Einfach märchenhaft: Die Grünen zwischen AKWs, Angst und Verrat

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es war einmal eine Partei, die hatte sich den Umweltschutz auf ihre Fahnen geschrieben. Vor allem die Atomkraftwerke waren ihnen ein Dorn im Auge, und sie unterstützten alle Gegner und wurden nicht müde, auf die Gefahren hinzuweisen, die von diesen Werken ausgingen.

Das brachte ihnen viele Stimmen, und die Grünen, so nannte sich die Partei, konnten blühen und gedeihen. Manchmal ein bisschen mehr, manchmal weniger.

Nun gab es in einer großen deutschen Stadt einen Bürgermeister, der wollte gern wiedergewählt werden, aber seine Partei, die sich CDU nannte, hatte nicht mehr genug Zustimmung unter den Einwohnern dieser Stadt. Da kam der Bürgermeister auf die Idee, sich mit den Grünen zusammen zu tun; das war neu und aufregend, und auch deshalb gefiel es ihm. Ob er, wie damals in Bethlehem, Geschenke überbrachte, als er sich zu Verhandlungen mit den Grünen traf, ist nicht überliefert. Die Bürger der Stadt am großen Fluss aber munkelten von Schulreform und Kraftwerksverhinderung, die den Grünen versprochen worden sei.

Schließlich geschah es, wie es der Bürgermeister wollte, die Grünen und Schwarzen durften gemeinsam die prächtige, reiche Stadt regieren.

Bald aber stellte sich heraus, daß das Versprechen, ein geplantes Kohlekraftwerk zu verhindern,sich nicht halten ließ. Wieder wurde gemunkelt, vom Lug und Trug der Schwarzen, aber der Bürgermeister goss Öl auf die Wogen, indem er den Grünen das Geschenk der Schulreform auf einem großen Silbertablett servierte. Und so war fast alles wieder eitel Frieden und Freude im norddeutschen Reich an der Elbe.

Nun war es aber über die Jahre zu einigen hässlichen Störfällen in den beiden Atomkraftwerken gekommen, die nicht weit entfernt lagen von der großen Stadt. Und weil viele Menschen im ganzen Land inzwischen Angst davor hatten, beschlossen sie, an einem Tag im April eine Menschenkette zu bilden, über die ganzen 120 Kilometer hinweg, die diese Atomkraftwerke trennten; um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die davon ausgingen, und um längere Laufzeiten dieser Werke zu verhindern.

Dabei erinnerten sie sich an die Partei der Grünen, die immer gegen Atomkraftwerke gewesen war, und die auch deshalb von vielen unter ihnen gewählt worden war, und sie wünschten sich ihre Unterstützung.

Und auch eine andere Partei in der Stadt an der Elbe, die SPD, erinnerte sich daran, und bat deshalb in der Bürgerschaft, einer Versammlung, die über die Geschicke der Stadt entscheidet, darum, dass das Landesparlament zur Beteiligung an der Menschenkette aufrufen möge. Doch dieser Antrag wurde von der schwarz-grünen Mehrheit abgelehnt. Die Umweltsenatorin hüllte sich wieder einmal in Schweigen, und nur eine andere Grüne nannte die Aktion "großartig", aber man sei ja "weder die genehmigende Behörde, noch entscheiden wir über Laufzeitverlängerungen". Und so wurde nichts aus der Unterstützung der Anti-AKW-Aktion durch die Grünen, die einmal von deren Abschaffung geträumt hatten.

So konnte man nur wieder einmal etwas lernen; darüber, was übergroße Anpassung aus Träumen, Zielen und Versprechen machen kann. Die Einwohner der großen Stadt rätseln noch, ob es bei den Hamburger Grünen sehr große Liebe oder Angst war, die sie dazu brachte, ihre ureigenste Idee zu verraten.

Wenn es doch nur ein Märchen wäre.

11:49 23.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anette Lack

Journalistin in Hamburg
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 66

Avatar
Avatar
Avatar
lausemaedchen | Community
Avatar
Gelöschter Benutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
hibou | Community