Ich bin der Herr, Dein Jobs!

Medien Apple - schick aber prüde. Stimmt das noch? Tatsächlich schickt sich der Weltkonzern an, seine privaten Obsessionen, Antipathien und Vorlieben zu globalisieren
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Vermarktet hat Apple-Gründer Steve Jobs sich stets als Kind der Hippie-Bewegung. Seine wichtigsten Einsichten, erzählen Insider, habe der Computer-Freak auf seinen LSD-Trips erhalten. Jobs, wird kolportiert, sei schließlich „besessen gewesen von dem Verlangen, der Menschheit schnellen Zugang zu Bildung und Kunst zu verschaffen.“ Wenn der begnadete Selfmademan dann bei der Eröffnung einer seiner schicken Läden erschien, stets puristisch gekleidet in schwarzem Pullover und einer Levis 501, war das bis zuletzt eine Vorstellungen der Extraklasse eines Selbstinszenierten. Man nahm ihm ab, dass der freiheitsliebende Bob Dylan sein großes Idol war.

Hipp aber mächtig autoritär

Wie fremd den Nachfolgern von Steve Jobs die 68ziger Generation mit ihrem Freiheitsdrang und Tabubrüchen geworden ist, zeigt ein Blick in Apples immer länger werdende Liste von zensierten und verbotenen Büchern sowie Apps mit künstlerischem oder dokumentarischem Anspruch.

Eine bizarre Erfahrung mit den Amerikanern machte der dänische Bestsellerautor und preisgekrönte Journalist Peter Øvig Knudsen. Knudsen hat eine zweibändige Chronik über die Protest- und Alternativ-Bewegung Dänemarks der späten 1960ziger und frühen 1970ziger Jahre verfasst. Doch bei Apple lief er damit auf. Denn die Hippie-Bewegung begeisterte sich nicht nur für Frieden, sondern auch für „Sex & Drugs & Rock N‘ Roll“ und zelebrierte dies mit viel Freikörperkultur, was in Hippie1 und Hippie2 mit historischen Aufnahmen dokumentiert wird.

47 Bilder von nackten Blumenkindern betrachtet Apple als anstößig. Dabei handle es sich um „dänisches Kulturerbe“, konterte Jens Lauridsen, Knudsens Verleger vom renommierten Kopenhagener Gyldendal Verlag: 14 Aufnahmen von Gregers Nielsen, einer der bedeutendsten dänischen Dokumentarphotographen seiner Generation sowie 15. Photoreproduktionen der Werke des international anerkannten Gegenwartskünstler Bjørn Nørgaard. "Die Photos", argumentiert der Verlag, " bereits Jahrzehnte vor der Herausgabe der Hippie-Bände publiziert, durch Ausstellungen und Filme bekannt, " sind längst Bestandteil eines öffentlichen Gedächtnisses. Apples Zensur richte sich gegen die Freiheit der Kunst und Kultur in Dänemark.

Apple kümmert das wenig. Die Abbildung nackter Haut empfindet der milliardenschwere Konzern als „unangemessen“. Ungeachtet ihres dokumentarischen Wertes schmiss man dort die Dokumentation samt App-Version mit Videos, Musik und Bildern der Hippie Ära aus dem Sortiment und verfügte, dass sie im iBook—Store nicht mehr zu beziehen sind.

Peter Øvig Knudsen und sein Verlag entschieden sich schließlich auf Anfrage Apples für Selbstzensur. Danach verdeckten rote Äpfel die Genitalien und Hinterteile der abgebildeten Nackedeis. Die zensierten Bücher durften wieder über Apple verkauft werden, um nur wenige Tage später und ohne Vorankündigung an einem Wochenende aus dem iBook-Store-Angebot zu verschwinden. In seinem iBook-Store verkauft das Unternehmen e-Books für iPads, iPhones und andere auf iOS Software laufende Produkte. Besonders hart traf Gyldendal, dass Apple auch längst genehmigte “Hippie” Apps im Wert von 30.000 Dollar Herstellungskosten aus dem Sortiment nahm. Böse Zungen behaupten, dies sei die Retourkutsche der Amerikaner für die freche Ver-Apple-ung der Dänen.

Geht das überhaupt? Apple macht von seiner Händlerfreiheit Gebrauch. Juristisch ist dagegen nichts einzuwenden. Apple ist ein Privatunternehmen und hat wie jeder Händler die Freiheit zu entscheiden, was er vertreiben will, oder auch nicht. Der mächtige Springer-Verlag beugte sich wegen seiner BILD-Tablets der Zensur des Weltkonzerns. Auch Stern und Focus, das dänische Ekstra Bladet sahen sich gezwungen, Titelbilder ihrer digitalen Ausgabe zu entfernen, die barbusige Models zeigten. Für die Amerikaner seien solche Darstellungen nicht jugendfrei und folglich App-Store untauglich. Als der kanadische The Globe and Mail Apple um eine Stellungnahme bat, hieß es aus der kanadischen Niederlassung: „Wir sollten das eher nicht kommentieren.“

