Über den Tod hinaus

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die meisten "meiner" Toten sind wirklich tot für mich. Es gab einen Status quo, und ich habe um sie getrauert, oder auch nicht. Zurück bleiben Erinnerungen: an gemeinsame Erlebnisse; an Ideen, Hoffnungen, Träume und Gedanken, die ich mit ihnen geteilt habe. Mit einigen habe ich gelacht, einige sehnsüchtig geliebt. Mit anderen verbinde ich nur Angst und Schmerz. Oder das Wissen darum, was ich mir mit ihnen wünschte, und die Einsicht, dass mehr nicht möglich war.

In den letzten Jahren habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich einige meiner Beziehungen über den Tod hinaus verändert haben. Durch Erlebnisse oder das, was ich erst nach ihrem Tod über sie erfahren habe, sehe ich sie plötzlich anders und ihnen einiges nach. Ich verstehe sie besser, und manchmal kann ich sie dadurch auf eine ganz neue Weise lieben.

Vor allen anderen denke ich da an meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, die nicht seine wirkliche Mutter war: Mit ihrem Mann hatte sie den kleinen jüdischen Jungen 1920, als Säugling, adoptiert, und warum, unter was für Umständen, das gehört zu den Familiengeheimnissen, die ich noch nicht herausbekommen habe. (Obwohl ich in den vergangenen zehn Jahren, neben der Erziehung meiner Tochter, fast nicht anderes getan habe, als diese Geschichte, die auch eine Geschichte über Angst, Vorurteile und Gewalt ist, ans Licht zu befördern. Das wiederum ist eine andere Geschichte.)

Diese Großmutter starb an Krebs, als ich 16 war. In ihren letzten Nächten ging es ihr sehr schlecht, und ich bot mich an, bei ihr im Krankenhaus zu bleiben. Sie wachte in dieser Nacht manchmal noch kurz auf und sagte immer nur einen Satz: "Ich wäre so gern noch etwas geblieben." Ich höre ihre Stimme noch; ich habe es nie vergessen.

Meine Großmutter wurde von meiner Mutter, aus Gründen der oben genannten und hier nicht weiter ausgeführten Geschichte, gehasst. Wenn wir, immer sonntags, bei ihr zum Essen - typisch schlesisch: Kaninchen und Karoffelklöße - eingeladen waren, war meine Mutter nie dabei.

Ich aber habe diese Frau, die herrisch war und unnahbar, aber auch stark und lebenslustig, geliebt. Bei ihr konnte ich entspannen: Dort gab es für mich Ruhe und Struktur. Ich erinnere mich kaum an das Haus meiner Eltern, an meine Kindergeburtstage oder wie unser Garten aussah; aber ich weiß heute noch genau, wie die Zimmer meiner Großmutter eingerichtet waren, ich erinnere mich an den Duft von Lavendel in ihren Kleidern, und ich habe noch den Geschmack ihres etwas drögen Blechkuchens auf der Zunge, von dem ich nur die Streusel mochte.

Es gab so etwas wie Frieden für mich in dieser kleinen Wohnung, die meine Großmutter nach dem Tod meines Großvaters mit ihrer Schwägerin teilte: Ich konnte einfach dasein. Ihr verdanke ich es, dass ich heute, trotz allem, arbeiten, lieben und mein Kind groß ziehen kann.

Nach dem Tod meiner Eltern, die vor einigen Jahren kurz nacheinander starben, habe ich auf mein Erbe verzichtet. Ich wollte nichts aus diesem Haus; nicht die Juwelen meiner Mutter, kein Stück ihres wertvollen Porzellans, kein Buch aus der ausladenden Bücherwand meines Vaters, nichts aus seiner meterlangen Musiksammlung, und erst recht kein Geld.

Seltsamerweise aber hob eine Cousine die Fotoalben meiner Großmutter für mich auf, als sie mit meinen Schwestern den Haushalt auflöste. Und als ich vor zwei Jahren zu einem meiner seltenen Besuche in der Stadt war, gab sie sie mir: Etwas zögernd, denn sie fürchtete wohl, dass ich darauf ähnlich ablehnend reagieren würde wie auf das Erbe.

Die Alben, vier Stück sind es, habe ich aber gern genommen. Auf den uralten Fotos - viele stammen aus der Wende des 19./ 20. Jahrhunderts und den Zwanziger Jahren - sehe ich meine Großmutter als junge, schöne Frau mit schwarzen Haaren und Augen; sie wirkt sehr zart. Und mit all dem, was ich erst viel später recherchiert habe - wie sie versuchte, meinen Vater im Dritten Reich zu schützen und ihn doch nicht beschützen konnte, wie sie ihn sogar einmal erst recht verriet; und mit dem Wissen, wie sehr mein Großvater sie damit im Stich ließ - ist mir klar geworden, dass sie dadurch so werden musste: Streng, stark, unnahbar; ihre Gefühle für immer wie eingeschlossen in einem fast undurchdringlichen Panzer.

Manchmal aber, an ihren Geburtstagen, wenn die Wohnung aus allen Nähten platzte von Freunden und Verwandten, Likör, Torten, Pastor und Gemeindechor, dann lachte sie, hatte rote Wangen und sang. Und dann war ich, neun oder zehn Jahre alt, sehr glücklich.

Wenn ich heute das Familiengrab besuche, in dem sie alle liegen, Großeltern, Eltern und Großtante, denke ich vor allem an sie. Ich wünschte, ich könnte noch einmal mit ihr sprechen.

18:09 22.11.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anette Lack

Journalistin in Hamburg
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