Elefantenblick im Spiegel

´Delhi Gang Rape` – Indien auf Orientierungssuche.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

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Nachdenklicher Blick indischer Frauen im Sammeltaxi – what`s coming next?

Einer nachrichtenaffinen Community wie der hiesigen, die Fakten der so genannten ´Delhi Gang Rape`-Geschichte nochmals zu präsentieren, erscheint deplaziert; weshalb sich dieser Text auf die Umstände und Folgen konzentriert.

Jede/r wird die auch in den deutschen Medien überdurchschnittlich häufig publizierten Berichte aus dem Land am Ganges zur Kenntnis genommen haben, in denen erstaunlich breit und ausführlich vom Leiden und Sterben einer Studentin berichtet wurde.

Eine kriminelle Tat, ein tragisches Schicksal, das stellvertretend für die vielen undokumentierten Verbrechen und Diskriminierungen gegenüber indischen Frauen und Mädchen zum Politikum wurde. Es war der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht und ein ganzes Land in Schock und Aufruhr versetzt hat. Versetzt in einen Wendezustand, der die längst überfälligen Brüche zwischen Tradition und Moderne sichtbar werden lässt – Brüche, die notwendig und heilsam sind, weil sie die Nichtidentität zwischen Idee und Realität im Gegenwartsindien aufweisen. In diesem Fall: Die Ehre des Mannes bestimmt sich nicht mehr durch die Reinheit einer Frau – die Rolle der Frau ist noch (lange) nicht unabhängig von Familie und Gesellschaft zu betrachten. Es beginnt der kollektive Aufarbeitungsprozess.

Welche Perspektiven ergeben sich daraus für die Zukunft?

Reprise: Die indische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist von massiven Assymetrien bestimmt, die ein permanent schwelendes Risikopotential bedingen. Zurecht steigt die Angst der Habenden vor den Nichtshabenden, denn bei der Verteilung von Macht, Geld und Lebensqualität gibt es kaum nachvollziehbare Verfahren. Teilhabe an Wachstum und Wohlstand sind immer noch zutiefst herkunfts- und das heißt kastenabhängig. (vgl. Arundhati Roy)

Vor dem Globalisierungshintergrund horizontaler (Stadt-Land) und vertikaler (arm-reich) Verschiebungen, tun sich antagonistische Parallelwelten auf. Auf der einen Seite bestimmen imperialistische Trendkulturen in Medien, Mode, Movies den erstrebenswerten Überbau des "Fortschritts" – „die Bourgeoisie ... schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde“ (Marx/Engels) – , auf der anderen Seite betoniert sich das Feudalpatriarchat im Wertekonservatismus der Vorväter ein. Mischidentitäten sind Indiens Spezifikum; auch moderne Männer können traditionelle Triebtäter sein.

Thema Sex: Küssen verboten oder überholtes Tabu?

In Indien treffen derzeit viktorianische Prüderie und religiöser Reinheitsfanatismus auf oversexed Konsumsphäre: An jeder zweiten Straßenecke kokettiert Werbung und Kulturindustrie mit dem Orgasmus. „Gerade weil er nie passieren darf, dreht sich alles um den Koitus“, deshalb muss Kulturindustrie zugleich „pornographisch und prüde“ sein. (Horkheimer/Adorno)

Das Angebot stimuliert Begehrlichkeiten, die von weiten Teilen der Gesellschaft aufgrund ökonomischer Randstellung nicht befriedigt werden können. Frauen müssen dann oft als Kompensationsobjekt herhalten. Dazu kommt die gezielte Form der Demütigung in verschiedensten race/class/gender/religions-Konflikten.

Insgesamt ermangelt es an politischer Orientierung. Die Zeiten der nepotistischen Vaterfiguren sind vorbei; insbesondere die VertreterInnen der so genannten Neuen Mittelschicht suchen nach ihren Themen und Formen politischer Beteiligung. Allerdings ist diese viel zitierte Indische Mittelschicht als monolithische Schicht gar nicht existent, sie ist ein schwammiger Hilfsbegriff, die das Phänomen der wachsenden Kaufkraft zu begreifen sucht. Das politische Bewusstsein dieser Gehaltsklasse ist entsprechend diffus. Dagegen schärft sich in Orientierungsphasen wie diesen das Selbstverständnis.

