Literatur aus der 2ten Reihe. 1 Augsburgbuch

Buchrezension Reinhard Gammel: „Augsburg – Kaff der guten Hoffnung. Vergammelte Werke 2001-2011“, 360 Seiten, ISBN: 976-3-85040-728-1 - Preis: 21,90 €
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Literatur aus der zweiten Reihe.Ein vergammelter Tribut an die Brechtstadt

An nicht wenigen Stellen hört man ihn heraus, den Bertolt und vielleicht auch ein bisschen den dialektischen Humor vom großen Bruder vom Bertolt – Karl Valentin: „Ein DAS und ein DASS, / ist ein Unterschied, / wie ein HAS und ein HASS“ (S. 76); oder „Vielleicht / Was für ein Wort / Viel und Leicht“ (S. 175).

Hier schreibt ein Mensch, ein philosophisch motivierter, der den Bedeutungen der Worte ganz buchstäblich nach hört und ihre eigentlichen Aussagen in Frage stellt: „Warum spielst du den Lockvogel / Immer nur ohne zu vögeln?“ (S. 146)

Auch wenn der Eindruck hier einen Brecht-Adepten mit erhöhter Sprachkompetenz vor sich zu haben im Gedicht Rest Posten relativiert wird:
„Habe Sprache verhunzt gekotzt und gemangelt /
Die täglichen unsäglichen Phrasen /
Vergammelt habe mich abgefunden mit Beton“
(S. 169),

wird LeserIn den Eindruck nicht los, dass da einer durchaus gekonnt nach Worten ringt, mit denen sich der Welt adäquat zu Leibe rücken lässt. So wie im Gedicht „Dilemma“, in dem das lyrische Du und das sprachliche Kostüm problematisch ineinander fließen.

Dilemma

Wenn ich erst
Jeden Zoll von dir
Kenne um ihn in
Worte zu kleiden
Dann geht mir
Der Stoff aus.
(S. 125)

Oder in „ABC“, wo sich der Brecht-Bezug bestätigt:

ABC

Die Augsburger
Sagen jetzt
Brecht sei ein großer
Dichter gewesen

Sie hängen eine Tafel
An das Haus
Wo er wohnte
Und verlangen Eintritt

Warum verschweigen sie
Den Weg zu meiner Behausung?
Ich liebe sie auch doch
Sie können nicht lesen
(S. 356)

Ja, der Autor Reinhard Gammel liebt Augsburg und dessen BewohnerInnen – was genau das für eine Liebe ist, dazu weiter unten noch – und ist dabei ein Nachfolger Bertolt Brechts, der es schwer hat. Er steigt in große Fußstapfen, worauf er sich ganz hemdsärmelig versteht, denn die Herausforderungen die seinen Vorgänger umtrieben sind nicht kleiner geworden. Im selbst geführten Interview heißt es dazu: „(Frage): Sie zitieren und beerben gerne mal Brecht, wenn es Ihnen passt... (Antwort): Ach du große Bleiche! Mein Vorfahre war der letzte Sohn der Stadt, der der Welt was zu sagen hatte, ohne hier Gehör zu finden“ (S. 230). Etwas später wird vom Autor selbst der Grund für die Gehörlosigkeit gegenüber dem größten deutschen Dramatiker des 20. Jahrhunderts benannt: „Du hast, Brecht, falsche Theorien aufgestellt. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, und das Große bleibt groß, und das Kleine bleibt klein. Hegel war ein Ekel, sein Enkel Marx ein falscher Prophet, und du bist ihnen auf den Leim gegangen. Denken ist kein Genuss, sondern Arbeit. Das heißt heute Teamwork. Es wird auf verschiedene Hirne verteilt, die sich in einem Produkt ansammeln. Wie bei Ihle die Semmeln. Das ist Kultur. Angesammelte Semmeln“ (S. 300).

Der Augsburger Großbäcker Ihle steht hier für die Arbeitsteilung, die inzwischen auch in der Kultur Einzug gehalten hat, Pate. Sammeln und Semmeln und dazu dumm wie Weißbrot; Brecht hätte es nicht anders formuliert.

