Andrej Holm
29.03.2012 | 10:43 6

Protest und Diskurs: Kreuzberg will kein Guggenheim-Lab

Kulturkommentar Berliner CDU- und SPD-Politiker stellen den Protest der Kreuzberger gegen das BMW-Guggenheim-Lab in die Ecke der Provokation und Intoleranz. Das greift aber zu kurz

Das BMW-Guggenheim-Lab – ein mehrwöchiges Event zur Erkundung städtischer Trends – hat sich nach Protesten von Anwohnern aus Kreuzberg zurückgezogen. Ein Großteil der Medien und die Regierung zeigen sich bestürzt und sehen mindestens den Standort (Henkel, CDU) und die Weltoffenheit (Wowereit, SPD) Berlins gefährdet. Doch den Protest in die Ecke der Provokation und Intoleranz zu stellen, greift zu kurz.

Seit der Stararchitekt Frank Gehry in den 1990er Jahren in Bilbao eines der weltweit spektakulärsten Funktions­gebäude für die Dependance des New Yorker Museums errichten ließ, ist der „Guggenheim-Effekt“ zum geflügelten Wort geworden. Die baskische Metropole erhielt ein neues Wahrzeichen, verwandelte sich in eine wichtige Destination der internationalen Tourismusströme und erlebte eine umfassende gentrification der umliegenden Nachbarschaften. Die aktuellen Tendenzen der Stadtentwicklung wurden wie in einem Brennglas sichtbar: Eventisierung der Stadtpolitik, gewünschte Aufwertungsimpulse von Großprojekten und Rückkehr privater Initiative.

Auch wenn in Kreuzberg von der dreimonatigen Zwischennutzung einer Brache keine Effekte wie in Bilbao zu erwarten waren, steht das Lab doch im Zeichen der aktuellen Veränderungen im Stadtteil. Die mittlerweile internationale Attraktivität für Touristen, Wissens­nomaden und Investoren lässt seit ein paar Jahren die Mieten kräftig steigen, und spätestens seit den Plänen für das Investitionsprojekt namens MediaSpree ist klar, dass die lokale Gestaltungskraft eines traditionell selbstbewussten Kreuzberger Protestmilieus zunehmend unter die Räder von überlokalen Dynamiken, Inwertsetzungsinteressen und Entscheidungen gerät. Zugleich ist Kreuzberg immer noch der Stadtteil Berlins mit den geringsten Einkommen.

Guggenheim-Effekt umgekehrt

In dieses umkämpfte Terrain platzte das BMW-Guggenheim-Lab und ließ kaum einen Fettnapf aus. Der Standort: das künftige Baufeld einer umstrittenen Luxuswohnanlage. Das Format: der Expertendiskurs. Die Beteiligten: eine private Stiftung und ein Automobil­konzern. Die zu erwartenden Effekte: internationale Aufmerksamkeit und ein Imagegewinn für Kreuzberg. Die Proteste gegen das Lab waren kein Ausdruck der Intoleranz, sondern sind vielmehr ein Akt der Selbstachtung gegen die Verdrängung.

Zudem gelang es den als „standtortgefährdende Chaoten“ (Innensenator Henkel, CDU) Gescholtenen ganz nebenbei, das eigentliche Ziel des hoch­dotierten Expertendiskurses im Lab zu erfüllen. Deutlicher als jede Podiumsdiskussion und jede Pecha-Kucha-Präsentation es vermocht hätten, erkundet der Streit um die Ansiedlung des Labs die Tiefen der aktuellen Konflikte des Städtischen. Kreuzberg steht dabei für das Gegenteil des Guggenheim-Effektes: Repolitisierung der stadtpolitischen Debatten, Stärkung der Bewohnerstrukturen und Proteste gegen Verwertungsinvestitionen und Selbstermächtigung der Nachbarschafts­initiativen.

Vielleicht wird dereinst der „Kreuzberg-Effekt“ zum Synonym für den Aufbruch der Nachbarschaften gegen eine unternehmerische Stadtpolitik – die Berliner Regierung könnte sich dann wenigstens über ein bisschen Weltruhm freuen.

Kommentare (6)

Nietzsche 2011 29.03.2012 | 14:23

Grundsätzlich kann ich der Meinung des Autors zustimmen. Dennoch bleiben Fragen offen: Dass seit ein paar Jahren die Mieten kräftig steigen – nicht nur in diesem Stadtteil – ist nicht nur der gentrification geschuldet. Aus meiner Sicht trägt dazu auch die Wohnraumverknappung durch ca. 20000 „Gästewohnungen“ – meiner Kenntnis nach auch in Kreuzberg – bei. Hier erlebe ich keinen Widerstand. Sind eventuell die Widerständler gegen das Lab als Gästewohnungsvermieter selbst Teil des Problems?

