"Ist Gunter schon da?"

Eventkritik In Berlin tritt Gunter Gabriel bei einer Veranstaltung gegen Wohnungslosigkeit und Armut auf – und erinnert sich an seine Zeit im Camping-Wagen
"Ist Gunter schon da?"
Hat nach eigenen Angaben kein Problem mit dem Leben am Existenzminimum: Gunter Gabriel

Foto: Thomas Gerloff

Gelegentlich gehen Politik und Showbusiness ja eine Art Symbiose ein. Das lohnt sich meist für beide Seiten. Dank anwesender Prominenz erringt die politische Botschaft bei einer Veranstaltung mehr Aufmerksamkeit. Im Gegenzug darf sich der Prominente damit schmücken, Gutes zu tun. „Celebrity politics“ nennen das Politikwissenschaftler, wenn U2-Frontmann Bono auf die Bühne geht und „One love, one blood, one life“ schmettert, um anschließend für einen Schuldenerlass der afrikanischen Länder zu werben.

In Berlin heißt die Antwort auf Bono an diesem kalten, grauen Montagnachmittag Gunter Gabriel. Der Internationale Bund hat auf einen Platz in Schöneberg zum Straßenfest eingeladen, um seinen 20-jährigen Einsatz gegen Wohnungslosigkeit in der Hauptstadt zu feiern und eine bundesweite Aktionswoche „Aktiv gegen Armut“ zu starten. Als Stargast hat man sich für den Countrysänger Gabriel entschieden – eine, nun ja, durchaus mutige Wahl.

Gabriel kennt Armut aus eigener Erfahrung. Nach kommerziellen Erfolgen in den Siebzigern („Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld!“) folgte sein Absturz. Schulden, Alkohol, Scheidung, schließlich lebte er zehn Jahre im Wohnwagen. Allerdings fiel der Sänger, der sich heute gern als deutsche Reinkarnation von Johnny Cash inszeniert, 2004 auch dadurch auf, dass er bei einem Auftritt in Eisleben vermeintliche Hartz-IV-Empfänger vor der Bühne anpöbelte. „Ihr habt ja so viel Zeit, sonst wärt ihr ja nicht am Nachmittag schon hier. Ich hab’ leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt“, sang er damals.

Erstmal ein paar Zahlen

Auf dem Straßenfest ist von Gabriel noch nichts zu sehen. Zur Einstimmung auf den ernsten politischen Sachverhalt der Armutsbekämpfung lesen Vertreter des Internationalen Bunds und der Berliner Landespolitik vor etwa 50 Menschen besorgniserregende Zahlenketten zur Situation Berliner Wohnungsloser von Karteikärtchen ab. Die Anwesenden quittieren das mit einer stummen Duldungsstarre, wie man sie auf politischen Veranstaltungen oft beobachtet. Irritiert stellt ein Zuhörer fest: „Hier is’ ja jakeene Musik!“ Dann folgen wieder Zahlen, dazwischen Stille. Schulkinder huschen zwischen den Herumstehenden hindurch.

Die Organisatoren bitten ihren anderen Gast auf die Bühne: Franz Trojan war mal Schlagzeuger der Spider Murphy Gang, lebte dann eine Zeitlang in einem Wohnungslosenheim und macht nun wieder Musik. Mittlerweile spielt er Gitarre. Er klettert auf die Bühne und singt Lieder wie „Johnny Walker ist mein bester Freund“, dazwischen grüßt er ins Publikum: „Du arbeitest doch in der Bar, in der ich immer völlig dicht war!“ Es ist ein ebenso kurzer wie gruseliger Auftritt. Ein Blick in die Gesichter vieler Zuhörer verrät, dass es für Unterhaltung dieser Art dann doch noch zu früh und zu hell ist. Das sieht auch Trojan ein, der sich nach drei Songs beim Publikum für die „geile Stimmung“ bedankt.

Wieder warten. Das Publikum ist mittlerweile auf etwa 150 Menschen angewachsen: „Wo ist Gunter?“ – „Ist Gunter schon da?“, hört man. Eiliges Nicken bei den Organisatoren. „Da issa!“, stößt eine Frau aus und zeigt in Richtung Bürgersteig. Dort hat Gabriel, auf dem Kopf eine neongrüne Baseballkappe mit großem G, gerade eine Frau in einem Snoopy-Trainingsanzug für ein Foto in den Arm genommen. Ein Raunen geht durch die Reihen, Gunter ist da. Der 70-Jährige läuft langsam auf die Bühne, vor dem Mikrofon hält er inne. Er versucht erstmal einen Witz: „Ich hätte gedacht, es kämen Millionen.“ Breites Grinsen. „Aber Zwanzigtausend sind auch okay.“

Begeistert von der eigenen Pointe legt Gabriel mit „Ich bin ein Berliner“ los, einem Song aus den frühen Achtzigern, in dem er „bei uns raucht der Kamin“ auf „ich komme aus Berlin“ reimte. Die Hauptstadt sei schon immer seine Geliebte gewesen, sagt er: „Ich hab’ immer eine leichte Erektion, wenn ich hier ankomme.“ So genau wollte man’s dann doch nicht wissen.

Mit Sprüchen dieses Kalibers garniert Gabriel viele seiner Lieder. Meist handeln sie von seinem Vorbild Johnny Cash oder von seiner eigenen Herrlichkeit, manchmal auch von beidem gleichzeitig. Das Publikum stört sich nicht daran. Viele zücken ihre Handys, während Gabriel seine persönliche Hitparade spielt. In der ersten Reihe hält eine Frau den Auftritt mit einem pinken IPad fest. Hinter ihr schunkeln in Outdoorjacken steckende Cowboys zu den zahlreichen deutschen Johnny-Cash-Coversongs.

„Die geilste Zeit“

Auch zum politischen Anlass der Veranstaltung hat Gabriel eine klare Haltung. Die „geilste Zeit, die ich in meinem Leben hatte“, erklärt er, seien seine wohnungslosen Jahre in einem Camping-Wagen in den Achtzigern gewesen. „Schon schlimm, aber so schlimm auch nicht.“ Er lebe seit Jahren am Existenzminimum und hätte damit kein Problem. Diese Botschaft ist dann womöglich doch nicht ganz im Sinne der Veranstalter. Solch romantisierenden Lobpreisungen der Genügsamkeit klingen in den Ohren wirklich Bedürftiger schließlich leicht wie Hohn.

Noch bevor seine Einlassungen die Menge zu spalten drohen, stimmt Gabriel aber mit „Hey Boss, ich brauch‘ mehr Geld!“ sein populärstes Lied an. Und auf diese Forderung können sich dann wirklich alle Anwesenden einigen. Nach einer gefeierten Zugabe mit einem Backenbartträger aus dem Publikum verschwindet Gabriel in einer Menschentraube, die Autogrammjäger um ihn bilden.

Auf der Bühne wiederholt der Moderator für alle Dazugekommenen noch einmal den Anlass der Veranstaltung und bittet dann den Politologen Peter Grottian herauf. Der kleine Platz in Berlin-Schöneberg leert sich allmählich. Die professoral vorgetragene Kapitalismuskritik Grottians erreicht nicht mehr allzu viele Zuhörer. Und wo ist Gunter? Der ist mit seinem Tourbus schon längst wieder verschwunden.

17:34 23.10.2012
Geschrieben von

Angelo D'Abundo

Das sehe ich nicht so.
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