Und die Augsburger BürgerInnen essen so gerne Ihle-Semmeln! Zwar halten sie jährlich ein Brecht-Festival (ABC) ab, aber ihnen ermangelt es an dem entscheidenden Happen Humor, um Brechts Hintersinn zu verstehen. „Am meisten enttäuscht mich, dass sie [..] deine Witze nicht verstehen.“ (S. 301)

Quasi Voyeurismus

Mit seinem Buch „Augsburg – Kaff der guten Hoffnung. Vergammelte Werke 2001-2011“, erschienen im Vindobona Verlag, legt Reinhard Gammel eine schonungslos offene Publikation vor. Schonungslos offen insofern, als dass der Autor sowohl intime Details seiner bewegenden Vater-Sohn-Geschichte als auch erotischer Begegnungen sowie seines Verhältnis` zur Augsburger Medien- und Kulturszene vorlegt.

„Ich bin der Zusammenhang“,heißt es auf Seite 29 der hassgeliebten Hommage an die schwäbische Metropole; zwischen der emanzipations-chancenhaften Vergangenheit, der semmeldummen Gegenwart und der Fragezeichenzukunft. Gammel, der Brecht-Epigone empfindet sich seiner Zeit voraus, denn in Augsburg „herrscht [nach wie vor] die kleinbürgerliche Engstirnigkeit“ (S. 34) und „Geschichte macht bei uns der Trachtenverein“ (S. 316).

So bleibt dem Autor seitenweise nur Frustration übrig (1), gepaart mit der Erfahrung, dass er doch dazu gehört (2) – "Kaff der Guten Hoffnung" eben:

(1) Zukunft

Aus mir hätte mal
Was werden können

Ich dachte wie ein Mann
Und fühlte wie eine Frau

Dafür war die Zeit
Aber noch nicht reif
(S. 188)

(2) Augsburg

Weil ich dort die Sprache spreche
Die Wege kenne
Die Obdachlosen
Mit den Drahtkarren
Und den Plastiktüten
(S. 305)

In jedem Fall ist der Autor einer, der noch nicht kapituliert hat, obwohl die Wirklichkeit ihm, wie man im Buch an mehr als einer Stelle erfährt, genügend Anlaß gegeben hätte, die Segel zu streichen.

„Ausgebombt. Ohne Krankenversicherung, ohne Rentenanspruch.“ (S. 22)

„Ich habe keine Vision mehr, nicht mal mehr irgendeine ausdenkbare Lebensperspektive.“ (S. 27)

Und auch über die Beschriftung seines Grabsteins hat er sich bereits Gedanken gemacht:

Ich benötige keinen Grabstein
Wenn ihr einen für mich wollt
Schreibt drauf
Er hat Ideen gehabt
Wir haben sie abgelehnt.
(S. 140)

Kämpfen wie ein Punchingball

Reinhard Gammel ist kein Literaturinstitut-Abgänger und kein vom Verlag geförderter Schriftsteller, sondern einer der sich das Schreiben selbst bei gebracht hat; aus purer Notwendigkeit heraus.

Gammel kämpft weiter, steht immer wieder auf, sammelt sich, schreibt sich um Kopf und Kragen, wie die Hinterlassenschaften aus 10 Jahren beweisen. Nach dem Prinzip Hoffnung versucht er sein Narrativ zu finden, etwas Unzerstörbares zu hinterlassen, ein Erbe zu kreieren, das frei ist von Dividende und Steuerfragen. Ihm geht es nicht um den geschäftlichen Erfolg, sondern um`s nackte Überleben. Literatur als Überlebensanker in einer Treibsandwelt – Literatur aus der Zweiten Reihe.

