Aufstand der Jungen

Russland In Moskau gingen Tausende spazieren, um ihrem Ärger über korrupte Politik Luft zu machen
Anna Brazhnikova | Ausgabe 13/2017 18
Aufstand der Jungen
Unfreiwillig horizontaler Protest
Foto: Alexander Utkin/AFP/Getty Images

Vergangenen Sonntag gingen in Moskau viele Menschen gemeinsam spazieren – und das war ein politisches Ereignis. Die Stadtverwaltung hatte eine angemeldete Demonstration des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny im Stadtzentrum untersagt, der daraufhin dazu aufrief, aus Protest in der Gegend um den Puschkin-Platz herumzuspazieren. Mehr als 8.000 Menschen folgten dem Aufruf. Die Polizei reagierte mit Massenverhaftungen. Mehr als 1.000 Menschen seien vorübergehend festgenommen worden, meldete eine Bürgerrechtsorganisation.

Nicht nur in der Hauptstadt artikulierte sich Protest. In mehr als 80 Städten, von Sankt Petersburg bis Wladiwostok, gab es am Sonntag Demonstrationen. Seit den Protesten 2011/12 hat Russland nicht mehr solche öffentlichen Artikulationen des Unmuts gesehen. Neben der geografischen Breite fiel dabei auf, dass es vor allem ein Aufstand der Jungen ist. Studenten und Schüler dominierten das Bild.

Anlass der Proteste war ein investigativer Dokumentarfilm über den russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew, den die von Nawalny gegründete Stiftung für Korruptionsbekämpfung ins Internet gestellt hatte – und den über 14 Millionen Menschen angeschaut haben. Nennen Sie ihn nicht Dimon heißt er. Der Titel spielt auf ein Zitat von Medwedews Sprecherin an und soll zeigen, dass der oft so nett wirkende Politiker gar nicht der gute Kumpel der Bürger ist. Den Recherchen von Nawalnys Antikorruptionsstiftung zufolge hat der Premierminister mehrere Luxushäuser, zwei Yachten und sogar Weinberge in Italien, während das russische Durchschnittseinkommen in den vergangenen zwei Jahren um zwölf Prozent gesunken ist.

Es ist dabei bezeichnend, dass der aktuelle Protest im Internet seinen Ausgang nahm. Und dass er von den Jungen getragen wird, die sich an eine Zeit ohne Wladimir Putin an der Staatsspitze kaum noch erinnern können. Dieser Generation wird in der Schule beigebracht, dass sich die Staatsgewalt in Russland gemäß der Gewaltenteilung auf mehrere Staatsorgane verteilt – und sie sieht jeden Tag, dass die Realität eine andere ist.

Nawalny nutzt aktiv soziale Netzwerke, wo sich viele junge Leute informieren, statt die Kreml-treuen Fernsehsender zu schauen oder staatliche Zeitungen zu lesen. Obwohl die Jungen nach dem Aufruf des Oppositionellen auf die Straßen gegangen sind, muss man aber sagen, dass dies in erster Linie ein Protest gegen die regierende Macht ist, nicht ein Protest für Nawalny. Es geht nicht um Nawalnys Aussichten bei den Präsidentschaftswahlen 2018. Die Demonstranten skandierten: „Putin ist ein Dieb“, „Wir sind hier die Macht“ und „Ihr habt Prügel, wir das Wort“. Die Rhetorik des Protests war dabei eher moralisch als politisch. Was die Jungen auf die Straße brachte, war kein konkretes Ziel, sondern moralische Empörung.

Hinzu kommt noch ein wichtiger Aspekt. Für viele Jugendliche ist die Teilnahme an einer solchen Versammlung wie ein Abenteuer. Das Gefühl, wenn man sich in der Menge der Gleichgesinnten befindet, schafft eine Atmosphäre der Euphorie. Zum Ziel wird in diesem Fall der Prozess selbst. In welche Richtung diese Euphorie gelenkt wird oder ob sie verpufft, werden die nächsten Wochen zeigen. Bisher reagierte der Kreml mit Abwiegeln und einem Trick: Wegen Bauarbeiten wurde der Puschkin-Platz vorerst abgesperrt.

Anna Brazhnikova, geboren 1990, lebt in Moskau und arbeitet als freie Journalistin für russische und deutsche Medien

06:00 31.03.2017

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