Bigotterie & schädliche Programme

Es mag Europäer noch so erstaunen, dass eine Marke, die sich avantgardistisch präsentiert, sich unaufgeklärt und zugeköpft geriert. Doch Steve Jobs definierte für welche Vorstellung von Freiheit Apple-Technologie steht: „Die Freiheit von schädlichen Programmen und die Freiheit von Pornographie.“ Freiheit ist demnach für Apple die Befreiung vor dem Anblick nackter Haut! Das ist nicht nur seltsam naiv, sondern mittlerweile auch höchst widersprüchlich. Denn da, wo das Unternehmen die größte Gewinnmaximierung wittert - im Internet, bedarf es lediglich eines unbedachten Klicks und schon überschwemmt einen das Netz mit pornographischem Material.

Die Entscheidungen Apples, was sich geziemt und was angeblich nicht, sind folglich kaum mehr nachvollziehbar: Ohne Vorbehalte vertreibt Apple Dani Oliviers Anthology of Nude Photography und Nude Inspiration in a Painter’s Studio des Künstlerpaars Kristofer Paetau and Ondrej Brody. Naomi Wolfs von Kritikern verrissenes Buch Vagina pixelte der Konzern zwar im Titel, jedoch zum Besteller wurde es nicht nur der Proteststürme wegen, vielmehr dank Apples iBook-Store.

Christian Kirk Muff, der zusammen mit Knudsen die Hippie-Chronik für Apple überarbeitete, sieht in dem „unerklärlichen Abnahmeverweigerungssystem“ eine Maschinerie am Werk. Ein „big brother in action“ entscheide, was massentauglich sei oder nicht. Je größer das Unternehmen“, klagte Muff im Interview mit The Copenhagen Post, desto wirksamer werde ein mechanisches moralisches Bekenntnis. „Es ist nicht ein Problem der Verlage, es ist ein globales Problem.“

Doch sind die Ungereimtheiten und Widersprüche mit der Vorstellung eines Deus ex machina oder eines „Big Brother“ als Zensor zu begründen? Und wie passt diese unzeitgemäße Betrachtung zu einem Kommunikationskonzern? Von „undurchdringbarer Festungsmentalität“ sprechen Knudsen und sein Verleger, nachdem Apples dänische Niederlassung bis heute auf keine der vielen Anfragen Gyldendals und seines Autors reagierte.

Michael Posner vom Globe &Mail begründet Apples Wagenburgmentalität und den Angriff auf die Freiheit des Ausdrucks mit „Hypokrisie“. Gemeint ist ein Krisenphänomen, indem sich Kritik ad absurdum führt. Hinter der Maske der Allgemeinheit behauptet man bereits mit einer schlichten Negation, im konkreten Fall mit „nackte Haut“ eine Position zu beziehen. Was an voraufklärerische Zeiten gemahnt, wenn Jens Lauridsen Apples Auskunfsverweigerung als Mystifizierung kritisiert, folgt dennoch knallhartem Firmeninteresse: Zusehends geht es Großkonzernen wie Apple darum, den Einfluss von Öffentlichkeit zu unterlaufen. Mittels Geheimniskrämerei schwingt sich das private Gewissen Apples zu einem großen globalen Gewissen auf. Es ist der Versuch solch einer vermauerten Moral, in hart erfochtene demokratisch fungierende Diskursformen einzugreifen, in denen vernünftigerweise ausgemacht wird, was sittlich oder unsittlich ist. Gleichzeitig dient sich der Konzern mit seiner Verdunklungsstrategie religiös motivierten Gruppierungen und Gesellschaftsformen an. Denn strategisch getarnt als "besseres Gewissen" , kommt Apple bei seinen Expansionszügen auf einem umkämpften Weltmarkt einer Politik und moralischen Wertesystemen entgegen, die ihr Tun und Lassen im Dunklen aushandeln und damit politisch fungierende Öffentlichkeit hinters Licht führen.

Also Obacht, wem das Gebaren des kalifornischen Weltkonzerns wie eine Posse aus längst vergangenen Zeiten anmutet! Apple ist keiner dieser kleinen betulichen Kiez-Buchhändler, denen das Wasser bis zum Hals steht, weil die Großen bereits seine Existenz abgraben. Apple ist, Andrea Teupke von Publik Forum zufolge, eher mit einem dieser riesigen Möbelhäuser zu vergleichen, mit dem Unterschied, dass das Unternehmen nur Regale verkaufen möchte, die es selbst gebaut hat und in die der Kunde gefälligst die Bücher hineinstellen soll, die Apple für lesenswert hält. Dabei geht es Apple beileibe nicht bloß um die Deutungshoheit eines selbsternannten Moralapostels. Apple wünscht sich die totale Kontrolle über seine Produkte und über die, die sie nutzen.

