„Es ist eine komische Zeit“

Großdemonstration Am 13.03.2022, siebzehn Tage nach Russlands Überfall auf die Ukraine, folgen in Berlin Zehntausende Menschen dem Aufruf „Stoppt den Krieg“. Frieden soll her. Doch wie sieht der richtige Weg dorthin aus? Und was kann man selbst dafür tun?
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Auf der Friedensdemonstration letzten Sonntag in Berlin
Auf der Friedensdemonstration letzten Sonntag in Berlin

Foto: Hannibal Hanschke/Getty Images

Aus der U-Bahnstation am Alexanderplatz drängen die Menschen auf die sonnige Freifläche zwischen dem wasserleeren Brunnen der Völkerfreundschaft und der Weltzeituhr. Es ist der dritte Sonntag nach Putins Invasion der Ukraine am 24.02. dieses Jahres, die zweite Berliner Großdemonstration für Frieden, und kurz vor zwölf Uhr. Der Himmel ist blau. Die Mittagssonne wärmt. Noch stehen die Menschen mit ihren improvisierten Pappschildern oder professionellen Transparenten lose beieinander. Einige halten Ausschau oder inne. Andere gehören zusammen.

So auch zwei ältere Damen, Freundinnen. Ihre Namen möchten sie nicht nennen, aber sie sind hier, weil sie für das Ende des Krieges in der Ukraine sind. Es sei schwer zu sagen, was die nächsten richtigen Schritte wären, denn die Erfahrungen hätten gezeigt, dass Putin „wirklich unberechenbar ist. Das sei das Problem.“ Und so führt die 82-Jährige, silberweißes Haar und Bobfrisur, an: „Das, was wir im Moment tun können, ist wirklich die Flüchtlinge aufnehmen und uns darum kümmern, dass sie versorgt werden.“ Der noch kalte Märzwind zerzaust ihr für einen kurzen Moment den Bob, bevor sie davon spricht, dass die Bereitschaft der Leute, sich um die Ukrainer zu kümmern, sehr viel größer sei. Sie vergleicht das mit den Menschen, die damals aus Syrien kamen und sagt, das mache sie traurig. „Kriegsflüchtlinge sind Kriegsflüchtlinge“, betont sie und ihre jüngere Freundin, die frierend den Kopf zwischen den Schultern eingezogen hält, nickt beständig.

Einige Meter weiter warten die 14-jährigen Schülerinnen Fanny, Jola und Marie auf den Anfang des Demonstrationszuges, der sich schon bald auf der Otto-Braun-Straße in Richtung Leipziger Straße formiert. Die jungen Frauen tragen hohe Jeans, dünne Jacken und leichte Beutel über der Schulter. Fanny sagt, sie wollen einfach Solidarität zeigen, weil das was ist, was man auch als Schülerin machen kann. Auch wenn man vielleicht nicht in der Lage ist zu spenden. Sie ist „gegen die Brutalität und alles“, was gerade wegen diesem Krieg stattfindet. Jola findet, dass man in Berlin so eine gewisse Stimmung merkt und dass es auch in den Familien ein großes Thema sei. Dass die Bundesregierung 100 Milliarden Euro in die Aufrüstung stecken will, ist ihrer Auffassung nach ein Thema mit viel Streitpotential. Welcher Meinung sie da sei, dazu möchte sie jetzt nichts sagen. Fanny ergänzt, dass man vor allem noch gar nicht beurteilen könne, ob das jetzt die richtige Entscheidung der Regierenden war oder nicht.

Verhandlungen statt Bomben

Im Gegensatz dazu hat eine Frau, die sich sehr zielgerichtet über den Alexanderplatz auf die abgesperrte Hauptstraße zubewegt, ein für sich klares Urteil gefällt. Sie trägt Basecap, Brille, ein weißes T-Shirt und stützt sich beim Gehen auf einen Stock. Über ihrer Schulter liegt der besenlange Holzstab ihres selbstgemachten Plakates. Es prangt über ihrem Kopf und trägt die Aufschrift: „Stoppt den Krieg! Verhandeln statt bomben!“ Danach gefragt, was ihrer Meinung nach helfen könnte, den Krieg in der Ukraine so schnell wie möglich zu beenden, sagt sie bestimmt: „Verhandlungen! Nur Verhandlungen! Nichts anderes!“. Sie drängt weiter, als sei alles gesagt. Dann hält sie doch kurz an, atmet schwer aus und fasst zusammen, was sie warum ablehnt und fordert: „Keine Waffenlieferungen, keine Kampfjets, sondern Verhandlungen, weil das alles bloß diesen Krieg verlängert. Wir brauchen eine Sicherheitsinnenarchitektur unter Einbeziehung Russlands, sonst geht das ewig weiter und sonst landen wir womöglich auch noch in einem Atomkrieg.“ Kurz klingt die Angst in ihrer Stimme durch. Doch dann sagt sie entschieden: „Letztlich ist Putin jetzt in einer Situation, wo er gar nicht mehr zurück kann. Das heißt, man muss ihm unbedingt etwas anbieten, damit er ohne Gesichtsverlust aus diesem Krieg rauskommt. Und das tun wir nicht, indem wir Kampfjets in die Ukraine liefern!“ Das sei alles, was sie dazu sagen kann. Dann zieht sie weiter und hält nach wenigen Metern kurz an, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Schließlich richtet sie ihr Plakat und reiht sich in den Zug der Demonstrierenden ein, die nun gemeinsam bis zum Großen Stern laufen werden.

