Endlich wird alles anders in Indien! Oder?

Wahlen in Indien Es ist die größte Demokratie der Welt. Wie normale Bürger die Wahlen erlebt haben und was sie über ihre Politiker denken.
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Das Wahlergebnis ist heute wie ein Tsunami durch Indien und den Rest der Welt gefegt: die Bharatiya Janata Party mit Spitzenkandidat Narenda Modi hat mit einer überwältigenden Mehrheit gewonnen und löst nun nach zehn Jahren den regierenden Nationalkongress ab. Das erste Mal seit 30 Jahren wird das Land potentiell von einer einzelnen Partei, der Bharatiya Janata Party (BJP), regiert. Modi ist der Sohn eines Einzelhändlers und war in jungen Jahren selbst Teeverkäufer. Wie hat dieser scheinbar einfache Mann mit seiner Kampagne das Land gefesselt und das Vertrauen der Inder gewonnen?

Insgesamt sind knapp 815 Millionen Inder wahlberechtigt, da reicht kein Wahlsonntag um alle Stimmen einzuholen. Über das Land verteilt wurden die Stimmen innerhalb von fünf Wochen gesammelt. Die Wahlen haben viele Menschen in der ganzen Welt beschäftigt. Wie funktioniert das, wenn genauso viele Wähler, wie in den USA und Europa zusammen, an die Wahlurnen treten? Meine zentrale Frage: was denken ganz normale Menschen über die Wahlen?

Der Wahlkampf fand besonders zwischen zwei Parteien statt: dem regierenden Indischen Nationalkongress (Congress) mit dem Zeichen der Hand und der Bharatiya Janata Partei (BJP) mit dem Symbol einer Lotusblüte. Seit 2004 wurde das Land von der Congress Partei geführt. Sie zählt zu einer der ältesten Parteien der Welt und wurde schon von Mahatma Ghandi geführt. Heute werden sie für Korruption und zu wenig wirtschaftlichen Fortschritt verantwortlich gemacht. Genau dort greift die BJP an - der Führer Narenda Modi verspricht wirtschaftliches Wachstum und ein Eindämmen von Korruption. Der von ihm geführte Staat Gujarat wird mit seiner positiven Entwicklung als Beispiel aufgeführt.

Aufgemischt wurde der Wahlkampf durch die Partei des gewöhnlichen Mannes, der Aam Aadmi Partei mit dem Besen als Symbol. Das junge Bündnis basiert auf einer Protestbewegung gegen Korruption und wird von Arvind Kejriwal geführt. Zwar sind sie gut im Protestieren und mobilisieren die Massen in Neu Delhi, jedoch ist Kejriwal in Delhi als Ministerpräsident gescheitert. 2012 wurde er von seinen vielen Anhängern als Oberhaupt der Hauptstadt gewählt, jedoch trat er nach nur 49 Tagen wegen dem Scheitern seines Anti-Korruptionsgesetzes zurück.

Am 17. April habe ich in Bangalore den Wahltag beobachtet. Ausgestattet mit meinem Pass in der Bauchtasche und vorbereitet auf Menschenmassen und Trubel bin ich mit Entschlossenheit im Blick vor die Tür getreten. Ich habe Menschen mit den verschiedensten Meinungen getroffen und konnte mir so ein Bild von den Wahlen in der größten Demokratie der Welt machen.

Um zehn trete ich aus meinem Wohnhaus in Indiranagar und mache mich auf den Weg an den Treffpunkt wo mich Helen mit dem Auto abholen wird. Meine Mitbewohnerinnen haben mir in den Tagen zuvor zur Vorsicht geraten, immerhin sind am 12.4.2014 in Chhattisgarh bei einem Bombenanschlag 12 Menschen ums Leben gekommen, darunter Polizisten und Wahlhelfer. Ich stelle mir vor, wie ich mich mit Helen zur Wahlurne vorkämpfen muss, vorbei an mehreren Kontrollen, bewacht von Soldaten und Polizisten. Wie weit werden sie mich durchlassen? Werde ich Helen bei den Massen von Menschen aus den Augen verlieren?