„In Erwägung, dass ich nichts weiter wollte als die Welt ein bisschen schöner zu machen.“ (S. 235)

Gammel versucht zu intervenieren, ihm ist seine Umwelt nicht egal. Er ist im klassisch-modernen Sinne ein Engagierter. „Ich lebe in einer Umwelt des religiösen Aberglaubens und der hierarischen Strukturen. Der Dummheit, des Suffs und der Indolenz. Da fühlt man sich nicht wohl, sondern man leidet. Oder man versucht, dagegen anzukämpfen. Ich bin kein Kämpfer, bin ich nie gewesen. Aber ich glaube, ich kann, wenn ich von mir rede, anderen Menschen Ideen einflößen. Das finde ich irgendwie geil.“

Anthologie der Eigenart

Die Texte, die thematisch unter drei Stichpunkte summiert werden können – Augsburg, Biografisches und Sex – ergeben in toto eine Tonne voller Lebenserfahrung. Wer das Buch aufschlägt, ist zwar zunächst konfrontiert mit einem wahren Genremix – Essays, Lyrik, Memoiren – und fühlt sich vielleicht ein wenig allein gelassen damit. Denn der Autor hat kein Vorwort geschrieben, keine Bedienungsanleitung für seine diversen Werke beigelegt. Doch das Patchwork der Dichtung ist vermutlich repräsentativ für die Fülle an Bewegung, die das Leben des Autors und damit auch die vorgelegte Literatur bestimmt. Und wer sich einlässt auf die eigenartige Anthologie eines beispielhaft bewegten Menschen, der wird fest stellen, dass hier etwas steht, was durchaus einen Charakter besitzt, einen ganz besonderen. Der wird vom direkten Stil und den missratenen Inhalten dieser "Vergammelten Werke" angestoßen.

Don Quichotte der Fuggerstadt

Da liest man vom Sturm und Drang der 68er, von einer missglückten Migration in die Dominikanische Republik und von der Rückkehr und Auseinandersetzung mit Augsburg (Vgl. „100 Tage Einsamkeit“, S. 10-34).

Seine Themen sind das Schicksal, die Not, das Sinnschmelzen und die Menschlichkeit an Augsburger Orten des Grauens, wie er es nennt. Eine Topografie des Existenzialismus: Ob Alter Einlass, Milchberg oder Maximilianstraße, Gammel misst hier überall das Barometer der gesellschaftlichen Regression (Prädikat: sehr wertvoll)
„Wenn es geregnet hat, und es ist oft nass am Milchberg, kann man sich beim Probe fahren mit dem Mountainbike [...] in einer Straßenbahnschiene schnell eine Gehirnerschütterung holen.“ (S. 41) oder „Bahnhofstraße. Die ist wie alle.“ (S. 43) oder „Bei St. Max. Da gibt es das, was in Augsburg liegen geblieben ist.“ (S. 44) oder Frauentorstraße „Was für eine Chance für diese Stadt. Ein Frauentor.“ (S. 50) oder Häspelegäßchen „Solche Gassen machen keine Kasse. Aber sie sind Klasse. Arbeiterklasse.“ (S. 52) oder Klinkerberg „Hier wohnt Poe. Nicht der nackige, knackige, sondern der gruslige klapprige. Edgar Allen aus dem Nibelungenlied.“ (S. 58) oder Springergässchen „Ein Werden. Man kann es nicht anders nennen.“ (S. 66).

Chronologisch sortiert erfolgen im Weiteren Reden, Laudationes, Essays und Stellungnahmen zu allen möglichen und unmöglichen Ereignissen. Zum Beispiel zum Friedens Open Air-Verbot, zu Weichen Drogen, zur Bildung, zum Einkaufen beim Norma, zu Fukushima, zum Künstlerprojekt Muhackl und Blutwurst sowie Jean Stein, selbst das studentische Regenbogenblatt Presstige entgeht ihm nicht; ein Knaller insbesondere der Verriss des unterirdischen Augsburger Extras – das muss man gelesen haben (S. 338)! Gammel liefert so eine Dokumentation des Augsburger Kulturbetriebs unter besonderer Berücksichtigung der Taten der Augsburger Allgemeinen Zeitung – Eine Windmühlenkampfbeschäftigung...

