Kreuzfahrtreisen - Boom mit Nebenwirkungen

Umweltverschmutzung Während sich die Tourismusindustrie über zweistellige Umsatzzuwächse in der Kreuzfahrt freut, beobachten Naturschutzverbände den Kreuzfahrt-Boom mit Unmut.
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Seit einem Jahrzehnt gehören Kreuzfahrten zu den am stärksten wachsenden Segmenten der Tourismusbranche. Zwischen 2006 und 2011 hat die Zahl der allein aus Deutschland kommenden Passagiere auf Hochsee-Kreuzfahrtschiffen im Durchschnitt jährlich um 14,8% zugelegt – und den Veranstaltern 2011 einen Rekordumsatz von 2,4 Milliarden Euro eingebracht. 27,8 Millionen Passagiere legten im Jahr 2011 in europäischen Häfen an, weltweit setzte die Branche 36,7 Milliarden Euro mit Gütern und Dienstleistungen um und beschäftigte mehr als 315.000 Personen. (Quelle: Deutscher ReiseVerband DRV)

Und damit gilt das Markpotenzial bei weitem noch nicht als ausgereizt. Längst sind es nicht mehr nur Rentner und Gutbetuchte, die sich im Urlaub über die Weltmeere schippern lassen. Neue Routen, Themenreisen und ein umfangreiches Freizeitangebot an Bord mit Diskothek, Casino, Restaurants, luxuriösen Poollandschaften, Bowlingbahnen und Joggingparcours sollen neue Zielgruppen von der Familie bis zum Single ansprechen und von der Hochwertigkeit eines Pauschalurlaubs auf See überzeugen.

Die Kehrseite des Booms

Umweltschützer zeigen sich angesichts dieser Entwicklungen besorgt. Denn Kreuzfahrtschiffe sind Energiefresser, produzieren Schadstoffe und Müll und belasten die Gesundheit der Menschen und die Umwelt überproportional stark. Der Naturschutzbund Nabu hat errechnet, dass ein einziges Kreuzfahrtschiff vergleichbar viele Luftschadstoffe ausstößt wie fünf Millionen Pkw (Quelle: www.nabu.de).

Zwar konnte moderne Schiffstechnik den Grad der Umweltbelastung durch Abwasserklärung, Abfalltrennung und -verbrennung sowie Stromsparmaßnahmen deutlich reduzieren, doch gehen derartige Maßnahmen auf eine freiwillige Selbstverpflichtung von Reedern zurück, die um den Ruf der Branche besorgt sind. Gesetzlich vorgeschriebene Standards existieren nicht, zumal in europäischen Meeren zwölf Seemeilen ab Küstenlinie der rechtsfreie Raum beginnt, in dem keine nationale Gesetzgebung mehr greift.

Das größte Umweltproblem bleibt aber auch bei vielen Kreuzschiffen modernster Bauart ungelöst: der Einsatz von Schweröl für den Schiffsantrieb und die Erzeugung der Energie für den laufenden Schiffsbetrieb. Schweröl ist billig – es wird aus Rückständen der Erdölverarbeitung hergestellt –, und es ist hochgradig giftig. Ungefiltert werden extrem hohe Mengen an Rußpartikeln, Stickstoff- und Schwefeldioxid in die Luft geschleudert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) konnte in einer Studie aus dem Jahr 2012 die krebserregende Wirkung, die von ungefilterten Dieselabgasen ausgeht, eindeutig nachweisen. Direkt betroffen davon sind die Passagiere und die Besatzung an Bord sowie die Bewohner in Nähe der Anlegehäfen und der Küstenstreifen, an denen die Kreuzfahrtrouten vorbeiführen.

Dabei ließen sich einer Untersuchung des Nabu zufolge diese Probleme mit einfachen Mitteln beheben: Er fordert einen Umstieg der Kreuzfahrtschiffe auf Schiffsdiesel als Treibstoff und den Einbau von Rußpartikelfiltern und SCR-Katalysatoren. In Kombination mit einem langsameren Fahrtempo ließen sich die Schwefeldioxid- und Feinstaubbelastung um rund 90 Prozent, die Rußpartikel um über 40 Prozent reduzieren.

Massenandrang im Mittelmeer

Das mit Abstand beliebteste Reiseziel für Kreuzfahrten ist seit Jahren das westliche Mittelmeer, eines der seit Jahrhunderten am intensivsten industriell genutzten Meere, dessen Küsten heute zu den am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt gehören.

