Kitna baja hai?

Indien globalisiert Rhizomatische Zeitverhältnisse zwischen traditionellem und modernen Indien
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Die Kehrseite der Geschichte auf der anderen Seite des Globus` oder die Beschränktheit unserer Begriffe.

Sprechen im kritischen Sinne progressive Menschen über den politischen Norden der Welt bereits seit Längerem in Begriffen wie Postmaterialismus, Postwachstum, Postgender, Postindustrie, Postmilitarisierung, postfossile Energiepolitik, Posthistoire, Postetcetera, so läuft die Geschichte in so genannten Schwellenländern wie Indien gerade auf ihr Gegenteil hinaus. Der Glaube an den Fortschritt ist dort in weiten Teilen der Gesellschaft gerade erst am Erwachen.

Überhaupt muss der ganze Großfragekomplex ´Moderne-Postmoderne`, das Projekt und der Prozess der Weltdynamisierung, (cf. Hartmut Rosa: Beschleunigung, 2004) für Indien ganz eigens gedacht werden. Im Bewusstsein, dass ´unsere` Begriffe in derlei Analysen lediglich behelfsmäßig funktionieren, hat Indien das Projekt, dessen politische Dimension in Europa bis auf weiteres gescheitert ist – die Moderne – übersprungen: Indien ist postmodern, ohne jemals modern gewesen zu sein! Oder in anderen Worten: Der Mangel an Moderne, drückt sich in Indien als eine Vielzahl an Modernen aus (Cf. Dipankar Gupta: Mistaken Modernity. India Between Worlds, Noida 2011, p. 9. : "multiple modernities" – ein Plural der im Deutschen gar nicht existiert). Diese These versucht zu beschreiben, dass in Indien fast in jedem Bereich des öffentlichen Lebens (Infrastruktur, Bildung, Zugang zu Informationen, Grundversorgung et al.) in hohem Maße regionale wie soziale Diskrepanzen und Assymetrien bestehen.

fast-track meets status quo

Die Präsenz paralleler Entwicklungsstadien, geht einher mit einem Zustand massiver Ungleichzeitigkeit, der die bestehenden sozialen Hierarchien, in einer spezifisch ineinander verflochtenen Art, weiter auf Distanz zueinander hält, beziehungs-weise vergrößert. Spricht man also über das heutige Indien, so sind mindestens drei Zeitdimensionen zu berücksichtigen: Diese werden an modernen Flughäfen, kolonialen Bahnhöfen und in provinziellen Kleinbusstandorten ersichtlich; eine Situation, die sich auf die These bringen ließe: Die Fortbewegungsmittel repräsentieren und bedingen den jeweiligen Status des Fortschritts.
Im Flugzeug und für alle in ihm Reisenden herrscht Weltzeit – New Delhi, New York, London, Tokio – it doesn`t matter – den Takt des Tages bestimmt die Börse und das kosmopolitische Publikum reist mit I-Phone und deutscher Pünktlichkeit.
Im Zug kommt es da bereits zu
landestypischen Verzögerungen, die vornehmlich auf das Konto der überalteten ´Hardware` (Schalter, Gleise, Loks, Wagons) und die endlose Flut der Zugfreunde gehen, wobei zumindest noch eine Abfahrts- und Ankunfts- Zeit anvisiert wird.
Im Falle der Transportmittel auf dem Land - vornehmlich Busse -, sieht diese Rechnung hingegen anders aus, sie existiert nicht. Zeit spielt hier keine Rolle (hat sie noch nie getan). Weder gibt es konkrete Ankunfts- oder Abfahrtszeiten – der Bus fährt wenn er voll ist -, noch haben die damit Reisenden einen Terminkalender, der exaktes Zeitmanagement von ihnen fordern würde. Die Hindi-Floskel "paatsch minite" (5 Minuten) ist eine Zeiteinheit bis zu einer Stunde und das Wort ´kal` kann sowohl ´gestern` als auch ´morgen` bedeuten.
Entscheidend an dieser
Analyse ist, dass viele Inder unter Umständen in allen drei Zeitdimensionen zu Hause sind. Auf Geschäftsreise in der Weltzeit, bei der Rückfahrt vom Flughafen in der nationalen Zeit und beim Besuch der Schwiegereltern auf dem Dorf in der Zeitlosigkeit – völlig bruch- und widerspruchslos. Diese Crossover-Biografien bilden den Kern der Aussage von der Postmoderne ohne Moderne.

Die Homogenisierung andersartiger Zeitbegriffe im Zuge der Globalisierung wird in Zukunft an Rasanz weiter zunehmen. Spannend bleibt, inwiefern die Heterogenität Indiens dabei prägend und damit widerständig bleibt.

Anmerkungen
1. Kitna baja hai - (hindi): Wie spät ist es?
2. Die hier gemachten Ausführungen speisen sich aus meiner zehnmonatigen Erfahrung als Deutschlehrer am Ranade Institut, University of Pune.

18:15 04.11.2012
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Geschrieben von

Wiesengrund

"Die Möglichkeit, dass die Welt zu schön werde, ist für mich so arg schrecklich nicht." (Adorno)
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