Ich schlafe schlecht: Priya Guns’ „Dein Taxi ist da“

Ausbeutung Priya Guns’ rasanter Roman „Dein Taxi ist da“ hält so manchen Leser:innen den Spiegel vor und liest sich dabei wie ein wütender TikTok-Roman
Ausgabe 10/2023
Eine Stadt, die nie schläft: Colombo in Sri Lanka
Eine Stadt, die nie schläft: Colombo in Sri Lanka

Foto: Imago/NurPhoto

Ich komme an manchen Tagen erst um zwei oder drei Uhr nachts nach Hause, schlafe fast immer schlecht, und um sieben bin ich schon wieder auf den Beinen“, so beschreibt Damani ihren Arbeitsrhythmus als Fahrerin bei RideShare, einem Fahrdienstvermittler, ähnlich Uber. Damani ächzt, sie verdient immer weniger, doch sie beißt die Zähne zusammen, denn die absolvierte Anthropologin mit tamilischen Wurzeln muss auch ihre kranke Mutter mit durchbringen.

Dein Taxi ist da ist der Debütroman der in Jaffna, Sri Lanka, geborenen und in Kanada aufgewachsenen Schriftstellerin und Schauspielerin Priya Guns. Die Globetrotterin – zeitweise lebte sie auch im Libanon, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in der Türkei – studierte Creative Writing in London, wo sie derzeit wohnt. Sie mag „Gartenarbeit und Gewichtheben“, heißt es zudem auf der Verlagswebsite.

Zurück zum Buch: In den meist kurzen, eins bis drei Seiten langen Kapiteln begleiten wir die queere Damani durch ihren Arbeitsalltag. Einige der Kunden sind Stammkund:innen, wie etwa die ältere Mrs Patrice, die zum Bingo gefahren wird. Guns’ Roman-Setting erinnert an die Serie Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers mit Kostja Ullmann. Mit dem Unterschied, dass Guns’ Text den Fokus mehr auf Damani legt, weniger auf die Fahrgäste mit deren Geschichten. Wenn Damani mal Zeit hat, trifft sie ihre Freund:innen meist im Doo Wop, einem ehemaligen Vertriebszentrum, das besetzt wurde. Es ist ein Schutzort, wo sich Nicht-Weiße begegnen, sich selbst organisieren, Workshops geben. Natürlich wird dort auch gegessen, getrunken, gefeiert. Damanis bester Freund Shereef besitzt eine Werkstatt und jobbt nebenbei ebenfalls bei RideShare. Wegen der neuerlich gekürzten Löhne möchte er streiken.

Alles wird anders, als sich Damani in die reiche weiße Jolene verliebt. Jolene lädt sie zu ihrer Wohltätigkeitsveranstaltung im gentrifizierten Viertel ein, wo Damani auf die High Society trifft. Sie fühlt sich unwohl, auch wenn ihre neue Freundin alles tut, damit es ihr gut geht. Tage darauf sehen sich Damani und Jolene im Doo Wop. Die privilegierte Jolene begegnet dem Ort mit großer Skepsis. Einmal kommt es zu einer heftigen Diskussion: Shereef denkt darüber nach, RideShare umzukrempeln. Mit mehr Mitsprache und einer Selbstverwaltung. Jolene mischt sich mit ihrer Perspektive ein, die Firma müsste ihre Vision ändern, die Fahrer:innen sollten mit Aktien beteiligt werden.

Systembekämpfer versus Symptombewältigerin. Als Shereef scherzt, dass er die RideShare-Zentrale bombardieren will, ist Jolene misstrauisch: Hat er sich radikalisiert? Jolene fasst einen verheerenden Entschluss …

Autorin Guns verweist auf die prekäre Lebenswelt armer People of Color, ihr Roman stellt dieser jedoch nicht plakativ „weiße Privilegiertheit“ gegenüber. Anfangs glaubt man, dass die schichtbezogene Kluft durch die Liebe überwunden werden kann. Gerade weil Jolene immer wieder beteuert, auf Damanis Seite zu sein, weil sie politisch denkt. Die Figur Jolene hält auch so manchem Leser den Spiegel vor, oder, in Damanis Worten: „Jolene teilte gerne, aber sie würde niemals all das aufgeben, was ihr das Teilen ermöglichte.“

Leider gerät Dein Taxi ist da mitunter plapperhaft. In einem Interview erläutert Guns, dass sie einen leichten Roman habe schreiben wollen, für Leute mit „geringer Aufmerksamkeitsspanne“, was nicht despektierlich gemeint sei (und weshalb vielleicht die 95 Kapitel oft wie Tiktok-Sequenzen wirken). Ihr Anliegen: Der Roman soll auch von denen gelesen werden, die normalerweise keine Zeit zum Lesen haben, weil sie zu sehr mit Arbeit beschäftigt sind.

Dein Taxi ist da Priya Guns Mayela Gerhardt (Übers.), Blumenbar 2023, 329 S., 23 €, erscheint am 14. März

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