Als wachsamer Bürger, ganz der Aufklärung verhaftet, lautet seine Devise: Augsburg braucht mehr Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und dazu ideologiekritisch: „Drei Fragen muss Augsburg beantworten: Wie kann man reich werden wie Fugger? Wie kann man Gefühle haben wie Mozart? Wie kann man Witze machen wie Brecht?“ (S. 258)

Schnörkelloser Realismus

Reinhard Gammels Sprache enthält keine großen Metaphern, kaum komplizierte Bilder, wenig verspielte Poesie. Mal ein Zeilensprung, eine Alliteration, häufig gepaarte Reime, noch mehr Ellipsen, ansonsten nur vorwärts drängende Hauptsätze. Er schreibt ehrlich, pointiert und überzeugt. Nicht von sich, aber von den Erfahrungen des Lebens und von der Richtigkeit der Vernunft. Sie bringt die Dinge unverhohlen, phrasenlos auf den Punkt. Manchmal steht am Ende auch ein Fragezeichen; Sokrates ist, gerade bei den „Übrigen Meinungen“ (S. 192-356) nie fern. Eben so speist sich seine Literatur aus den Affekten des Alltags, den Ungerechtigkeiten der Welt. Sein Sprache ist: Realistisch. Ganz unvermittelt politisch. Meistens. Denn manchmal ist er auch bloß existenziell – dann ist seine Literatur, unter ästhetischen Maßstäben betrachtet, am Stärksten (Vgl. Ratlos, S. 168). Was besonders bei den Gedichten (S. 73-190) auffällt: Überall springt einem das lyrische Ich ins Auge, eine Situation, die kaum Raum für andere Leseerfahrungen lässt. Man nimmt ihn überall wahr, den gebrochenen, kämpfenden Autor. Meist im Dialog mit seinem Alter Ego, mit den spießigen Bösewichtern oder mit diversen weiblichen Figuren, wo es selten Mal romantisch wird (Vgl. Aufwachen, S. 114).

Strophen voller Sex

In diesem Metier ist der Autor zu Hause. Jedes zweite Gedicht dreht sich bei ihm um die natürlichste Sache der Welt. Man weiß es nicht und fragt sich schon, was die Ursache für die ubiquitäre Äußerung des Kopulationsakts sein könnte? Versucht der Autor Grenzen auszutesten, seine Erfahrungen zu verarbeiten, seine Lüste zu befriedigen, gedenkt er gar zu provozieren? Im Gedicht Sechzig – zu seinem Geburtstag – heißt es dazu selbstbewusst: „Ich häng euch Nackte an die Wand / Zeig euch den Abgrund und den Rand / Den Kopfstand und die Pfütze“ (S. 330).

Da ist ein Autor-Mann, der seine Gelüste offensiv, fast notgeil, publiziert: Imponiert oder irritiert das? Wenn er schreibt:

„Annelie habe ich in Rumänien kennen gelernt. [...] Als ich ein Jahr später nach Berlin emigrierte, ergab es sich geradezu von selbst, dass ich sie [...] vögelte.“ (S. 45) oder„Wellen kommen / Kommen über mich / Und ich in dir“ (S. 108) oder„Warum lässt du mich nicht zwischen deine Beine?“ (S. 146) oder „Nie Zitate und keine Griffe mehr in die Fotze“ (S. 153) oder „Du hast doch ein Loch / Dann zeig es mir doch“ (S. 161) oder „Ich zeig dir / Meine Größe / Du zeigst mir / Deine Möse“ (S. 166);

oder als Ganzes:

Einführung

Ich mag es halt
Am liebsten so
Wenn du bestimmst
Wann du kommst
Und wo

Wir brauchen da
Keine Worte für
Wenn du mich nimmst
Auf das Tor
Die Tür

Dein Raum hat Stil
Und Eleganz
Wenn du ihn führst
An das Ziel
Den Schwanz
(S. 128)

Der derart vorgeführte Sexualfetisch wirft Fragen auf, mit denen sich LeserIn auch heute noch, vermutlich eher ungern beschäftigt. Ist das Pornografie? Fühle ich mich beim Lesen als VoyeurIn ertappt? Natürlich sind wir keine Spießer – nichts Menschliches ist uns fremd – jedoch erscheint die barsche Trivialität der Hautabenteuer des Autors eher als obszön, denn als ästhetische Aussage. Charlotte Roche und Lady Ray Bitch, das sind die Margen, die es bei literarischen Unterleibsaktivitäten zu übertreffen gelte.

00:21 09.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wiesengrund

"Die Möglichkeit, dass die Welt zu schön werde, ist für mich so arg schrecklich nicht." (Adorno)
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