Noch etwas unentschlossen blickt eine junge Familie auf die in Gang gekommene Kundgebung: Die Kinder, vier und sechs Jahre alt, die Mutter, sportlich mit orangener Mütze auf dem Kopf und der Vater, ein hochgewachsener schlanker Mann in weißen Adidas-Schuhen. Auch sie vier seien heute hier, um Solidarität zu zeigen, sagt er. Sie wollen auch den Kindern zeigen, dass da was passiere, es Menschen nicht gut gehe und man da mitfühlt. Zu Hause reden sie mit den Kindern schon über den Krieg, wenn natürlich auch nicht im Detail. Auf das anvisierte 100-Milliarden-Euro Rüstungspaket der Bundesregierung angesprochen, antwortet die junge Mutter: „Naja, das sind ja grundsätzlich nur die zwei Prozent, die wir sowieso als Nato-Ziel haben.“ Das mache für den Haushalt gar nicht so den Unterschied. Sie glaube, es war überfällig, aber auch „eine kommunikative Hau-Ruck-Aktion“ von Olaf Scholz, die sie nicht ganz glücklich fand. Dass man aber mal diese zwei Prozent erfüllen müsse und eine Bundeswehr hat, die funktionieren muss, das sei schon okay. Die Sanktionen seien zudem ein „wichtiges politisches Symbol“, findet sie. Auch wenn man sich nicht vormachen dürfe, dass es einen Unterschied für den Invasionsplan von Putin mache. Ihre Hoffnung sei, dass durch die Solidarität, hier und in allen anderen Ländern und - ja auch in Russland selbst -, dieses alte System von Putin nicht mehr funktioniere und von innen etwas aufbricht. „Zivilgesellschaftliches Engagement in Russland“ könnte einen Unterschied machen. Kurz darauf nimmt sie ihren Jüngsten an die Hand und die Familie verabschiedet sich. Auch sie laufen nun auf dem autofreien sechsspurigen Straßenbeton Richtung Siegessäule, der Sechsjährige an der Seite seines Vaters.

An der Weltzeituhr steht noch ein Paar, dass „lieber nicht“ seine Namen sagen möchte, aber ebenfalls gekommen ist, um zu zeigen, dass sie mit dem Krieg nicht einverstanden sind. Sie und er, Mitte und Ende Vierzig, haben auf beiden Seiten ihrer schneeweißen FFP2-Masken die blau-gelbe ukrainische Flagge im Kleinformat angebracht. Ernsthafte Verhandlungen, so seine Vermutung, werde es für die nächsten vier bis sechs Wochen nicht geben. Das sei „schon extrem deprimierend“, auch wenn er einräumt, dass er mit seiner Prognose natürlich falsch liegen könne. Traurig sei, so seine Frau, dass jetzt Leute, die russisch sprechen, angefeindet werden. Das verändere sich ihrer Annahme nach nicht nur in Berlin, sondern vielleicht auf der ganzen Welt. Das Krasse aber sei, dass sich der eigene Alltag ja gar nicht ändert. „Kommt noch“, sagt ihr Mann, „ja, vielleicht“ ist ihre Antwort. Es fühle sich so schlecht an, fährt sie fort, wenn man weiß, dass Leute sterben, verhungern, frieren, auf der Flucht sind. „Und wir arbeiten einfach weiter, machen unser Abendbrot und schauen, was im Fernsehen läuft. Also, ich finde es eine ganz komische Zeit.“ Das Paar vertieft das Gespräch und wägt – so wie wohl alle, die heute an ihm vorbeiziehen – die Hoffnungen gegen Wahrscheinlichkeiten ab. Wenn es nicht um die Realität ginge, sagt der Mann zum Schluss, und er sich was wünschen könnte, dann würde sich die russische Armee diese Woche noch zurückziehen, sagen, dass sie einen Fehler gemacht haben und um Entschuldigung bitten. Seine Frau lacht hell auf. Natürlich sei es absurd, dass das passiere. Da hänge bei denen auch zu viel dran. Zumal die Hälfte der Leute in Russland gar nicht weiß, was passiert. Aber er hoffe, dass „wir hier, also unsere Regierung und die europäische Union“ in die richtige Richtung lenken.

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