Anna-Lena Krampe
28.04.2010 | 15:00 1

„Man muss seine Energie nicht in Twitter stecken“

Im Gespräch Der Kommunikationswissenschaftler Thilo von Pape erklärt, warum der deutsche Online-Wahlkampf immer noch ein Flop ist

Jürgen Rüttgers wirbt bei Studi­VZ, Hannelore Kraft twittert. ­Onlinewahlkampf schreiben die Parteien auch in Nordrhein-­Westfalen groß. Bei den Wählern kommt davon aber nicht allzu viel an, zeigt eine

Thilo von Pape:

Ich glaube, das liegt vor allem an der politischen Kultur in Deutschland. Hier ist es eben, ganz im Gegensatz zu den USA, doch nicht so, dass der Wähler großartig mobilisiert werden möchte. Sei es durch Emails, Twitter, Facebook oder Wahlkampfspenden über das Internet.

Sind die Deutschen beim Thema Politik im Netz zu altmodisch?

Es liegt nahe, das so zu sehen. Man sieht schon, dass die Bedeutung des Internets in Deutschland zunimmt. Aber daraus kann man nicht ohne Weiteres schließen, dass sich das in Richtung der USA entwickeln wird. Dort wird viel mehr Theater gemacht, die Menschen werden stärker mobilisiert, eben auch weil sie mobilisiert werden wollen. Die Deutschen sind da einfach anders und werden die neuen Medien auch ganz anders integrieren. Der Mitmacheffekt, das Spontane, das wird es in Deutschland vielleicht nie in derselben Qualität geben.

Trotzdem setzen die Politiker gerade im Internet auf Personalisierung und starke Emotionen nach Vorbild der USA.

Die Politiker müssen einfach einsehen, dass die Deutschen anders gestrickt sind. Sie müssen unterscheiden zwischen dem, was in den USA auf der Basis einer anderen politischen Kultur geschieht, und dem, worin die USA uns vielleicht technisch voraus sind. Das wird zur Zeit sehr stark verwechselt. Viele denken, was in den Vereinigten Staaten geklappt hat, muss auch hier klappen.

Was müsste denn anders laufen im deutschen Online-Wahlkampf?

Die Parteien könnten zum Beispiel ein Wiki nutzen, um ein Wahlprogramm zu erstellen, wie das die Piratenpartei schon macht. Das ist sicher eine ganz neue Form. Was die Parteien aber bei Twitter und Co nicht verstehen, ist, dass das Web 2.0 ja auf einen lebendigen Diskurs ausgerichtet ist. Aber im Wahlkampf wollen die Politiker eigentlich gar nicht diskutieren. Sie wollen sich positiv darstellen.

Was ist so falsch daran? Davon lebt die Politik nun einmal

.

Wenn man sich die Webprofile der Parteien oder Politiker mal anschaut, dann wird ja nur gelobt. Das ist total untypisch für das Web 2.0, gerade im eher kritischen Deutschland. So funktioniert das eben nicht. Die Beiträge, die da kommen, sind meist von Claqueuren. Da fragt man sich schon das ein oder andere Mal, ob da nicht einfach zentral die Junge Union oder die Jusos ihre Lobeshymnen reingeschrieben haben.

An der Präsenz der Parteien im Internet mangelt es jedenfalls nicht.

Die Frage bleibt, wie angemessen das ist. Ich glaube, da gibt es schon noch große Defizite. Es gibt Angebote, da merkt man: Es geht einfach nur darum, bei Twitter präsent zu sein und dann entstehen Nachrichten wie „In einem Monat ist Wahl“ oder „Ich esse jetzt noch eine Bratwurst am Wahlstand“. Einfach nur präsent sein, weil es jeder ist, damit tut man dem Medium sicher nicht genüge.

Viele Kandidaten haben Profile in Sozialen Netzwerken wie Facebook, wo sie sich dann sehr persönlich inszenieren. Wie kommt so etwas beim Wähler an?

Das ist eigentlich nichts Neues. Es gibt ja auch Homestories, etwa im Fernsehen, die den Politiker privat zeigen, und die manchmal ziemlich peinlich sind. Das Besondere am Web 2.0 läge darin, dass Leser auf peinliche Beiträge mit Spott antworten können – aber solch kritische Kommentare halten sich nicht lange auf dem Profil eines Politikers.

