, was Sie für den Landwirtschaftssektor übernommen haben, nämlich die Zerstörung der Lebensgrundlage der afrikanischen Bevölkerung. Nur so als Hinweis: da könnte ein Zusammenhang bestehen.

Wer im Glashaus der Verantwortung sitzt, sollte nicht mit Alibi-Argumenten auf Einzelhandel und Verbraucher werfen. Wer ein „Quäntchen Überlegung und Maßhalten“ seitens des Verbrauchers einfordert, täte gut daran, dies zur Maxime des eigenen Handelns zu machen. Wer dies nicht kann, steht einer nachhaltigen und global verantwortlichen europäischen Agrarpolitik im Weg.

Mit besten Grüßen, A. B.

(Mitunterzeichner sind herzlich willkommen)

10:37 07.04.2009
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Geschrieben von

andreasbraune

Doktorand und Blogskeptiker, aber trotzdem hier
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