Was der Kreuzfahrtindustrie als Fahrstraße und malerische Kulisse für vermarktungsfähige „Traumurlaube“ dient, ist ein sensibles maritimes Ökosystem, das eine der größten Artenvielfalten aller Meere aufweist. Obwohl die Fläche des Mittelmeers nur 0,8 Prozent der gesamten Meeresoberfläche unseres Planeten ausmacht, beheimatet es, wie die Meeresschutzorganisation Oceana errechnet hat, 18 Prozent aller beschriebenen maritimen Arten, 25 bis 30 Prozent davon kommen sogar nirgends anders vor. Darunter sind auch viele als gefährdet eingestufte Arten. Weitgehend unbekannt ist beispielsweise, dass im westlichen Mittelmeer acht Walarten vorkommen, darunter auch der bis zu 18 Meter lange, auf der Roten Liste der gefährdeten Arten als gefährdet eingestufte Pottwal; ferner der Finnwal – nach dem Blauwal das zweitgrößte Tier der Erde – und der Blau-Weiße Delfin. (Quelle: Oceancare)

Um deren Bestände zu sichern, haben Italien, Frankreich und Monaco 1999 das etwa 85.000 km² große Pelagos Wal- und Delphin-Schutzgebiet ins Leben gerufen, das sich von Hyères in der Provence über die Côte d’Azur und die ligurische Küste bis zur südlichen Toskana und den Norden Sardiniens erstreckt – durch das die Hauptschifffahrtsrouten zu den Hafenstädten Toulon, Nizza, Monaco, Savona, Genua, Livorno und anderen verlaufen. Während die industrielle Fischerei in Schutzgebieten wie diesem verboten ist, setzt allein schon der sich unter Wasser weitgehend ungehindert ausbreitende Motorenlärm den Tieren massiv zu, indem er deren Kommunikation bis zur Orientierungsstörung beeinträchtigt. Abfall und ins Meer geleitete Schadstoffe haben oft tödliche Folgen. Autopsien gestrandeter Delfinkadaver haben eine zehnmal höhere Pestizidbelastung ergeben als bei derselben Spezies im Atlantik (Quelle: Pelagos Cetacean Research Institute). Die Folge: Manche Arten wie der Gemeine Delfin sind heute in der Adria bereits ganz verschwunden.

Es geht auch anders

Bei aller Kritik an der Kreuzfahrtindustrie sind deren Urlaubsangebote in ihrer heutigen Form in hohem Maße auch eine Antwort auf die Nachfrage der Kunden. Gerade dort, wo sich ein Verhalten zu einem Massenphänomen entwickelt, wie es beim Kreuzfahrt-Boom der letzten Jahre zu beobachten ist, kann der Einzelne durch sein Verhalten aber auch Einfluss auf Entwicklungen in der Tourismusbranche nehmen.

Das setzt eine Bewusstseinsbildung voraus. Aufschlussreich ist, sich vor der Planung einer Reise den „ökologischen Fußabdruck“ zu vergegenwärtigen, den man unterwegs hinterlässt. Im Jahr 2009 hat der WWF in einer Studie die CO2-Emissionen bei verschiedenen Arten von Urlaubsreisen ermittelt. Demzufolge entstehen pro Kopf bei einer 7-tägigen Mittelmeer-Kreuzfahrt mit Anreise per Flugzeug 1,2 Tonnen CO2-Emissionen – dabei liegt der durchschnittliche klimaverträgliche Gesamt-Jahresausstoß an CO2 pro Kopf nur bei 2,3 Tonnen, soll die von der internationalen Staatengemeinschaft angestrebte durchschnittliche Erderwärmung um 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau bis 2050 tatsächlich eingehalten werden. Diesen Jahreswert hat die Klimaschutzorganisation atmosfair errechnet.

Verschiedene Klimaschutzorganisationen wie eben auch atmosfair bieten Reisenden an, mit einem freiwilligen Betrag die entstandenen Treibhausgasemissionen durch Finanzierung klimaförderlicher Projekte auszugleichen. Preis für eine 7-tägige Kreuzfahrt auf einem Schiff für 2000 Passagiere: knapp 40 Euro. Doch die Rußpartikel sind damit nicht aus der Luft, die Lärmbelastung nicht verringert.

Ein Mittelmeer-Urlaub ist aber auch mit einem vergleichsweise kleinen ökologischen Fußabdruck möglich: zum Beispiel bei Anmietung eines Ferienhauses oder einer Ferienwohnung in Ligurien, in der Toskana oder in Südfrankreich, sofern es sich dabei um renovierte Bestandsgebäude in natürlicher Umgebung handelt, und Anreise im spritsparenden Pkw mit mehreren Personen, bei der etwa 400 kg CO2-Emissionen entstehen. Ein solcher Urlaub, bewusst gestaltet, kann durchaus die Kriterien der „Nachhaltigkeit“ erfüllen, mit dem sich manch ein Kreuzschifffahrtveranstalter schmückt – dazu gehören neben einer optimale Nutzung der Umweltressourcen und der Bewahrung des natürlichen Erbes und der Biodiversität auch der Respekt für die soziokulturellen Gegebenheiten des Gastlandes, interkulturelles Verständnis und sozioökonomische Vorteile für alle Beteiligten. Von diesen hehren Zielen sind die auf den Weltmeeren schippernden Vergnügungsinseln wohl doch noch ein ganzes Stück entfernt.

11:03 22.02.2013
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Geschrieben von

Anke Wellner-Kempf

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