Die beste Schule der Welt

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Meine Tochter (17) besucht ein Gymnasium in Hamburg-Altona, dessen Schüler aus allen Teilen der Welt stammen: Eine perfekte Vorbereitung aufs Leben - und auf eine globalisierte Welt.

60-70 % der Schüler, die täglich das 10o Jahre alte Kalksandsteingebäude mitten in Altona besuchen, haben mindestens einen "nicht deutschstämmigen" Elternteil. 37 Nationen sind auf dem Gymnasium Allee vertreten, das prägt auch den Freundeskreis meiner Tochter: In ihrer Clique sind Perser, Türken, Thailänder, Engländer und Mexikaner, eine ihrer besten Freundinnen ist Inderin. Durch ihre Mitschüler - Moslem, Hindi, Katholiken, Sikhs und Buddhisten - lernte meine Tochter schon in der 5. Klasse etwas über andere Religionen, Kulturen und Feste: Sie freute sich, wenn die Kinder türkischer Abstammung "Bayram" feierten und wenn sie am nächsten Tag von den Geschenken erzählten, die sie bekommen hatten. Sie war begeistert vom buddhistischen Wasserfest. Und sie bestaunte regelmäßig den Altar, den die Eltern ihrer Freundin, die zur Religion der Sikhs gehören, in ihrem Haus aufgebaut haben.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass in den Sommerferien Karten aus aller Welt bei uns eintreffen, wenn Freunde meiner Tochter mit ihren Eltern die Familienangehörigen besuchen, die noch "in der alten Heimat" leben. Ihr fällt auch längst nicht mehr auf, dass viele Mitschüler kein Weihnachten feiern. Für mich ist es wiederum nichts Besonderes mehr, dass Deutsch für viele Besucher der Elternabende nicht die Muttersprache ist.

Die Atmosphäre an dieser Schule ist einzigartige und anders als an vielen anderen Schulen Hamburgs: So gab es in der Grundschule, die meine Tochter vorher besuchte und die in einem wohlhbenden, sogenannten "gutbürgerlichen" Hamburger Stadtteil lag, es ein massives Gewaltproblem, das nie offen benannt wurde, weil es das nicht geben durfte ("Hier! Bei uns im reichen Westen!"), sich somit also auch niemand damit auseinandersetzte.

Am Gymnasium Allee gibt es dagegen keine gewalttätigen Auseinandersetzungen. Was zum einen an den klaren Vorgaben des Schulleiters, des feinfühligen und gleichzeitig konsequenten Rektors Herrn Mumm liegt: Wer einen Mitschüler angreift und verletzt, kann der Schule verwiesen werden. Prügeleien verbieten sich aber auch dadurch, dass Schüler wie der 17jährige Y. von ihren Erfahrungen berichten: Von Angst und Gewalt in Afghanistan, von der Flucht mit der Familie und von seinen ersten Jahren in Hamburg auf dem Schiff "Bibi Altona", einer (inzwischen stillgelegten) Unterkunft für Asylbewerber. Und nicht zuletzt liegt es vielleicht auch ein wenig daran, dass es türkische und albanische Jugendgangs in Altona-Altstadt gibt. Und dass ein Schüler, der sich mit einem anderen anlegt, nie so genau weiß, ob der nicht womöglich einen Cousin in einer dieser Gangs hat....

Natürlich gibt es auch hier nicht nur heile Welt, gibt es gelegentlich Mobbing in den Klassen oder Auseinandersetzungen unter den Schülern. Genauso wie Lehrer, die sich eher überfordert fühlen von dieser ethnischen und kulturellen Vielfalt. Aber das sind Ausnahmen.

"Die beste Schule der Welt" - das muss nicht nur diese Schule sein. Es ist für mich aber unbedingt eine, in der die Schüler, über Mathe, Geschichte und Kunst hinaus, eine Menge darüber lernen, wie man tzrotz Herkunft und Religion, und vielleicht auch unterschiedlicher Werte, miteinander auskommen kann: R., die Freundin meiner Tochter, die aus einer indischen Familie stammt, darf nur auf "indische" Partys gehen. Und sie wird einmal einen Mann heiraten, den ihre Eltern ausgesucht haben: Bei ihnen war es ja auch so! Das musste meine Tochter, die sich so eine Zukunft für sich nicht vorstellen kann, erst einmal verkraften; besonders vor dem Hintergrund , dass sie diese Eltern kennt und mag, und spürt, dass die trotz dieses scheinbaren Widerspruchs ihre Tochter lieben und das Beste für sie wollen.

Heute ist dies für sie und auch für die anderen Freundinnen von R. kein Thema mehr, weil sie in Gesprächen mit ihr gelernt haben, dass ihre Freundin damit nicht unglücklich ist. Jetzt erwähnen sie es nicht mehr, sondern leben damit, dass sie aller Voraussicht nach eine sehr unterschiedliche Zukunft haben werden,

Man kann das als "Tabuthema" bezeichnen - aber auch als gelebte Toleranz. Denn wenn die Eltern, unter dem Eindruck deutscher Einflussnahme, die sie als Einmischung in ihre Erziehung empfunden hätten, ihre Tochter womöglich vom Gymnasium nähmen - wem wäre damit geholfen?

Eins ist jedenfalls offensichtlich: Die deutschen Schüler dieser Schule fürchten keine Minarette. Und das macht Hoffnung. Mir jedenfalls.

11:30 01.12.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anette Lack

Journalistin in Hamburg
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