Der „iBoy“ erhält leider eine Absage

Eventkritik Jugendliche präsentieren ihre Favoriten des Deutschen Jugendliteraturpreises 2012. Sie nähern sich Literatur auf einem neuen Weg und zeigen, dass Lesen noch angesagt ist

Schon lange ist unter Kulturpessimisten vom Niedergang des Romans die Rede. Im digitalen Zeitalter sei die Aufmerksamkeitsspanne des Lesers geringer, niemand besitze aufgrund des Informationsüberflusses mehr die Muße, sich mit längeren Texten auseinanderzusetzen. Aber ist es wirklich so schlecht um den Roman bestellt?

Am besten man hört sich mal bei den Digital Natives um. Den Angehörigen der Computerspiel-Generation, die mit Internet, Mobiltelefon und MP3-Player aufgewachsen und es gewohnt sind, Autoren ihrer eigenen Geschichte zu sein und ihre Helden um die Welt zu schicken. 

Anzutreffen sind einige von ihnen bei der Veranstaltung „Zwiegespräche zwischen den Zeilen“. Sie selbst nennen sich die LesArtigen 2.0, sind zwischen 14 und 18 Jahre alt und haben an diesem Freitag Abend ins Literaturforum des Berliner Brecht-Hauses eingeladen. Über ein Jahr lang hatten sie sich mit den zwölf nominierten Büchern des Deutschen Jugendliteraturpreises beschäftigt und ihre Favoriten an Berliner Schulen vorgestellt.

Lesen statt Fußball

Die Jugendlichen haben sich viel Mühe mit der Gestaltung des Raums gegeben. Über den Vortragsplätzen hängen die Buchcover, die Titel stehen im Holzregal daneben, es gibt Requisiten wie einen Globus, einen Leinensack. Die Tür zum Vorbereitungsraum steht offen. Alle sprechen durcheinander, gucken auf Notizen, werfen prüfende Blicke hinaus. 

Das Jugendliteraturhaus LesArt, geleitet von Sabine Mähne, gibt es seit 1993. Es hat das Ziel, Kinder und Jugendliche neugierig auf Literatur zu machen. Die meisten wollen, statt Fußball zu spielen, Literatur mit allen Sinnen erfahren. Der Zugang ist spielerisch und reicht von Bilder malen bis zu Theaterübungen. Die LesArtigen 2.0 sind: Christhin Krage, Clara Marie Schattauer, Cora-Lou Kutsch, Karl Schrader, Konrad Ruske, Lukas Wagner, Tanja Natterodt, Tjada Schult und Tori Pantel. Einige von ihnen sind von Anfang an dabei, andere dieses Jahr dazugestoßen. Einmal im Monat kamen sie zusammen, immer samstags für sechs Stunden. Sie entwickelten gemeinsam mit Ulrike Kassun Verständnis-Strategien und kochten.

Zum Auftakt der Veranstaltung im Literaturforum lesen sie die ersten Sätze aus den Büchern vor, nehmen das Publikum mit an den Projektanfang. Auf ihre drei Favoriten gehen sie später ein– Der Märchenerzähler von Antonia Michaelis, Die Zeit der Wunder von Anne-Laure Bondoux und Vango von Timothée de Fombelle. 

Einige der Jugendlichen schreiben auch selbst. Die 17-jährige Cora-Lou sitzt gerade an ihrem ersten Roman. Nach dem Abitur möchte sie entweder Drehbuch in Amsterdam studieren oder Tourismusmanagement. Auch die 18-jährige Clara schreibt. Ihre Lieblingsautorin ist Juli Zeh, deren Roman Corpus Delicti mittlerweile Schullektüre. Clara will in die Fußstapfen ihres Vorbilds treten und Internationales Recht in Oxford studieren. Am liebsten schreibt sie mit der Hand, weil man sich da mehr Gedanken über die Formulierungen mache. Die 16-jährige Tjada hat ebenfalls angefangen zu schreiben, in Richtung dystopischer Fiktion. Der 15-jährige Konrad hingegen ist absoluter Manga-Fan. Seine Lieblingsreihe heißt Detektive Conan, zur Zeit überträgt er die Illustrationen in Prosatext. 

Wollknäuel für roter Faden

Auf der Veranstaltung wird es nun interaktiv. In Sechser-Gruppen sollen die Zuschauer erraten, welche Gegenstände zu welchem Textelement gehören. Manches ist einfach – das Wollknäuel steht für den Roten Faden, das Gummiband für Spannung, die Uhr für Zeit. Bei anderen Gegenständen ist es schwieriger. Über die Taschenlampe kommt man ins Gespräch, die Jugendlichen stehen beratend zur Seite.

Jeweils zu dritt stellen sie ihren Favoriten vor, jede Gruppe auf ihre Art. Die Jugendlichen kennen alle Kniffe, um die verpönte „Wasserglas-Lesung“ zu umgehen. Der Märchenerzähler wird mit Musik von Leonard Cohen eröffnet, weil davon im Roman die Rede ist. Für Die Zeit der Wunder werden aus dem Leinensack Atlas und Schaffell geholt, die zum Marschgepäck des Protagonisten Koumaïl gehören. Auf der Flucht vor dem Krieg im Kaukasus nach Frankreich muss er einige Hindernisse überwinden. 

Gelesen wird in verteilten Rollen, mit kräftiger Stimme, auch aus dem Publikum, einige zeigen schauspielerisches Talent. Dann geht es um Perspektive, Stil und Struktur. Ob bei Vango eher das deutsche oder französische Cover anspricht? Man ist sich uneins. Ersteres vermittelt einen eher statischen Eindruck, das Zweite spricht manche aus ästhetischen Gründen nicht an.

Zum Schluss richten sich die Jugendlichen ans Publikum. Sie hoffen, dass die „älteren Junggebliebenen“ nun auf den Geschmack gekommen sind oder zumindest wissen, was sie ihren Kindern unter den Weihnachtsbaum legen. 

Das eBook nur für unterwegs 

Bei der Nachfrage, wie die Jugendlichen zu iBoy stünden, wird es lebhaft in der Runde. Im Roman zertrümmert ein iPhone die Schädeldecke von Protagonist Tom. Die Funktionen des Handys verschmelzen mit seinem Gehirn und lassen ihn zum Superhelden werden. Die meisten erteilen der Verbrüderung des Autors Kevin Brooks mit der Technik eine klare Absage. In diesem Zusammenhang zu erwähnen ist vielleicht, dass es eine Erwachsenen- und eine Jugendjury gegeben hat und iBoy von den Erwachsenen ausgewählt wurde. 

Dass die LesArtigen 2.0 begeisterte Leser sind, darin besteht nach diesem Abend kein Zweifel. Und damit sind sie keine Ausnahme. Laut der „Jugend, Information, (Multi-)Media“-(JIM)-Studie von 2010 greifen knapp die Hälfte der befragten Mädchen mehrmals die Woche zum Buch, bei Jungen sind es 28 Prozent, bei den Gymnasiasten lesen 50 Prozent regelmäßig. Die zunehmende Digitalisierung von Literatur sehen die LesArtigen 2.0 allerdings kritisch. Außer als Schulbücher oder auf Reisen seien eBooks eher nicht zu gebrauchen, findet die 16-jährige Christhin.

Hier gibt es nähere Informationen zum Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur LesArt:

http://www.lesart.org/

16:32 27.11.2012
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