Ein "brillant-grotesker" Zeitvertreib

Buchkritik-Bingo Feuilleton-Leser raufen sich die Haare: Immer gleichen Wortbausteine lassen Buchkritiken zur Standardware verkommen. Da hilft nur: ein Spiel

Ein guter Roman sollte, neben anderen erfolgsversprechenden Qualitäten, die Individualität seines Autors zum Ausdruck bringen. Plagiate und Flickenteppiche aus den Gedanken anderer, wie sie "Literatur-Wunderkind" und "Autoren-Topmodel" Hegemann zum Besten gab, sind verpönt. Selbst ist der Autor. Warum aber gilt diese Erfolgsformel nicht auch für die Rezensenten? Von der Individualität des Kritikers selbst fehlt in den meisten Romanbesprechungen jede Spur. "Atemberaubend", "mitreißend", brillant" aber auch "überbewertet", "anstrengend" oder schlechtweg "langweilig" - ob Lobhudelei oder Kritik, das Korsett der Rezensionssprache ist straff geschnürt und infiltriert Feuilleton-Seiten und Literatur-Blogs weltweit. Ausnahmen? Gibt es nur wenige.

Dass selbst diesem Einheitsbrei aber noch ein wenig Spaß abzugewinnen ist, zeigt der Examiner. Dort hat Buchkritikerin Michelle Kern zu einem spielerischen „Kreuzzug“ gegen die überstrapazierten – und trotzdem immer wieder aufgegriffenen – Klischees der Rezensionssprache aufgerufen. Und was wäre dazu besser geeignet, als der Spielfreudigen liebste Sucht, das Bingo?

Bingo steht für die meisten erst einmal für Kaffeklatschrunden von in die Jahre gekommenen Ladies. Besonders beliebt ist das Spiel vor allem in Großbritannien und den USA, aber auch zwischen Dänemark und den Alpen gilt es als amüsanter Zeitvertreib - jedenfalls für ein bis zwei Runden. Mutterland des Bingo ist der Legende nach Italien, wo der große Bruder Lotto zum ersten mal im 16. Jahrhundert die Samstage der Spielfreudigen versüßte.

In Deutschland erschien das Spiel demnach erstmals 1880, damals natürlich nicht, und da sind wir wieder bei den Klischees, zur Erheiterung, sondern zur Bildung, mit allerlei mathematischen Formeln oder Verbkonjugationen. Seinen Namen verdankt Bingo angeblich einem Sprachfehler: Ursprünglich riefen die Teilnehmer nämlich „Beano!“, weil gewonnene Felder mit Bohnen abgedeckt wurden. Irgendwann brachte eine Gewinnerin vor lauter Freude und Aufregung im Siegestaumel aber nur noch ein „Bingo!“ hervor.

Varianten gibt es inzwischen zuhauf. Neben dem „Bullshit-Bingo“, das wiederkehrende Wörter in Vorträgen oder geschäftlichen Besprechungen persifliert, gibt es dank Kritikerin Kern nun also ein neues, das Buchkritik-Bingo. Die sich immer wiederholenden Satzbausteine und Klischees der Buchkritiken ersetzen die Zahlen des echten Spiels, ein Tippschein ist schnell gebastelt, wie Kern beweist. Man nehme also den wochenendlichen Feuilleton seines Vertrauens zur Hand, schlage die Literatur- oder wahlweise auch Fernseh- oder Kinokritik auf, nehme die vorgefertigten Bingo-Karten zur Hand und beginne munter zu lesen:
„Grass trifft Mailer“, „Goethe trifft Schiller“ und X trifft bestimmt irgendwann auch mal Y. Dann erzählt der Autor behutsam und mit brillant-groteskem Wortwitz von den familiären Abgründen seiner Romanfiguren und spickt seine Erzählung mit atemberaubenden Thrill-Elementen, so dass der Roman den geneigten Leser nicht nur mitreißt, fesselt und packt, sondern auch zum Nachdenken anregt.

Und, Bingo-Karte schon voll, alle Kreuzchen gemacht?

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