„Wenn sich was ändern müsste, dann nicht nur für mich.“

Gesellschaft Jenseits aller politischen Aushandlungsprozesse um Mindestlöhne oder Entlastungsmaßnahmen ist Arbeit vor allem eins: Alltag. Fünf Menschen gewähren einen persönlichen Einblick und erklären, warum sie ihren Job trotz Belastungen machen

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Der Mindestlohn kommt. Trotzdem bleib Arbeit mehr als der Gehaltszettel am Ende des Monats
Der Mindestlohn kommt. Trotzdem bleib Arbeit mehr als der Gehaltszettel am Ende des Monats

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Die Arbeit vieler Menschen ist unentbehrlich. Grund genug, diejenigen, die an der Basis arbeiten, selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie sind in der Pflege, im Transportwesen oder Sicherheitsdienst tätig. Was gehört zu ihrem Alltag? Was macht Freude und bedeutet Entlohnung für sie? Und wie bewerten sie, was sein sollte oder ist? Fünf Gesprächsprotokolle zum Thema Arbeit und Leben zeigen das.

„Wir erkennen das Problem.“

Sorana*, 45 Jahre, Pflegehelferin

Ich fange um sieben Uhr an. Früher haben wir um sechs angefangen. Aber jetzt haben sich die Gesetze geändert. So dass die Bewohner nicht mehr um sechs zum Waschen geweckt werden. Man versucht schon die Leute, naja, ausschlafen zu lassen. Ich kann gucken, ist der Mensch schon wach. Wenn nicht, fängt man bei jemand anderen an. Aber um acht gibt es Frühstück, bis dahin müssen alle fertig sein.

An meiner Arbeit gefällt mir, wenn ich die Leute begrüße und sehe, dass sie sich freuen, dass ich da bin. Ich glaube, die Leute merken, ob jemand wirklich mit dem Herzen dabei ist oder nicht. Eine Kollegin sagte mal: wir sind die Letzten, die diese Menschen noch haben oder sehen. Wir sind diejenigen, die ihnen auf ihrem letzten Weg noch etwas Gutes tun können. Das hat mich sehr berührt. Denn es gibt wirklich Menschen, die niemanden mehr haben, die niemand mehr besucht.

Wirklich gut leben kann ich von meiner Arbeit nicht. Ich spare schon seit Jahren auf ein Auto, aber ich schaffe es nicht, mir ein Auto zu kaufen. Wir gehen nur zu bestimmten Zeiten, wenn wir uns das mal leisten, in ein Restaurant. Aber ich kann auch nicht sagen, mir fehlt Geld. Ich habe Geld auf dem Konto. In den Urlaub fahren kann man schon. Wir fahren meistens in ein Haus an der Ostsee, für 420 Euro die Woche. Das muss man rechtzeitig buchen, sonst zahlt man das Doppelte. Und das kannst du dann vergessen. In diesem Jahr fahren wir nicht in den Urlaub.

Wenn ich selbst ein Pflegeheim führen könnte, würde ich mehr Leute holen. Und natürlich anders bezahlen. In dieser Woche hatten wir wieder Supervision. Aber das bringt nichts! Es ging um die Qualität der Arbeit und um Konflikte unter den Kollegen. Am Wochenende musst du zum Beispiel auch die Küche machen. Denn am Wochenende haben wir keine Küchenkraft. Da bist du als Pfleger verpflichtet, die Küche zu machen. Aber das ist zu viel, wenn du sechs, sieben oder acht Leute waschen musst. Wir erkennen das Problem, das erkennen wir auch ohne Supervision. Aber wenn wir der Leitung sagen, wir brauchen Leute, sagen die nur: ,Das können wir nicht ändern‘.

* Sorana heißt in Wirklichkeit anders. Ihr richtiger Name liegt der Autorin vor.

„Der Kunde ist Prinz.“

Patrick, 34 Jahre, Berufskraftfahrer

Ich fahre hauptsächlich in Berlin, Brandenburg, manchmal noch Sachsen und Mecklenburg. Also alles, was man so an einem Tag schafft. Am Nachmittag bin ich immer wieder zu Hause. Wenn ich jetzt nicht verheiratet wäre und Kinder hätte, würde ich wahrscheinlich komplett Europa fahren. Aber ich habe ja auch ein Haus und alles. Was soll ich Geld für ein Haus bezahlen, wenn ich am Wochenende immer weg bin?

Spaß an meinem Job macht mir, ein großes Auto zu fahren. 40 Tonnen Sattelzug fahren, ist natürlich schon was geiles. Und dann hast du ja relativ viele Freiheiten. Ich muss ja mit dem Gabelstapler auf Baustellen oder beim Privatkunden selber entladen. Da habe ich immer so diese liebevolle Redewendung: der Kunde ist Prinz. Dann sagt der Kunde immer, warum denn Prinz? Heißt das nicht, der Kunde ist König? Dann sage ich nein. Sie können mir gerne sagen, wo Sie die Ware hinhaben möchten. Aber ich entscheide, wo was abgeladen wird und wo nicht.

