Handeln statt Hinnehmen

Katastrophenschutz THW-Ehrenpräsident Albrecht Broemme teilt seine Erfahrungen auf dem 172. Jugend Presse Kongress
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Mit Flexibilität hat Albrecht Broemme wahrlich Erfahrung: In mehr als einem Jahrzehnt als Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) hat er bereits so manchen unkonventionellen Lösungsvorschlag erleben dürfen. Als einige THW-Mitarbeiter in einem Flüchtlingslager ohne Strom oder Wasserversorgung nach einer Möglichkeit suchten, die hungernden Bewohner mit warmen Mahlzeiten zu versorgen, kamen sie auf eine einfache aber praktikable Idee: Sie füllten wie gewöhnlich einen Topf mit Reis und Wasser. Als spontanen Herdersatz kleideten sie einen Schuhkarton mit Alufolie aus, stellten den Topf in den Karton und ließen die Konstruktion für zwei Stunden in der Sonne stehen. Nach zwei Stunden war der Reis tatsächlich gar.

Vielleicht erklären Anekdoten wie diese, wieso Hilfsorganisationen wie das THW so überraschend gut auf die Corona-Krise vorbereitet waren. Ohne sie wäre die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Desinfektionsmitteln, Corona-Schnelltests und Schutzmasken wohl kaum möglich gewesen. Während es in der Politik zu Beginn der Krise noch an Handlungsbereitschaft und Plänen mangelte, stampfte das THW innerhalb von einem Monat ein komplettes Corona-Behandlungszentrum aus dem Boden. Ein solcher Vorgang nimmt laut Broemme normalerweise fünf Jahre in Anspruch. Sein Team habe es dagegen trotz der kurzen Zeit „sogar ohne Baumängel“ geschafft, wie er wohl mit Seitenblick auf den ebenfalls in Berlin gebauten BER anmerkte.

Verzögerungen kann sich das THW auch gar nicht leisten. Denn was bei anderen Projekten maximal Geld kostet, kostet im Katastrophenschutz schnell Menschenleben. Dies wird insbesondere an den vielfältigen Auslandseinsätzen der Bundesanstalt deutlich. Gerade Krisengebiete ohne funktionierende Infrastruktur sind Broemme zufolge auf die Unterstützung des Hilfswerks angewiesen. So stellten Einsatzkräfte nach dem Brand nach Erdbeben in Nepal und in Mosambik die Trinkwasserversorgung sicher und leisteten auch nach dem vieldiskutierten Brand im Flüchtlingslager Moria schnelle Hilfe.

Vor allem der Aufbau von Flüchtlingslagern zähle zunehmend zu den Aufgabenbereichen des THW, so Broemme. Ob Kurdistan oder Jordanien, das THW müsse innerhalb von kürzester Zeit Flüchtlingslager unter widrigsten Bedingungen schaffen. In der jordanischen Wüste habe beispielsweise innerhalb von sieben Monaten ein Camp „vom Ausmaß einer Großstadt“ geschaffen werden müssen.

Wenn er von solchen Begebenheiten berichtet, merkt man dem nun 67 Jahre alten THW-Ehrenpräsidenten die tief sitzende Verärgerung über das Versagen von Politik und Behörden schnell an. Hilfsorganisationen genössen im Gegensatz zu den lokalen Behörden und Sicherheitskräften noch das Vertrauen der Campbewohner. In seiner aktiven Zeit sei er oftmals zum Tee in die spärlichen Unterkünfte eingeladen worden, in denen er von den Problemen der Menschen hörte. Dieser persönliche Zugang, so sein Kritikpunkt, fehle den Sicherheitsbehörden häufig. Die Folgen äußeren sich in überfüllten Camps, in denen weder die Strom- noch die Wasser- oder Stromversorgung funktioniert. Besonders hart seien die Kinder betroffen, deren Schicksal den zweifachen Familienvater sichtlich berührt. Neulich traf er in einem Mannheimer Aufnahmezentrum einen Jugendlichen wieder, mit dem er Jahre zuvor in einem Flüchtlingslager gesprochen hatte. „Da wusste ich, er hat es geschafft“.

Insbesondere jungen Menschen rät er regelmäßig, ehrenamtlich aktiv zu werden. Nur so ließen sich die eigenen Ziele erreichen. Hierzu nutzt er Veranstaltungen wie den 172. Jugend-Presse-Kongress, eine Veranstaltung, bei der gesellschaftlich engagierte Jugendliche aus ganz Deutschland zusammentreffen. Bei der Wochenendveranstaltung in Potsdam berichtet Broemme, der selbst seit seinem 17. Lebensjahr im THW aktiv ist, von seinen Erfahrungen. Hierbei macht er auch auf die oft mangelnde Sichtbarkeit junger Ehrenamtler aufmerksam, deren Aufgaben durch die Gesellschaft oft kaum wahrgenommen werden. Trotz ihrer weitgehenden Unsichtbarkeit ist ihr Engagement aber essenziell für die Gesellschaft. Dass sie nun vermehrt Aufmerksamkeit erhalten, ist wohl eine der wenigen positiven Auswirkungen von Corona.

19:31 09.12.2020
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Geschrieben von

Anna Weimann

Mitglied der Generation Z, irgendwo zwischen Optimismus und Desillusionierung
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