Unbestechlich subjektiv

Randgänge Christa Wolfs Romane stehen für ein DDR-Gefühl ohne jede Verklärung. In der Filmedition Suhrkamp ist nun die DVD "Der geteilte Himmel" erschienen

"Wir wussten damals nicht, was vor uns lag – keiner wusste es –, was für ein Jahr vor uns lag. Ein Jahr unerbittlichster Prüfung, nicht leicht zu bestehen. Ein historisches Jahr, wie man später sagen wird", schreibt Christa Wolf in Der geteilte Himmel über das Jahr 1961, das Jahr des Mauerbaus. Dasselbe könnte über das Jahr 1989, dem Jahr des Mauerfalls, geschrieben werden, das Jahr, in dem Christa Wolfs Erzählung Selbstversuch verfilmt wurde.

In Christa Wolfs Biographie liegen zwischen den Erzählungen Der geteilte Himmel (1963) und Selbstversuch (1989) Ereignisse wie politische Angriffe auf Der geteilte Himmel, das 11.Plenum der SED, auf dem die Autorin ihr Vertrauen in die sozialistische Macht begrub, mehrere gescheiterte Filmprojekte, der Beginn einer 20-jährigen Überwachung der Familie Wolf durch die Stasi. Das alles trug zu Christa Wolfs allmählicher Überzeugung bei, dass Kunst und Macht nicht länger partnerschaftlich verbunden sind, es vielleicht auch nie sein konnten. Sondern dass künstlerische Verantwortlichkeit gerade in der subjektiven Wahrnehmung von Realität, in Erfahrung liegt.

Das wurde Christa Wolfs Besonderheit: ihre unwiderstehliche Subjektivität und auch Sorgfalt, mit der sie oder ihre Protagonisten Geschichte erleben. Im besten Fall galt es, diese Subjektivität mittels Verfilmung einzufangen.

Der Film Der geteilte Himmel schafft das. Regisseur Konrad Wolf bleibt mit bis heute ungewöhnlichen lyrischen Gestaltungsmitteln dicht an der Protagonistin Rita. Ihre Empfindungen, Beziehungen zu anderen und auch höhere Zusammenhänge, sogar Überzeugungen werden visuell erlebbar gemacht. Dazu gehören die extreme Kameraperspektive, als Rita in Ohnmacht fällt, die regelmäßige Totalaufnahme des Werkeingangs in Ritas Alltag oder die aufwendigen szenischen Arrangements bei Ritas Besuch in Westberlin. Unvergesslich in ihrer Kühnheit ist die Sequenz, in der die Bremsprobe des neuen Waggonzuges parallel geschnitten wird zu Juri Gagarins Flug ins Weltall. Die Intensität des Films beeinflusste wiederum die Rezeption des Buches. Rolf Meternagels Gesicht stellt man sich seither mit Hans Hardt-Hardtloffs verhärmten Zügen vor, Manfreds Sätze in Eberhard Esches Sprachduktus oder das "braune Fräulein" mit der Anmut von Renate Blume.

Eine derartige suggestive Kraft erreichte Peter Vogels Fernsehfilm Selbstversuch mit Johanna Schall in der Hauptrolle nicht. Ist im Geteilten Himmel die Ortsbestimmung DDR Teil der Idee, spielt die Handlung vom Selbstversuch nirgends mehr. Im Science-Fiction-Ambiente wird eine Frau experimentell zum Mann. Filmische Mittel, die die besonderen Situation der Heldin unterstreichen könnten, werden kaum verwendet. Vielleicht ist die Geschichte auch gar nicht verfilmbar; Nichtverfilmbarkeit bezeichnete Christa Wolf einmal als Kriterium guter Prosa: "Die Prosa sollte danach streben, unverfilmbar zu sein. (…) Sie sollte unbestechlich auf der einmaligen Erfahrung bestehen und sich nicht hinreißen lassen zu gewaltsamen Eingriffen in die Erfahrung der anderen, aber sie sollte anderen Mut machen zu ihren Erfahrungen."

Was diesen unersetzbaren Rohstoff Erfahrung betrifft, ist er bis heute Grundlage für Ostbewusstsein geblieben, für ein DDR-Gefühl als Identifikation ohne jede Verklärung. War für Christa Wolf persönliche Wahrnehmung schon früh ein Mittel, um authentisch zu bleiben gegenüber dem von oben geforderten objektiven Bild vom Sozialismus, so wurde nach dem Mauerfall die Subjektivität von Millionen DDR-Biografien die einzige Alternative zum offiziellen Geschichtsbild der Sieger. Dazu gehört der grundverschiedene Umgang beider Staaten mit Deutschlands Nazivergangenheit. In ihrer Rede am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz nahm Christa Wolf den Wende-Begriff kritisch unter die Lupe, fand die implizierte "Kehrtwendung" genauso ungeeignet wie Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz später das Wort "Wiedervereinigung", das sie fatal an "Wiedergutmachung" erinnerte.

Die Ausgabe der Christa-Wolf-Doppel-DVD in der Filmedition Suhrkamp ist reichlich mit Extras ausgestattet. Neben beiden Filmen sind lange Interviews mit Christa und Gerhard Wolf zu sehen, ferner Christa Wolfs Auftritt am 4.November 1989. Das Ganze wird abgerundet durch ein informatives Booklet, in dem Ulla Unseld-Berkéwicz über Christa Wolfs Literatur schreibt, Ralf Schenk über ihre Arbeit beim DEFA-Film und Christa Wolf sich selbst an Konrad Wolf erinnert – auf angenehm subjektive Weise.

Konrad Wolf: Der geteilte Himmel. Nach der Erzählung von Christa Wolf, 116 Minuten + Extras. s/w Zwei DVDs u.a mit Peter Vogels Fernsehfilm Selbstversuch (105 Minuten). Booklet u.a. mit Texten von Ulla Unseld-Berkéwicz, Christa Wolf. Filmedition Suhrkamp 7Auf

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