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Im Auto erzählt mir Helen, dass es für sie die erste Wahl ist. Sie ist Ende zwanzig, arbeitet im Social Media Sektor und ist glücklich verheiratet. Überrascht stelle ich fest, dass sie ihre Stimme an die Congress Partei geben wird. Immerhin gilt diese Partei als konservativ und korrupt. Viele machen sie für den wirtschaftlichen Rückstand in Indien verantwortlich. Warum wählt sie nicht die BJP? Helen wird ernst: „BJP kommt für mich nicht infrage. Ich bin Christin und nach dem Gujarat-Progrom würde ich meine Stimme nie an Modi geben.“ Sie erzählt mir von den Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002. Wie viele andere glaubt sie, dass die BJP unter der Fadenführung von Modi hinter den Ausschreitungen stand. Es gibt zahlreiche Berichte von Massenvergewaltigungen an muslimischen Frauen, Verbrennungen von Menschen auf der Straße und Zerstörungen von muslimischen Gebäuden. Insgesamt sind 790 Muslims und 254 Hindus ums Leben gekommen.

„Modi ist entschieden pro-Hindu. Er hat Gujarat zwar wirtschaftlichen Fortschritt gebracht, aber er diskriminiert religiöse Minderheiten. Für Hindus birgt das kein großes Risiko, sie wünschen sich den Fortschritt, den er verspricht. Wir sind ein säkularer Staat, das will ich nicht für wirtschaftliches Wachstum aufs Spiel setzen,“ erklärt mir Helen.

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Unsere Spannung steigt, als wir das Auto parken und nun zu Fuß zum Wahllokal in einer Schule aufbrechen. Der Sandweg zur Schule ist leer, weiter hinten sehen wir eine Gruppe Männer um einen Tisch sitzen. Wir fragen noch einmal nach, ob es hier wirklich zum Wahllokal geht und werden den einsamen Weg heruntergeschickt. Der Tisch steht im Schatten, viele Männer stehen und sitzen in der Nähe und Wahlhelfer haben Listen mit Fotos und Adressen. Dort muss sich Helen melden und bekommt nach einigem Hin und Her einen Zettel mit dem sie nun zum Wahllokal muss. Der Platz vor der Schule ist verlassen, unter dem Vordach des Gebäudes fläzen zwei Polizisten im Schatten. Wo ist der Trubel, wo sind die ganzen Menschen? Helen und ich wundern uns, aber sind gleichzeitig froh, dass wir nicht lange in der Sonne stehen müssen. Auch im Wahllokal werden Listen gewälzt, Helen scheint nicht auffindbar. „Meine Stimmkarte ist neu, ich habe vorher noch nie gewählt,“ sagt sie und so sucht die Wahlhelferin auf einer anderen Liste. „Die Nummer auf Ihrem Zettel ist falsch, sie müssen ins Wahllokal nebenan,“ so die Frau.

Im richtigen Wahllokal sitzt eine bunte Gruppe Wahlhelfer, die den perfekten Schnitt der indischen Gesellschaft widerspiegeln. Ein junger Student ist ganz aufgeregt, der mittelalte Lehrer ermahnt mich, dass ich keine Fotos machen darf, eine Nonne lächelt milde über unsere Nervosität und Neugier und eine Hausfrau bringt das Tintenfass nach draußen, damit ich es fotografieren kann. Helen wählt elektronisch, hinter einem großen Stück Pappe versteckt. Es piept laut, sie kommt heraus zu mir und ich fotografiere wie die Hausfrau ihr einen blauen Strich auf den Daumen malt. Der Strich stellt sicher, dass Helen nicht noch einmal wählen kann. Die Tinte wird sie mehrere Tage nicht abwaschen können.

Auf dem Weg zurück sind Helen und ich froh und sprechen über Indiens Fortschritt. Wir genehmigen uns eine Amul-Milch. Viele Geschäfte nutzen die Wahl zu Werbezwecken: jeder Kunde mit markiertem Finger erhält Rabatt. Gemeinsam erledigen wir noch ein paar Einkäufe für das Osterwochenende und da dämmert es uns: viele Menschen werden das lange Oster-Wochenende nutzen und ins Umland von Bangalore fahren. Die Wahl wird generell von der ländlichen Bevölkerung Indiens entschieden, die Städte spielen zwar eine wichtige Rolle, aber die meisten Stimmberechtigten leben auf dem Land. Die geringe Wahlbeteiligung in Bangalore von 54% wurde landesweit kritisiert.