Mein Job ist sicher und die Sozialleistungen, das haut schon hin. Was bei LKW-Fahrern natürlich ein heißes Thema ist: Jetzt haben wir auch das Problem mit den Kindern. Die sind ja nun relativ häufig krank. Der Große ist vier, der Kleine wird im Sommer zwei. Bei einer normalen Spedition, da kannst du nicht am Sonntag anrufen und sagen, mein Kind ist krank, ich kann nicht kommen. Dann sagt der Chef zu dir, du kannst gerne nicht kommen. Aber wenn du dann das nächste mal kommst, kannst du deine Papiere gleich mitnehmen. Und das ist bei uns alles ein bisschen sozialer.

Meinen Kindern würde ich später sagen, gebt immer euer bestes in der Schule. Damit sie es nicht so schwer haben wie ich damals. Sie sollen später mal das machen, worauf sie Bock haben. Wenn eines meiner Kinder sagt, er findet seine Erfüllung darin Hausmeister zu werden, dann muss er das machen. Und wenn er sagt, er will Medizin studieren, dann sage ich ihm, pass auf, dann musst du aber in allen Fächern eine Eins haben. Wenn er es schafft, ist super. Ich bin auf meine Kinder stolz, wenn sie das schaffen, was sie wollen.

„Das Ansehen wächst wieder.“

Brit, 56 Jahre, Ausbilderin

Ich arbeite in der Berufsvorbereitung mit jungen Menschen, die noch nicht so wirklich wissen, was sie werden sollen. Die Schwierigkeiten haben, weil sie keinen Schulabschluss haben, denen es psychisch nicht gut geht oder die schon straffällig geworden sind. Unsere Einrichtung bildet junge Menschen für viele verschiedene Berufe aus. Ich bin Ausbilderin für die Maler und Lackierer.

Am Handwerk macht mir Spaß, etwas Bleibendes zu schaffen. Ich kann heute mit meinen Enkelkindern durch Berlin fahren und ihnen zeigen: an dem Haus habe ich mal mitgewirkt. Oder die Tür oder die Fenster haben wir gestrichen. Die Anerkennung für das Handwerk kommt auch langsam wieder. Früher sagte man: Handwerk hat goldenen Boden. Dann aber war Handwerk eine Zeit lang so ein bisschen verpönt. Das wollten nur noch wenige wirklich machen. Jetzt aber ist jeder zufrieden, wenn er noch einen guten Handwerker bekommt. Das Ansehen wächst wieder.

Als Ausbilderin habe ich eine 40-Stunden-Woche, die ich auch mehr oder weniger einhalte. Es kann schon mal passieren, dass mich Teilnehmer zu Hause privat auf dem Handy anrufen. Dann gehe ich natürlich ran, weil sie mir ja wichtig sind. Das kann man auch nicht abstellen. Manchmal haben sie keine Eltern mehr oder keinen guten Draht zu ihnen. Wo sollen sie denn mit ihren Problemen hin? Einige meiner Teilnehmer bezeichnen mich auch als Mutti. Ab einem gewissen Punkt sage ich aber auch halt, stopp. Dafür gibt es Sozialarbeiter oder Psychologen bei uns in der Einrichtung. Dort sind die jungen Leute mit ihren Problemen dann besser aufgehoben.

Damit Menschen, wie wir sie begleiten, bessere Chancen haben, muss sich vieles ändern. Die Schulklassen müssten zum Beispiel viel kleiner sein. Das Bildungswesen müsste sich ändern und das fängt schon im Kindergarten an. Ich selbst bin sehr froh, dass ich nach der Wende nochmal eine neue Ausbildung gemacht habe und später die Zusatzqualifizierung zur Ausbilderin. Im Nachhinein war das für mich der beste Lebensweg. Den würde ich auch nicht ändern wollen.

„Es ist alles in Ordnung.“

Claudia, 61 Jahre, Mitarbeiterin im Sicherheitsdienst

Es gibt viele Möglichkeiten, was man als Sicherheitsmitarbeiter machen kann. Man kann doorman machen. Das heißt, man kann vor Einkaufszentren stehen oder in der Sparkasse. Man kann in der Disko als Einlasser arbeiten oder Veranstaltungen absichern. Aber ich hatte für mich persönlich das große Glück, eine Firma zu finden, die in einem Flüchtlingsheim arbeitet. Dort habe ich einen Arbeitsplatz bekommen. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, weil ich mit Menschen umgehen kann.

