Medienschaffende diskutieren konstruktive Ansätze

Fachtagung Viele Menschen haben ein düsteres Bild von der Welt. Das produzieren auch Journalistinnen und Journalisten durch ihre Arbeit. Am Dienstag dieser Woche sprachen Medienschaffende auf einer Fachtagung über konstruktive Ansätze im Journalismus.
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„Wir müssen endlich Verantwortung für die Wirkung unseres Journalismus übernehmen“, forderte die Journalistin Ellen Heinrichs ihre Kolleginnen und Kollegen am 16.11.2021 auf dem vierten Constructive Journalism Day (#cjd21) auf. Damit verlangte die Leiterin des Digital Programming bei der Deutschen Welle in ihrem Vortrag auf der Fachtagung von NDR Info und der Hamburg Media School (HMS) die Art der klassischen journalistischen Berichterstattung zu verändern. Als vierte Säule der Demokratie, so Heinrichs, sei der Journalismus mit verantwortlich für den Zustand unserer Gesellschaft.

Zu negatives Weltbild und Ohnmacht

Hintergrund dieser Forderung sind Untersuchungsergebnisse, nach denen weltweit die Hälfte aller Jugendlichen die Menschheit für verloren hält. Ungefähr ein Drittel der Erwachsenen vermeidet hin und wieder den Konsum von Nachrichten. Die Summe der Nachrichten mache Angst, sei zu viel und zu negativ. Manche Menschen, so Heinrichs, die seit 2020 am Fellowship-Programm des Constructive Institute in Dänemark teilnimmt, würden direkt von der Leugnung der Klimakrise in die Haltung schlittern: „Jetzt kann ich eh nichts mehr tun“.

Auch Prof. Alexandra Borchardt, Journalistin und Leiterin des Journalism Innovators Program an der HMS hatte in ihren einleitenden Worten zur Fachtagung erwähnt: "Viele Menschen können sich mit dem ständig auf Alarm gestellten Ton der Medien nicht mehr anfreunden. Sie fühlen sich ohnmächtig und überfordert - und schalten ab.“ Heinrichs knüpfte dort an: „Verängstigte und überforderte Menschen stehen unter Dauerstress. Sie sind nicht mehr in der Lage kreativ über die Zukunft nachzudenken, engagiert an ihr mitzuarbeiten oder am öffentlichen Diskurs teilzunehmen.“

Verantwortung und Selbstreflexion

Heinrichs, die bereits 2019 und 2020 als Sprecherin auf der von der Schöpflin-Stiftung unterstützten Fachtagung auftrat, kommt deshalb zu dem Schluss: „Wir Journalistinnen und Journalisten müssen uns bewusst machen, was passiert, wenn wir die Menschen permanent mit Katastrophennachrichten bombardieren. Wir können nicht weitermachen als folge die Art, wie wir Journalismus machen, einer Art Naturgesetz.“

Diese Aussage knüpft an gut erforschte Zusammenhänge an, nach denen Medien Wirklichkeit nicht nur beschreiben, sondern auch erschaffen. Heinrichs führt an, dass ihre Berufsgruppe in der „luxuriösen Position“ sei, jeden Tag völlig frei zu entscheiden, über welche Themen sie berichten würden und auf welche Weise. In diesem Kontext könne man zum Beispiel Konflikte absichtlich verstärken oder dazu beitragen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Journalistinnen und Journalisten können sich zudem auf die Katastrophen und Krisen dieser Welt fokussieren oder ihren Blick für mögliche Lösungen weiten. Sie können die eigene Perspektive als selbstverständlich, als normal betrachten oder Vielfalt wertschätzen und sie neugierig suchen.

Forderung nach mehr Vielfalt im Journalismus

Heinrichs stellte in ihrem Vortrag auch die soziale Frage. Es könne nicht sein, dass Journalismus ein kaum erreichbarer Job für Arbeiterkinder bleibt, weil Praktika nicht bezahlt werden und die Eingangshürden mindestens ein Abitur, besser noch ein Auslandsstudium voraussetzen. Sie kritisierte zudem, dass in deutschen Redaktionen geschätzte 90-95% Menschen arbeiten, die keinerlei persönlichen Bezug zur Migrationsproblematik haben. Natürlich halten diese Menschen andere Geschichten für relevant als das Drittel der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte.

Die Journalistin führte weiter aus, dass in den letzten Monaten kein Format so heftig kritisiert wurde wie die politische Talkshow. Besetzt mit den immer gleichen Menschen, die im schlimmsten Fall zwar Prominenz, aber keinerlei nachgewiesene Sachexpertise für das Thema mitbringen würden. Und manchmal von Journalisten moderiert, die ihren Erfolg an der Empörungswelle messen, die ihre Sendung auf Twitter ausgelöst hat.

