Kleine Geschichte zu Peter Zadek

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Peter Zadek ist tot, melden die Agenturen, und hier gab es ja schon einen Blog dazu. Dem ich vorbehaltlos zustimme: Zadek war mutig, sperrig und interessant. Er hat damals auch ordentlich Leben in die Hamburger Theaterlandschaft gebracht.

Denke ich an ihn, fällt mir vor aber allem eine persönliche Geschichte ein: Ende der 80er (ich war gerade von Berlin nach Hamburg gezogen und hatte noch nicht viele Kontakte) arbeitete ich einen Monat im "Atlantic Hotel", zwecks Finanzierung des Studiums. Das "Atlantic" gehört bekanntlich zur Kempinski-Gruppe und war damals noch absolut schnieke: Wer dort arbeiten durfte, hatte nach Ansicht der Geschäftsführung das große Los gezogen, dementsprechend niedrig war der Lohn. Die Behandlung der Angestellten war mies, sie wurden kontrolliert und schikaniert; für sie gab es hinter den Flurfluchten mit den kostbaren Teppichen sogar schäbige Extra-Flure, dort lag bloß Linoleum und der Putz blätterte von den Wänden... Dementsprechend schrumpfte immer mein Ego zusammen, wenn ich da jobbte.

Ich arbeitete damals am Tresen im kombinierten "Pool & Sauna". Ganz oben unterm Dach, mit wunderbarem Blick durch eine ausladende Glasfront auf die Alster, lag das, was heute "Wellness-Bereich" heissen würde. Ich war für die Ausgabe der flauschig weichen Bademäntel zuständig, servierte ausserdem Getränke direkt an die Liegestühle am Wasser. Die Kundschaft, viele Promis, erteilte gern Kommandos und behandelte mich und meine Kollegen meist äußerst herablassend.

Gegen Eintritt konnten auch Leute im Pool einchecken, die nicht im Hotel wohnten - wenn sie es sich leisten konnten. Der Bereich war durchgehend geöffnet, und gerade Leute aus dem Schauspielhaus, dass ja um die Ecke liegt, nutzten das gern nach einer Vorstellung. Eines Nachts erschien also Peter Zadek in Begleitung seiner Lebensgefährtin. Er nahm Bademäntel und bestellte eine Flasche Champagner ("Dom Pérignon", das weiss ich noch) und drei Gläser.

Kurz darauf servierte ich Champagner-Kühler samt Kelchen, während der illuminierte Pool vor der dunklen Alster leuchtete. Zadek öffnete den Champagner, ließ ihn in die Gläser perlen und dann... reichte er mir eins! "Prost", sagte er dabei lächelnd; nicht jovial, sondern herzlich. Es war das erstemal, dass ich Champagner trank, und er schmeckte himmlisch. Vor allem aber war Peter Zadek der Einzige in diesem pseudo-edlen Schuppen, der mich wie einen Menschen behandelt hat (das Trinkgeld war auch üppig). Und während ich mich daran erinnere, trauere ich heute etwas um ihn.

16:36 30.07.2009
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Geschrieben von

Anette Lack

Journalistin in Hamburg
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