Der Sicherheitsmitarbeiter in einem Flüchtlingsheim ist 24 Stunden vor Ort. Deswegen arbeiten wir mit Schichten. Unsere Schichten sind 12-Stunden-Schichten. Immer im Wechsel. Mal Tag, mal Nacht. Aber mich stören die langen Arbeitszeiten nicht. Es passt ganz gut. Mir bereitet es auch keine Schwierigkeiten zwölf Stunden wach zu bleiben in der Nacht. Wir sind Wachleute und keine Schlafleute. So ist immer unser Spruch. Schlafen auf Arbeit wäre die Todsünde.

Von meiner Arbeit kann ich leben. Ob ich gut davon leben kann, weiß ich nicht. Gut ist ja relativ. Wir haben unser Auskommen. Das ist aber auch dem geschuldet, dass man eben 12-Stunden-Schichten schrubbt, Zuschläge kriegt für Nacht- und Sonntagsarbeit. Und dass man manchmal mehr als 40 Stunden die Woche arbeitet. Manchmal auch 60 Stunden. Wenn ich vier Schichten in der Woche habe, dann habe ich ja schon 48 Stunden. Habe ich fünf, habe ich schon 60. Ein anderer geht eben fünf Tage die Woche à acht Stunden arbeiten. Aber ich beschwer mich nicht darüber. Es ist alles in Ordnung.

Wenn sich was ändern müsste, dann nicht nur speziell für mich, sondern für viele Berufe. Heutzutage ist ja alles Dienstleistung. Die Reinigungskraft ist Dienstleistung, Gastgewerbe ist Dienstleistung, die Pflegekraft ist Dienstleistung. Auch der Manager dienstleistet eigentlich seiner Firma. Er hat die Verpflichtung, seine Arbeit so zu machen, dass andere, die unten am Fließband arbeiten, auch ihren Job haben, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können, oder? Eine gerechtere Entlohnung jeglicher Berufe, auch die der unteren Kategorie, muss besser gestaltet werden. Das sind sicherlich Fragen der Politik, die können wir hier nicht lösen.

„Arbeit ist das Wichtigste.“

Hamed, 30 Jahre, Erzieher und Student

Meinen ersten Job hatte ich in der 12. Klasse. In der privaten Schule meines Onkels war ein Lehrer nicht da. Da hat mich mein Onkel für eine Stunde als Mathematiklehrer in eine siebte Klasse geschickt. Als ich reinkam, dachten die Schüler, ich bin ein Schüler. Manche waren schon größer als ich und fast in meinem Alter. Zuerst haben sie mir nicht zugehört. Aber dann habe ich sie nicht wie ein Lehrer, sondern wie ein Freund unterrichtet. Sie haben Fragen gestellt und ich habe versucht, ihre Fragen zu beantworten. Später wollten sie, dass ich sie weiter unterrichte.

Jetzt bin ich Erzieher und studiere im dritten Semester Soziale Arbeit. Drei Wochen im Monat gehe ich zur Arbeit, eine Woche im Monat gehe ich zur Uni. Ich arbeite in einer Flüchtlingsunterkunft als Kinderbetreuer. Wenn die Kinder zwischen ein und drei Jahre alt sind, kommen sie mit den Eltern zu uns. Ab drei kommen sie alleine. Wir arbeiten nicht nur mit den Kindern. Am meisten beschäftigen wir uns mit den Eltern und damit, wie sie die Kinder erziehen. Manchmal kommen Eltern zu mir und bedanken sich, dass sich etwas verändert hat. Zum Beispiel, dass ihr Kind jetzt zuhört und darauf achtet, was sie sagen. Ich fühle mich gut, wenn ich nach Hause komme und mit meiner Arbeit etwas verändern konnte. Auch wenn es kleine Sachen sind.

Wenn man mit Menschen zu tun hat, ist jeder Tag unterschiedlich. Ich habe für mich einen bestimmten Weg gewählt. Wenn ich etwas ändern kann, versuche ich das zu ändern. Wenn sich zum Beispiel ein Kollege nicht gut mit mir versteht, versuche ich mit ihm zu sprechen und eine Lösung zu finden. Wenn es nicht in meiner Hand liegt, dass ich etwas verändern kann, dann denke ich nicht darüber nach. Dann bleibe ich freundlich und respektiere das.

Als Erzieher werde ich als Fachkraft bezahlt, deshalb bin ich zufrieden. Aber Geld ist nicht alles. Natürlich kann man ohne Geld nicht leben. Aber für mich bedeutet Arbeit auch, aus der Wohnung zu gehen, mit Menschen Kontakt zu haben und etwas geben zu können. Es ist gut, wenn man sein Wissen, sein Fachwissen, seine Lebenserfahrung nicht einfach für sich selbst behält, sondern an andere Menschen weitergeben kann. Arbeit hat deshalb eine große Bedeutung für mich, sie ist das Wichtigste.

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