Heinrichs wünsche sich mehr konstruktive Debattenformate. Die habe es während des Bundestagswahlkampfes gegeben. Die Deutsche Welle habe zum Beispiel das Experiment gewagt, Politiker und Politikerinnen ins Publikum zu setzen und junge Menschen in die Talkshow-Sessel. Heraus gekommen sei ein interessanter Austausch - kein Schlagabtausch. Mehr Vielfalt bringe neue Zielgruppen, neue Kundschaft und vor allem einen besseren Erfolg im Journalismus. Das sage der Verein Neue Deutsche Medienmacher*innen, dessen Argumentation sich Heinrichs anschließt.

Sham Jaff gibt Einblicke in Motive junger Leser*innen

Für mehr Vielfalt stand am #cjd21 die Newsletter-Journalistin Sham Jaff nach Ellen Heinrichs am Rednerpult und gab Einblicke in die Funktionsweise ihres Newsletters „What happened last week?“. Jaff schreibt seit sieben Jahren über Länder in Asien, Afrika und Südamerika und scheint soziale, politische und wirtschaftliche Themen für ihre Leser*innen genauso spannend aufzubereiten wie die Berichte über Popkultur und Charts-Musik aus Kambodcha, Chile oder Taiwan. Sie hatte im Stil des Newstelling mit dem Schreiben begonnen, weil sie wollte, dass Menschen globaler denken und Spaß daran haben Nachrichten zu lesen. Heute haben ihren englischsprachigen Newsletter weltweit 14.000 vor allem junge Menschen abonniert.

Jaff hatte einige ihrer Leser*innen befragt. Sie erfuhr, dass sich diese bei herkömmlicher Berichterstattung oft die Frage stellen: „Was soll ich mit diesen Informationen?“ Meist seien sie unberührt, gelangweilt oder verwirrt von Nachrichten, die weit weg von ihnen passieren. Sie schämen sich dafür. „Sie wissen, sie wissen zu wenig!“ Und sie wollen etwas dagegen tun. Deshalb wünschen sie sich von Nachrichten mehr Kontext und das Vorstellen von Lösungen. „Systemische Probleme und ihre Lösungen, die haben wirklich eine harte Zeit im Journalismus“, sagte Jaff, „sie bekommen so wenig Aufmerksamkeit!“

Missverständnisse und Vorbehalte gegenüber Konstruktivem Journalismus

„Es gibt schon viel konstruktiven Journalismus, auch wenn er oft nicht so genannt wird.“, fasste Heinrichs zusammen. Für ihre im Oktober 2021 im Grimme-Institut erschienene Studie „Lösungen, Perspektiven, Dialog“ führte sie zahlreiche Interviews in Redaktionen. Sie kam zu dem Schluss, dass lösungsorientierter Journalismus mit Konstruktivem Journalismus oft gleichgesetzt werde. Das sei okay, weil die erste Form ein wichtiger Bestandteil des Konstruktiven Journalismus ist.

Immer wieder wird er aber auch missverstanden. So vertrat ein älterer Fernsehredakteur die Auffassung, sie würden jetzt immer drei relevante und einen konstruktiven Beitrag in der Sendung bringen. Kontext dieser Aussage ist der weit verbreitete Trugschluss Konstruktiver Journalismus ersetze „negative“ Nachrichten einfach durch „gute“ Nachrichten. Nicht selten stehe damit der Vorwurf der „Schönfärberei“ und „Substanzlosigkeit“ im Raum. Heinrichs wird die Vorurteile kennen und meinte dennoch: „Man kann sagen, dass sich bereits was bewegt. Aber auch feststellen, wie schwer es vielen Kollegen und Kolleginnen noch fällt ihren problemfokussierten Relevanz-Begriff zu hinterfragen.“

Was ist relevant? Heinrichs berichtet, das sei früher ganz einfach gewesen: „Der Chefredakteur sagte, was relevant ist.“ Das würde heute nicht mehr reichen. Denn auch die Digital-Teams haben analysiert, dass die meisten Menschen Lösungen genauso relevant finden wie die dahinter liegenden Probleme. Heinrichs empfiehlt deshalb mit Anspielung auf den vielzitierten Satz von Rudolf Augstein „Sagen, was ist“ die Methode: „Hören, was ist“. Journalistinnen und Journalisten sollten ein ehrliches Interesse an den Geschichten hinter der Meinung der Menschen haben und zuhören.

