The Ugly Indian - nicht reden, sondern machen

Indien, Bangalore Ein Bericht über die Bürgerinitiative aus Bangalore, die ihre Stadt selbst aufräumt.
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Es ist Samstagmorgen, 7:30 Uhr und ich sitze in einem Taxi, welches mich ans andere Ende Bangalores fährt. Ich bin spät dran, in der E-Mail von der Bürgerinitiative „The Ugly Indian“ („Der hässliche Inder“) stand ausdrücklich, die Aufräumarbeiten sollten pünktlich anfangen. Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht? Als weiße Frau im Taxi vorfahren, ein paar Pinselstriche an einer indischen Wand tätigen, um dann auf Facebook posten zu können, dass ich eine gute Tat vollbracht habe?

So sieht meine Version der Gedanken in den Köpfen der indischen Helfer aus. Dabei ist es wirklich schwer in einer Großstadt mit 8,4 Millionen Einwohnern und einem sehr undurchschaubaren öffentlichen Verkehrsnetz ans Ziel zu kommen. Und ich will wissen, wie sich diese Gruppe organisiert und was sie dazu motiviert jedes Wochenende verschiedene Ecken Bangalores und anderer Städte auszubessern und zu verschönern.

An der Arbeitsstätte angekommen, kriege ich einen Schaber in die Hand gedrückt und fange an, uralte Plakate von einer Mauer zu entfernen. Ich werde nicht großartig gefragt, wo ich herkomme und was ich hier mache, ich werde als weitere helfende Hand in die Gruppe eingeschlossen.

„The Ugly Indian“ ist eine Bürgerinitiative, die 2010 in Bangalore entstanden ist. Sie hatten es satt, jeden Tag stinkenden Müllhaufen und Löchern in den Gehwegen auszuweichen. Und so haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Mitbürger Schritt für Schritt zu erziehen. Es fing in der Church Street, einer zentral gelegenen und lebhaften Straße Bangalores, an und hat sich über andere Stadtteile, bis hin zu anderen Städten Indiens, ausgebreitet.

Als wir alle Plakatreste entfernt haben, wird die Straße gekehrt und wir fangen an, die Mauer zu streichen. Die Pinsel sind zwar zu klein, aber die 15 helfenden Hände verwandeln das graue Elend schnell in eine weiß-rote Ziermeile. Mit den Minuten steigt auch die Hitze: Morgens ist sind es noch 25 °C, aber als wir um zehn Uhr die letzten Ausbesserungen an der Mauer vornehmen, sind es schon 35 °C. Schon deshalb muss man als Teil der Gruppe gut darin sein, früh aufzustehen.

Es bleibt aber nicht nur bei der Mauer, die Gehwegkante wird mit gelben und schwarzen Streifen markiert, ein schiefer Stromkasten wird neu lackiert und ein Loch im Gehweg wird neu bedeckt und auch farbig markiert. Wo die Jungs den riesigen Steinblock dafür gefunden haben, wird mir schleierhaft bleiben.

Die meisten Helfer kommen aus der gebildeten Mittelschicht und helfen dem Projekt aus idealistischen Gründen. Ananya, eine 22 jährige IT Studentin, ist das zweite Mal dabei. Menschen wie sie bestellen sich normalerweise Arbeiter ins Haus, die Renovierungs- oder Malerarbeiten durchführen. Trotzdem karrt sie Müll weg, streicht und lackiert und schreckt nicht vor dem nach Urin stinkenden Stromkasten zurück.

Manche mögen behaupten, dass die Aktionen von „The Ugly Indian“ nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Jedoch zeigt sich, dass die Verbesserungen nachhaltig Bestand haben. Meist nehmen sich die Anlieger der Orte an und pflegen diese weiter. Selbst die berühmten roten Flecke des Kautabaks „Pan“ bleiben den sauberen Wänden fern.

Ein großes Ziel der Gruppe ist es, alte Gewohnheiten zu ändern. Als Graswurzelbewegung sprechen sie mit Einzelnen und verbreiten so ihre Philosophie. Sie bauen Mülleimer für Tabakläden aus alten Abflussrohren, die sie auf der Straße finden, stellen Pflanzentöpfe auf und beziehen die Anlieger in die Gestaltung der öffentlichen Orte mit ein.

Die Gruppe scheint Erfolg auf Ebenen zu haben, wo die Regierung schon längst aufgegeben hat. Obwohl in Indien schon im Jahr 2000 nationale Richtlinien zur Abfallwirtschaft verabschiedet wurden, wird davon kaum etwas umgesetzt. Korrupte Strukturen verhindern eine effiziente und nachhaltige Abfallentsorgung. Müll aus den schnell wachsenden Städten wird im Umland abgeworfen und verschmutzt so Grundwasser und zerstört die Umwelt.

Viele Inder raten mir mit den Worten „Welcome to India!“ einfach meinen Müll auf die Straße zu schmeißen - so macht es schließlich jeder hier. Man könnte meinen, das ganze Land hätte vor der Müllwelle kapituliert und sie einfach akzeptiert, doch je gravierender die Konsequenzen der Müllverschmutzung werden, desto lauter wird der Ärger Einzelner.

Ob Ananya, das junge Ehepaar Madhu und Karan oder der rüstige Fahrradfahrer Prateek - „The Ugly Indian“ steht offen für jeden Bürger und stellt keine Elitegruppe dar. Deshalb geben die Organisatoren weder ihren Namen preis noch posieren sie auf Fotos. Ihr Motto lautet Kaam Chalu Mooh Bandh - nicht reden, sondern machen. Sie beeindrucken nicht durch die Nominierung von sozialen Preisen, sondern durch ihre Ergebnisse: In Bangalore haben sie über 100 Schandflecken verbessert.

Je älter der Tag wird, desto mehr Menschen kommen an unserem Ort vorbei. Es werden Verbesserungsvorschläge zu unserer Streichtechnik gerufen, Männer helfen beim Tragen der schweren Steinplatte für das Loch im Gehweg und eine Frau bringt einen großen Korb frischer Kokosnüsse zur Erfrischung für die Helfer. Als mich Prateek nach getaner Arbeit fragt, wie ich wieder nach Hause komme und ich ratlos mit den Schultern zucke, zeigt er mir, mit welchem Bus ich wieder zurück kommen kann. Mit zwei Mal umsteigen und vielen hilfsbereiten Passanten finde ich meinen Weg zurück und kann nun den restlichen Samstag wie die restlichen „Ugly Indians“ in Ruhe genießen.

The Ugly Indian ist eine Gruppe, die keine Einzelnen in den Vordergrund stellzt, deshalb wurden alle Namen geändert.

Website: http://theuglyindian.com
Facebook: https://www.facebook.com/theugl.yindian
The Hindu: http://www.thehindu.com/features/metroplus/society/they-are-bangalores-doctors/article5796471.ece

Indiens Müllpolitik: http://www.ipsnews.net/2012/08/india-drowning-in-waste-experts-warn/

07:47 10.04.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

anna.streiter

Sprachtalent und Geschichtenerzählerin || Momentan auf einer Reise durch Indien auf der Suche nach Menschen und Initiativen, die etwas verändern.
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anna.streiter

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