Anfang 2012 begründete der Vize-President von Apple in einem Interview mit der New York Times den Vertrieb von Playboy und Sport Ilustrated Apps, Illustrierten, die mit Abbildungen von viel nackter Haut viel Geld verdienen . Es handle sich beim Playboy und SI um alte etablierte Marken mit seit Langem eingeführten und von der Allgemeinheit akzeptierten Formaten. Dänische Schriftsteller und Künstler fordern seitdem, dass die dänische Regierung einschreitet. „Gyldendal, 1770 gegründet, ist nicht nur Dänemarks ältester Verlag, heißt es, „sondern hat Bedeutung für die Kultur- und Literaturszene ganz Skandinaviens“, die Zensierung seiner Bücher sei nicht hinnehmbar. Wehren sollten sich die Kunden gegen diese Monopolisten und selbsternannte Tugendwächter wie Apple.

In eine neue Runde ging die Auseinandersetzung mit Apples Anfang November 2012. Peter Øvig Knudsen rief in einem öffentlichen Brief seinen Kulturminister Uffe Elbaek auf, gegen Anmaßungen und Zensur durch Gatekeeper für digitalen Content vorzugehen. Die Regierung, so Knudsen, habe den weltweiten Erwerb von kulturellen Inhalten für Online-Leser und Gruppen sicherzustellen, die an dänischer Geschichte und Kultur interessiert seien.

Unter öffentlichem Druck erklärte Uffe Elbaek den Konflikt mit Apple zur internationalen Angelegenheit. Im Interviews mit dem Globe & Mail betonte er auch mit Blick auf nordamerikanische Leser: „Die Hippie-Chronik ist ein Geschichtsbuch, dasdokumentiert“, wie Dänen „in jenen Tagen lebten. Ist es da fair", fragt er, "dass ein amerikanisches Unternehmen ohne jegliche Dialogbereitschaft seine Moralstandards auf Themen und Sujets anwenden kann, die zuvorderst ein dänisches Publikum mit seinen weitaus freieren moralischen Standards interessieren.“

Ende November 2012 folgten Schreiben an seine europäischen Amtskollegen sowie an die EU-Vizepräsidentin und EU-Kommissarin für die Digitale Agenda Neelie Kroes und die Kommissarin für Bildung und Kultur Androulla Vassiliou . Darin unterstreicht der dänische Kultusminister noch einmal das legitime Recht der Verlage auf freie Entscheidung, zu verkaufen und zu publizieren, was sie für richtig halten und woran sie glauben. Weit über dänische Angelegenheit hinaus, gelte deshalb seine Sorge dem Recht auf die Freiheit des Ausdrucks. „Um ein breites Publikum zu erreichen“, heißt es in Elbaeks Anfrage, „sind europäische Autoren, Musiker, Filmemacher mehr denn je abhängig von weitreichenden Vertriebsstrukturen und deren digitale Plattformen.“ Die Frage müsse dringend beantowortet werden: "Welche Rahmenbedingungen stellen wir auf für die Sicherstellung eines weltweiten Vertriebs europäischer Kulturgüter, so kontrovers oder provokativ diese auch sein mögen?" Außerdem erfordere das Auftauchen neuer technischer Vertriebsformen, dringend die Formulierung von ethischen Standards, die auch international Bestand haben.

Hippie1 und Hippie2 stehen seit Escheinen 2011 auf der dänischen Bestsellerliste für Hardcover-Bücher .

Und Peter Øvig Knudsen und der Gyldendal Verlag? Die halten den Flower-Power Mythos von Apples für verwelkt. „Wenn Apple nicht Einhalt geboten wird“, davon ist Knudsen überzeugt, „wird der iBookstore des Konzerns eines Tages den e-Book Verkauf in einem noch stärkeren Ausmaß beherrschen als iTunes bereits den Musikverkauf dominieren.“ Mit dieser Vormachtstellung gelänge es Apple, sogar die Lieferbedingungen für Dänemarks e-Book Markt zu diktieren. Bücher wie die Hippie-Chronik wären dann ohne Chance. Die Selbstzensur von Autoren und Verlagen, befürchtet sein Verleger Jens Lauridsen, steht am Beginn dieser Entwicklung.

Schick und spießig. Apple zensiert Bücher und Zeitungen, die nackte Haut zeigen. Von Andrea Teupke, Publik Forum 23/2012 vom 07. Dezember 2012

Call to combat corporate censorship as Apple bans book. ByBjarke Smith-Meyer, The Copenhagen Post , Nov. 06 2012

Nudity, e-books and censorship: How Apple became Big Brother. By Michael Posner, The Globe and Mail Published Wednesday, Nov. 21 2012

Think prüde. Von Bernd Graff, Süddeutsche.de vom 24. November 2012

iPhone developers angry as Apple purges adult apps. Aus: BBC NEWS Febr. 23 2010

Mark Fiore can win a Pulitzer Prize, but he can’t get his iPhone cartoon app past Apple’s satire police von Laura McGann aus: Nieman Journalism Lab, Apr. 15 2010.

23:29 14.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

anne mohnen

Der Verstand ist Brod, das sättigt; der Witz ist Gewürz, das eßlustig macht." Ludwig Börne.
anne mohnen

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