Diskussion um Schwerpunkte und Haltung im Journalismus

In der anschließenden Diskussionsrunde, die der Moderator der ARD Tagesthemen Ingo Zamperoni moderierte, zeigte sich der Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und der Süddeutschen (SZ) Georg Mascolo dem Ansatz des Konstruktiven Journalismus eher skeptisch gegenüber. Er sei gespannt, über wieviel Neues man heute reden würde oder ob man eigentlich darüber sprechen sollte, zu dem zurückzukehren, was Journalismus in seiner klassischen Form mal gewesen sei. Mascolo meinte, in der Aufdeckung eines großen gesellschaftlichen, politischen oder sozialen Missstandes sei der konstruktive Ansatz schon enthalten. Man benenne den Missstand und würde natürlich auch versuchen einen Lösungsweg aufzuzeigen.

Dieser Argumentation widersprach der Chefredakteur der Geo-Gruppe Jens Schröder. Das sei das von Ellen Heinrichs bereits angesprochene problemfokussierte Relevanzdenken, denn in der Überschrift und dem Vorspann stehe die Lösungsorientierung nicht. Im Vordergrund stünde immer noch der Skandal. Und dieser beruhe auf einem möglicherweise falschen handwerklichen Reflex, dadurch mehr Klicks zu generieren. Schröder sprach sich für einen Wechsel der Perspektive aus, indem man beispielsweise nicht den Skandal des Themas Elektromobilität und der sogenannten Seltenen Erden in den Vordergrund rückt. Sondern die Erforschung von Technologien über Generatoren, die ohne oder mit weniger weichen Metallen auskommen. Er fasste zusammen: „Wir verschweigen nichts, aber wir setzen den Fokus anders, möglicherweise sogar schon im Vorspann.“

Schröder fand zudem die Frage Zamperonis interessant, ob man durch den Konstruktiven Journalismus seine neutrale journalistische Rolle verlassen würde. Er habe darauf auch keine abschließende Antwort, sagte der Geo-Chef. Hintergrund dieser Frage ist die Eröffnung des neuen Studienganges „Ökologische Waldwirtschaft“, den Geo mit Partnern entwickelte und medial unterstützt, weil es „Zeit für eine Waldwende“ sei. Schröder sagte dazu: „Wir haben uns in einer Streitfrage der Forstwissenschaft auf die Seite der Minderheit gestellt, auf die Seite der Rebellen.“ Das habe eine Riesenkontroverse ausgelöst und ihnen sehr viel Kritik aus der klassischen Forstwissenschaft eingebracht. Aber es sei auch was in Gang gekommen. Man habe mit dieser Grenzüberschreitung einen Impuls gesetzt und die beiden festgefahrenen Fraktionen der klassischen und alternativen Forstwirtschaft seien wieder ins Gespräch gekommen.

Mehrwert und Perspektiven des Konstruktiven Journalismus

NDR Chefredakteur Adrian Feuerbacher zog schon bald eine ermutigende Erkenntnis aus der Corona-Pandemie und ihrer Berichterstattung: „Wir sollten keine Scheu davor haben, unsere Nutzerinnen und Nutzer mit komplexer Lösungssuche zu konfrontieren.“ Passend dazu hatte er zum Auftakt der Tagung gesagt, dass Journalistinnen und Journalisten genauso viel Kraft, Recherche, Kritik und Unabhängigkeit in das Durchdringen der Lösungsansätze stecken sollten wie in das Durchdringen des Problems. Das sei für ihn Konstruktiver Journalismus.

Der eigentliche Mehrwert des Konstruktiven Journalismus liege im Dialogangebot mit seinen Nutzerinnen und Nutzern, resümierte Stephan Weichert. „Krautreporter“ und „Perspective Daily“ würden das schon lange betreiben - einen Dialogjournalismus. Der Medienwissenschaftler untersuchte in seiner kürzlich veröffentlichten Studie „Konstruktiv durch Krisen?“ im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung zusammen mit seinem Kollegen Leif Kramp den Einsatz konstruktiver Formate während der Corona-Pandemie. „Wir. Der Mutmach Podcast“ der Berliner Morgenpost wie auch der Podcast „Corona Virus Update“ von NDR-Info stünden beispielhaft für Angebote, die Orientierung bieten, einordnen, oft sogar Lebenshilfe seien im ganzen Durcheinander der Pandemie-Berichte. Die Corona-Pandemie, so Weichert, sei ein Booster für den Konstruktiven Journalismus gewesen.

Problematisch findet der Medienexperte dennoch die allgemein wachsende Tendenz zum aktivistischen Journalismus. Es gäbe eine tiefe Spaltung in der Gesellschaft. Viele Menschen fühlten sich in der Pandemie allein gelassen. Das habe sich auf die Debattenkultur in den sozialen Medien niedergeschlagen. Journalismus dürfe sich in dieser Debattenkultur nicht verfangen, sondern müsse Brücken bauen, Dialoge stiften und Kontext liefern.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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