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Zuhause esse ich Mittag mit meiner Mitbewohnerin Lekha. Sie kommt aus Hyderabad und kann in Bangalore nicht wählen. Wahlberechtigte müssen dort wählen, wo sie gemeldet sind und diese Ummeldung ist in Indien mit großen Hürden verbunden. Wegen der lahmen Bürokratie sind viele auch nach 15 Jahren in einer anderen Stadt noch in der Heimat gemeldet. Lekha muss 570 km in ihre Heimatstadt um ihre Stimme abzugeben. Schon in den letzten Wochen hat sie mir viel über indische Politik und Geschichte erklärt, sie saugt leidenschaftlich alles auf, recherchiert und bildet sich ihre eigene Meinung. Ihr Engagement löst in mir Bewunderung aus und so sprechen wir natürlich auch beim Essen, auf dem Boden im Schneidersitz, über die Wahlen und die politische Situation. Ich erzähle ihr von meinen Eindrücken und neuen Erkenntnissen über Modis BJP. Lekha hat viele muslimische und christliche Freunde und kann die Angst gut verstehen. Sie hat noch einmal gründlich über die Aufstände gelesen und wird ernst. Sie gibt Helen Recht, es ist eine große Gefahr für das Land, wenn Minderheiten bedroht und unterdrückt würden. „Viele werden trotzdem für BJP wählen, besonders ältere Bürger. Sie haben schon so viel erlebt und sehnen sich nach Wohlstand, der seit Jahrzehnten nur für wenige errichtet wurde,“ erklärt Lekha, „sie sehen, wie sich die Politiker Jahr für Jahr die Steuergelder in die eigenen Taschen stecken und haben genug. Das Vertrauen in den Nationalkongress ist aufgebraucht. Es ist nicht mehr Mahatma Ghandis Partei.“

Aber was macht man dann? Wenn man zwischen Rückstand und Unterdrückung wählt, gibt es da keine Alternative? Doch, die Partei des einfachen Mannes „Aam Aadmi“. Die Gruppe wird geführt von Arvind Kejriwal und protestiert gegen Ungerechtigkeit und Korruption, an der besonders die einfache Bevölkerung leidet. Jedoch sind sie in Delhi gescheitert, aber Lekha denkt, dass eine Stimme für die AAP ein Zeichen setzen kann. Es ist ein bisschen wie mit den Piraten in Deutschland, sie haben wichtige Punkte und haben die Motivation etwas zu verändern, aber sie sind schlecht organisiert und politisch unerfahren. Lekha würde es begrüßen, wenn sie es ins Parlament schaffen, denn dann können sie in der Opposition lernen.

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Nachmittags gehe ich meinen Yogalehrer Ram besuchen. Er ist 79 Jahre alt und hat lange bei der Times of India als Redakteur gearbeitet. Wenn ich zum Yoga komme, klappt er stets die Zeitung zu, er ist immer bestens informiert und hat eine starke Meinung. Ich weiss, dass er die BJP favorisiert. Nach all dem, was ich heute gehört habe, kann ich das nur schlecht nachvollziehen. Er ist ein weiser Mann und setzt sich viel für die Schwachen ein, wie kann er da diese radikal-hinduistische Partei unterstützen? Ram glaubt nicht, dass Modi der Drahtzieher der Massaker von Gujarat ist. Modi habe die Armee eingeschaltet um die Situation zu de-eskalieren. Er fügt hinzu, dass keine Moslems Gujarat verlassen haben und auch sie für ihn stimmen. „Er hat den bedrohten Glaubensgruppen die Macht der Stimme gegeben und sie haben ihn gewählt,“ kommentiert Ram, „Sollte er seine Macht tatsächlich versuchen zu missbrauchen, dann muss man ihn absetzen, aber er hat eine Chance verdient.“ Ram wünscht sich für ganz Indien ein komfortableres und sichereres Leben. Statt einer ignoranten Regierung ist er für verantwortungsvolle Regierungsführung und sieht die BJP in der Lage dies durchzuführen.

Und es sieht ganz so aus, dass Indien Modi eine Chance gibt: mit voraussichtlich 335 von 543 Sitzen im indischen Unterhaus für die BJP und ihre Partner bei einer Wahlbeteiligung von 66,4% aller Wahlberechtigten, wird er hoffentlich beweisen, dass er das Land vorwärts bringt, dass Geld da ankommt, wo es eigentlich hin soll, dass diese riesige Bürokratie weniger wird. Es bleibt abzuwarten, ob er seine Versprechen hält. Und die Hoffnung bleibt, dass Indien weiterhin ein Beispiel für Säkularismus bleibt. Ich wünsche Indien den Fortschritt, den es verdient und vor allem eine friedliche Zukunft.

Illustrationen: Vera Engel
05:51 17.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

anna.streiter

Sprachtalent und Geschichtenerzählerin || Momentan auf einer Reise durch Indien auf der Suche nach Menschen und Initiativen, die etwas verändern.
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anna.streiter

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