Was jetzt passiert, birgt Chance und Gefahr zugleich!

Aktuell betrachtet der indische Elefant sich im Spiegel und sieht eine ambivalente Erscheinung. Sie wirft ein Licht auf die verkommene Moral, Justiz, Polizei, Politik und teilweise auch Religion. Berechtigte Zeifel am Zweck und Funktionieren des Staates werden laut, der seine korrupten Exzesse nicht in den Griff bekommt und die Sicherheit seiner Bürger und vor allem Bürgerinnen nicht gewährleisten kann, weil in Delhi beispielsweise die Hälfte aller Polizeikräfte an den Schutz und Eskort von VIP`s gebunden sind.

Die Chance besteht im Erstarken und der Stabilisierung der Protestbewegung. In Anlehnung an den Arabischen Frühling ließe sich sogar von einer Protestgeneration und einem Indischen Frühling sprechen. Zwar ist die indische Frauenrechtsbewegung nicht erst gestern entstanden, erhält aber durch die in den Städten relativ gut ausgebildete und international informierte Jugend neue Dynamik. Neben der Frustration über und dem Ressentiment gegen die bestehende politische Klasse, hat sich das Bewusstsein gegen die Unterdrückung der Frau weiter entwickelt. Das Patriarchat beginnt zu bröckeln!

Sensible Medienauffassung und soziale Medienkompetenz runden das Bild ab und prädestinieren die jetzt politisierten Inderinnen und Inder zu Subjekten gesellschaftlicher Transformation.

Reaktionäre Einlassungen, wie die des Guru Asaram Bapu, der dem Opfer Anfang Januar vorwarf, selbst Schuld an ihrer Vergewaltigung zu sein, denn sie hätte sich nicht körperlich zur Wehr, sondern vielmehr um Gnade betteln und Mantras summen sollen, kommen dabei just in time. Sie befeueren den Diskurs.

"One good that has come of this horrific incident is that it has exposed all the shit in the Indian society that has been passed around as shinola since eternity. All the netas, abhinetas, cops, judges, babas, all have been blatantly exposed. Now it is up to Indian junta to treat them with the 'respect' they deserve."
(Vgl. Leser-Blog, Hindustan Times, 8.1.2013)

Gleichzeitig resultiert aus der Verteidigung des patriarchalen Systems Gefahr. Natürlich gibt es Abwehrversuche, die Dominanz der Männer zu verteidigen, die ihre jahrhundertelagen Privilegien zurecht in Bedrängnis sehen. Die Liste der konservativen Reaktionen ist lang und einfallsreich: Videoüberwachung, Todesstrafe, Sterilisation, öffentlich einsichtige Sexualstraftäterdateien et cetera. Forderungen nach robustem law and order – die zugegebenermaßen auch seitens der Protestbewegung zu hören sind –, gehören genauso dazu wie Vorschriften männlicher Begleitpersonen, strenger (antiwestlicher) Kleiderkodex sowie die Mystifizierung des Geschehenen. Das Opfer wird als „mutige Tochter Indiens“ oder „die Furchtlose“ etikettiert. Denn „der Schrecken, der zur Sprache zurück gefunden hat, ist schon ausgestanden.“ (Hans Blumenberg)

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Insofern kann man den progressiven Tendenzen, die für eine grundlegende Gleichberechtigung und Empowerment der Frauen eintreten, nur einen langen Atem voller Sprachlosigkeit wünschen. Sie bedürfen arroganzfreie internationale Solidarität und Fürsprache.

Aufmacherfoto: Raveendran/ AFP/ Getty Images

14:37 16.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wiesengrund

"Die Möglichkeit, dass die Welt zu schön werde, ist für mich so arg schrecklich nicht." (Adorno)
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Wiesengrund

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