„Kreuzberg steht dabei für das Gegenteil des Guggenheim-Effektes: Repolitisierung der stadtpolitischen Debatten, Stärkung der Bewohnerstrukturen und Proteste gegen Verwertungsinvestitionen und Selbstermächtigung der Nachbarschafts¬initiativen.“
Ob diese Aussage für das Selbstverständnis aller Protestierenden – vor allem der Gewaltbereiten – gilt, darf angezweifelt werden.

memyselfandi 29.03.2012 | 19:26

So ganz stimmt das nicht, was der Autor da schreibt, und ein wenig Meinungsmache gegen die Berliner Poltitik und ein wenig Naivität, man könne die steigenden Mieten aufhalten sind da auch noch zu finden.

www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/161528/index.html
Das war gestern Thema in der Kulturzeit, in der auch ein Berliner Verantwortlicher zu Wort kam, der die Protestler sogar unterstützt (!).

Und ein kleines bisschen habe ich den Eindruck, dass es sich beim Protest um eine linke Form des Snobismus handelt, der Attitüde.

Darüber hinaus, dass ein steter Zuzug nach Berlin (von Wohnenden und Gästen) zu höheren Mieten führt ist schon irgendwie logisch, nachdem der Berliner Wohnmarkt eine Zeit lang sehr günstig war. Da muss sich der Berliner schon entscheiden, will er hipp sein und Weltstadt oder nicht, im letzteren Falle sinken auch die Mieten wieder.

laob 30.03.2012 | 15:25

Die Position von Andrej Holm bleibt merkwürdig oberflächlich, wie oftmals der gesamte Gentrifizierungs-Diskurs. Ich frage mich, welches gefühlte gestern eigentlich die Referenzgröße für das gelungene Morgen der so genannten Gentrifizierungsgegner ist? Bewegung und Impulse von außen werden ja offensichtlich ebenso wie die Veränderungen der jüngsten Vergangenheit abgelehnt. War aber die etwas älterer Vergangenheit in Kreuzberg wirklich so großartig, dass man sich ihre Wiederherstellung wünschen mag? Einfach nur dagegen sein ist einfach, aber noch kein Diskursbeitrag. Gesellschaftliche Widersprüche lassen sich auch nicht per martialische Kiezpose aus dem eigenen Sozialraum fernhalten. Ich würde mich darüber freuen, wenn die Debatte mehr davon liefern würde, wie die Stadt sein soll und weniger weltanklagende Aufgeregtheit gegenüber einer Entwicklung, an der die sich Aufregenden in der Regel selber teilhaben und sie mit erzeugen.

memyselfandi 30.03.2012 | 15:57

DR Kultur hat ein sehr schönes Gespräch zum Thema geführt, vor allem deshalb sehr schon, da deutlich erklärt wird, warum die Berliner in der Vergangenheit von günstigen Mieten profitierten und warum das jetzt nicht mehr möglich ist. Es tut immer gut, wenn diese Debatten von Leuten geführt werde, die sich auskennen und nicht per se eine Seite die andere Seite anklagt.
www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1717972/

Josef Knecht 31.03.2012 | 05:58

Der Marketingchef von BMW, Uwe Ellinghaus, im Manager-Magazin über das "Lab":
„Wir haben es hier mit einem interessierten, aufgeschlossenen Publikum zu tun, das wir mit traditionellem Marketing und herkömmlichen Kommunikationskanälen immer weniger erreichen. All jene, die ganz definitiv keine Autozeitschriften lesen und die sich weniger für Fernsehen, Print und andere traditionelle Medien interessieren. Diese Menschen erreichen wir mit Veranstaltungen außerhalb der üblichen Terrains einer Premiummarke wie beispielsweise dem Golfsport. Mit der Experiential branding-Strategie, und ganz konkret mit dem BMW Guggenheim Lab, möchten wir jene ansprechen, die heute vielleicht noch keine besondere Affinität zur Marke BMW haben. Natürlich erhoffen wir uns positive Abstrahlungseffekte auf die Marke BMW und auf das Unternehmen. Bislang war BMW die Marke für aufstrebende, für junge, für dynamische Menschen. Jetzt möchten wir bewusst zeigen, dass BMW viel mehr ist - das ist ein Paradigmenwechsel im Marketing von Premiummarken. Es geht mitnichten darum, möglichst viel für kulturelles Engagement auszugeben, sondern um eine langfristige, positive Wahrnehmung des Unternehmens als auch um die Reputation der Marke BMW"

Diese Image-Kampagne ist übrigens keinesfalls einzigartig. Im Mai 2011 hatte Audi mit dem „Urban Future Award" und der „Urban Future Initiative" in Architekturkonzepte investiert. In Kooperation mit dem New Museum in New York sollten in Workshops und Diskussionsveranstaltungen Konzepte der neuen Mobilität und Stadtentwicklung entworfen werden. VW kooperiert mit dem Museum of Modern Art und will im Rahmen der Kampagne "Think Blue" mit den MoMA-Leuten Nachhaltigkeitsprojekte entwickeln.
Und wie sich private Autokonzerne die öffentliche Stadtplanung von morgen vorstellen, dürfte auf der Hand liegen.
www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/0,2828,771500,00.html
https://gentrificationblog.wordpress.com/2012/03/21/berlin-danke-guggenheim-danke-kreuzberg