Einflussreiche Dilettanten

Merkel auf YouTube Das Interview mit der Kanzlerin wurde von vielen Medien belächelt. Doch die Google-Tochter hat mehr Einfluss, als sich viele eingestehen wollen
Anne Höhn | Ausgabe 34/2017 1

Zu „lasch“, „enttäuschend“, ein „flaches Gespräch“, urteilten die Zeitungen. Es ging um das Interview von vier Youtubern mit Angela Merkel. Ganz unrecht hatten die Kritiker nicht. Beauty-Queen Ischtar Isik, die sonst Schmink-Tiegel in die Kamera hält, bohrte zwar ein wenig in weichen Themen wie der Familienpolitik herum. Aber sie konnte auch mit charmanter Unbedarftheit keine neue Seite an Merkel zutage fördern – oder sie gar in die Enge treiben. Auch die Fragen des politikaffinen Mirko Drotschmann („Wissen2go“) und die von Technik-Geek Alexander Böhm ließen die Regierungschefin gewohnt unbeeindruckt. „AlexiBexi“ brachte Merkel immerhin dazu, eine Schnute zu ziehen – um so ihr Lieblingssmiley zu beschreiben. Der Kanzlerin ging es ohnehin nicht um journalistische Qualität. Die Währung von Youtube lautet Einfluss durch Reichweite durch Faxen. Knapp drei Millionen Follower bringen die vier Moderatoren gemeinsam in die Waagschale. Das ist das Fünffache der täglichen Auflage von FAZ und Süddeutscher Zeitung zusammengenommen. Mit dem interessanten Unterschied, dass das Publikum dieser Zeitungen aus Senioren besteht und das der Youtuber aus Jugendlichen. Zeitungsleser sterben aus, dennoch belächeln die Kollegen der großen Blätter kollektiv den Online-Auftritt Merkels. Sie kanzeln die Fragen der Youtuber als dilettantisch ab, und beweisen durch emsige Berichterstattung zugleich, dass das Medium längst ein Schwergewicht ist.

Die Tochtergesellschaft von Google hat mehr Einfluss, als es sich die etablierten Verlagshäuser eingestehen wollen. Youtube, die Mitmach-Plattform, die wirklich jedem die Chance zur Partizipation bietet und mit sinnlich ansprechendem Bewegtbild aufwartet, bekommt ein Interview, das die meisten Polit-Redakteure nie bekommen werden. Mit ihrem Angebot spricht die Plattform ausdrücklich die Altersgruppe zwischen 14 und 24 an – eine Kohorte, die wir klassischen Zeitungen schon lange nicht mehr erreichen. Merkels Auftritt zielte klar auf Erstwähler. „Sie können meckern oder schimpfen oder klagen“, lockte sie die Jugend in die Politik, „aber da können Sie mit beeinflussen.“ Die Vorsitzende der CDU ist die Erste, die sich in diesem Wahlkampf live auf der jugendlichen Plattform interviewen lässt. Und sie treibt damit alle vor sich her. Sigmar Gabriel zog zwei Stunden nach Ende des Livestreams auf Buzzfeed nach. Die Vorsitzende der Linken, Katja Kipping, kündigte rasch ein Interview mit dem Youtuber Tilo Jung („Jung und naiv“) an. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch SPDler Martin Schulz durch die Online-Formate tingelt.

Wichtiger als die Effekte auf die Politiker und Wähler ist wahrscheinlich, was der Youtube-Style mit der Politikberichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen macht. Mit dem Format Überzeugt uns! Der Politikercheck versuchte die ARD offenkundig die Mitmach-Dynamik Youtubes nachzuahmen – und scheiterte krachend. Die Laune der geladenen Politiker, von der rüpeligen Ronja von Rönne und dem überforderten Ingo Zamperoni durch die Sendung gepeitscht, sank im Minutentakt. CDU–Mann Jens Spahn platzte schließlich der Kragen, weil er keinen Satz zu Ende bringen konnte. Anders als Merkel im Youtube-Interview kam bei diesem Format keiner der sieben Geladenen sympathisch rüber. Im Gegenteil, man empfand Verachtung dafür, dass sich Politiker dafür hergeben, sich in Antwort-Käfige von 15 Sekunden sperren zu lassen. Da hätte die ARD besser mal von der Kanzlerin und Youtube gelernt.

06:00 24.08.2017
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