"Liebgewonnen": Guttenbergs sprachliche Feinheiten

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Gestern abend bei Anne Will in der ARD: Seltsam unisono kündigten Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück einen Sparkurs an - nach der Wahl. Dabei übte sich Guttenberg einmal mehr in der Kunst der ... Rhetorik?

Um Wahlversprechen sollte es gehen, kündigte Will an, und flugs zog Guttenberg wieder seine Steuersenkungen aus dem Hut - die Steinbrück, da noch erfrischend konkret, "gaga" nannte.

Dann aber wurde der Finanzminiser nebulös: Es werde "nach der Bundestagswahl garantiert Veränderungen auf der Einnahmen- und Ausgabenseite geben müssen - schon allein, um die neue Schuldengrenze einzuhalten". Nun weiss Steinbrück zwar vermutlich selber noch nicht genau, wo weniger Geld in die Staatskasse fließen wird: Seine Sparpläne liegen allerdings garantiert schon ausgetüftelt in der Schublade. Dass er da nicht deutlicher wurde, ist eine Woche vor der Wahl zwar nachvollziehbar, aber trotzdem ein Schlag ins Gesicht der Wähler, die vorher darüber informiert werden sollten, was die Partei plant, für die sie ihre Stimme abgeben wollen.

Natürlich fuhren beide, Steinbrück und Guttenberg, mit ihren Aussagen den Kurs: "Ich bin ein ehrlicher Politiker und keiner kann mir hinterher vorwerfen, ich hätte nicht gesagt, was Sache ist."

Hatte Steinbrück die Wähler schon mit seiner Taktik auf den Arm genommen, benutzte Guttenberg in seiner Einlassung ein Wort, das im allgemeinen Sprachgebrauch nur in sentimentalen Situationen verwendet wird - oder im Umgang mit Kindern und alten Leuten. Es würden Jahre kommen, so der Wirtschaftsminister, "wo gespart werden muss und manches Liebgewonnene auf den Prüfstand muss".

Was bezweckte Guttenberg mit diesem Ausdruck, der in der Politik normalerweise nicht verwendet wird, schon gar nicht von ökonomisch geschultem Personal? Er sicherte sich ab. Denn etwas, was man liebgewonnen hat, ist häufig nur eine Angewohnheit, vielleicht sogar Luxus - man hat es eben "liebgewonnen". Was einschließt, das man auch wieder darauf verzichten kann; dass es sich dabei um nichts Notwendiges handelt, und dem Wähler der Verzicht darauf, nach der Wahl, zuzumuten ist.

Damit drückte Guttenberg auch aus, wie wenig ernst er die nimmt, in deren Auftrag er dort in Berlin sitzt - ein wenig jovial, ein wenig von oben herab. Und das war nur seine offizielle Sprechweise...

"Ich glaube, wir werden uns nicht herumdrücken können um die Aussage, dass es ein hartes Jahr geben wird." Auch hier wieder: Guttenbergsches Politikerlatein. Damit will er ja einmal mehr sagen: "Ich drücke mich nicht, so ein aufrichtiger Kerl bin ich." Und der Zuschauer soll sich ernstgenommen fühlen. Warum nicht einfach: "Es wird sicher ein hartes Jahr"? Und wieso eigentlich nur ein Jahr? Woher will er das wissen? Oder hält er da wieder den Wähler klein und glaubt, diesem sei, wie einem Kind, die Wahrheit nur häppchenweise zuzumuten?

Beide Politiker waren sich seltsam einig, redeten viel und sagten letztlich nichts. Honi soit qui mal y pense, sollte jemand bei diesem Auftritt wieder die Große Koalition gewittert haben: "Beschämt sei, wer Böses dabei denkt".

Hier bitte ich um ein allgemeines Brainstorming: Was könnte Guttenberg mit Liebgewonnenes gemeint haben? Oder: Was haben Sie in den vergangenen vier Jahren der Großen Koalition liebgewonnen?

09:43 21.09.2009
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Geschrieben von

Anette Lack

Journalistin in Hamburg
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