Privilegiert oder prekär?

Inszenierung Der neuerdings verbreitete Vintage Chic sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Armut weiterhin ein gesellschaftlicher Malus bleibt, den viele lieber verbergen würden
Wilson Gonzalez Ochsenknecht, hier links neben seinem Bruder Jimi Blue Ochsenknecht sitzend, ist nicht nur an Mode interessiert. Auch an Distinktionsmechanismen
Wilson Gonzalez Ochsenknecht, hier links neben seinem Bruder Jimi Blue Ochsenknecht sitzend, ist nicht nur an Mode interessiert. Auch an Distinktionsmechanismen

Foto: Adam Berry/ AFP/ Getty Images

Der Jungschauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht hat ein Problem mit der Mode seiner Berliner Zeitgenossen. Wegen des allgegenwärtigen Vintage Chics verschwimme die Grenze zwischen Arm und Reich in der Hauptstadt ästhetisch zunehmend. Folglich „übersehen viele Menschen die Armut anderer Leute“. Ochsenknecht, der momentan für die Kampagne „One Warm Winter“ wirbt, die Winterjacken für Obdachlose sammelt, beschreibt ein interessantes Phänomen. Ob am Kottbusser Tor, in Mitte oder Wedding: Überall trifft man auf Twenty-Somethings und Junggebliebene, deren Mode prekäre Coolness ausstrahlt. Muffige Second-Hand-Mäntel, labbrige Hawaii-Hemden, ausgelatschte Sneaker – für Nichteingeweihte widerspricht das den geläufigen Prinzipien des Sich-ordentlich-Anziehens.

Tatsächlich spiegeln diese Vintage-Uniformen ein Lebensgefühl, das irgendwo zwischen provisorischen Lebensläufen und Zukunftsskepsis schlingert. Aber hat Ochsenknecht Junior recht? Kann man nicht mehr mit Sicherheit bestimmen, wo die modische Inszenierung endet? Wer aus der Not heraus abgefuckt rumläuft und wer sich freiwillig so anzieht?

Distinktion und Pose

Sollte jemand tatsächlich Privilegierte nicht von Prekären zu trennen wissen, sollte er sich kurz eines klarmachen: Wer sich bewusst kleidet, inszeniert sich. Und diese Inszenierung dient der Distinktion. Menschen nutzen ihre Kleidung, um ihre Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen auszudrücken. Aber eben auch, um mit den modischen Vorstellungen bestimmter Gruppen kreativ umzugehen. Insofern ist die Inszenierung des Prekären der Gestus einer Schicht, der es materiell besser geht, als ihr Outfit verraten möchte.

Die Darbietung endet aber spätestens dann, wenn das neue iPhone aus der Tasche gezogen wird. Die Ironie dabei: Wer unter realer Armut leidet, käme im Leben nicht darauf, sich freiwillig runtergekommen zu kleiden. Denn die ästhetischen Anleihen beim Prekariat sollten nicht darüber hinwegtäuschen: Armut bleibt weiterhin ein gesellschaftlicher Malus, den viele lieber verbergen möchten.

Mit einem genaueren Blick sollte daher auch Wilson Gonzalez Ochsenknecht in der Lage sein, die ästhetischen Darbietungen seiner privilegierten Zeitgenossen als Pose zu entlarven. Armut verschwindet nicht aus dem Alltag, weil Trendbewusste sie als modische Inspirationsquelle nutzen. Im Gegenteil: Im Berliner Alltag ist Armut allgegenwärtig. Zu viele haben sich nur angewöhnt, sie bewusst zu ignorieren.

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