Und so etwas bekommen die Wähler mit, weshalb sie sich lieber auf anderem, traditionellem Wege über Parteien informieren?

Die Wähler merken, dass die Parteien noch nicht die richtige Ansprache gefunden haben. Die Politiker versuchen da eben, von den USA zu kopieren, die großen Emotionen, die großen Wahlversammlungen, die inszeniert wurden. Das kam ja auch nicht so richtig an in Deutschland.

Was müsste bis zur nächsten Bundestagswahl passieren, damit das Internet an Bedeutung gewinnt?

Die neuen technischen Möglichkeiten kann man ruhig nutzen, aber die Parteien sollten ihre Inhalte auch auf den deutschen Wähler zuschneiden. Es müsste zum Beispiel wieder seriöser werden.

Das kann man von den im Netz kursierenden Wahlkampfsongs und Angeboten wie dem „Internetrestaurant“ der SPD-Spitzenkandidatin nicht behaupten.

Genau. Vielleicht rudert man da einfach wieder ein bisschen ­zurück. Es wird zwangsläufig ­passieren müssen, dass man sich wieder auf seine eigene politische Kultur konzentriert. Mit einem Youtube-Kanal, der klassische ­Videoangebote liefert etwa. So wie die Parteien eben auch TV-Spots machen. Das Fernsehen steht nämlich, das hat die Studie gezeigt, als Informationsquelle der Wähler immer noch an erster Stelle. Solche Angebote werden eine größere Rolle spielen als der Austausch auf Twitter und Facebook-Profilen, zumindest solange dort nur die eigenen Anhänger zu lesen sind und andere sofort rauseditiert werden.

Ist ihre Studie eher ein Appell an die Wähler, der Politik im Internet noch eine Chance zu geben? Oder eher einer an die Politiker, ihre Strategie im Online-Wahlkampf noch einmal zu überdenken?

Es ist auf keinen Fall ein Appell an die Wähler, denen wollen wir nichts vorschreiben. Es ist eher ein Realitätscheck für die Politiker, denen wir sagen: „Konzentriert euch wieder mehr auf das Wesentliche, wie Fernsehen oder Agentur-Meldungen, denn da werden die Botschaften empfangen“. Man muss seine Energie nicht in Twitter-Nachrichten stecken.

Was nicht einfach ist, angesichts des Hypes um das Web 2.0.

Ja. In gewisser Weise geht der Appell deshalb auch an die Medien, dem Ganzen wieder einen angemessenen Stellenwert zukommen zu lassen. Und wenn man schon über das Thema schreibt, dann sollte man lieber über neue Möglichkeiten nachdenken, wie Web 2.0-Angebote der spezifisch deutschen Wahlkampfkultur besser gerecht werden könnten.

Dr. Thilo von Pape hat in Paris, München und Zürich studiert. Seit Juni 2009

forscht er

am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim unter anderem über Interaktion im Internet.

Das Gespräch führte Anna-Lena Krampe

Kommentare (1)

Rheinbogen 30.04.2010 | 15:50

Zum Glück lässt sich der deutsche Wähler nicht durch diesen Firlefanz mobilisieren - wenigsten ein Unsinn, den wir noch nicht von den Amerikanern übernommen haben. Die Politiker sollen einen Wettstreit um die bessere Politik austragen und dafür sorgen, dass es ihren Bürgern besser geht. Das ist ihre Aufgabe und nicht, wer besser "twittert" oder mehr Wahlkampfspenden per Internet eintreibt. Auch ein Obama ist kein Heilsbringer, auch der kocht nur mit Wasser und "soziale Medien" (so ein unsinniger Begriff!) können vielleicht für höhere Spenden sorgen, aber nicht für das tägliche Brot, saubere Luft oder das Ende der Kriege. Im Übrigen ist es eine Mär, dass uns die USA technisch voraus sind. Sie sind uns, abgesehen vielleicht vom Internet, in vielem sogar eher hinterher. Das aber nur am Rande.

Zum Schluss noch eine Anmerkung: Twitter, Facebook Co sind Modeerscheinungen. Solche kommen und gehen bekanntlich, und in diesen Fällen würde ich ihr Gehen nicht im Geringsten bedauern.