Berlins brennende Autos

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http://annalist.noblogs.org/gallery/3244/urban_collectibles.jpgAutos werden in Berlin gefühlt schon immer angezündet. Anderswo übrigens auch, wieso redet da eigentlich niemand drüber? Seit die Hysterie Aufmerksamkeit zu dem Thema letztes Jahr so zunahm, schreibe ich dazu wenig. Meine Schere im Kopf murmelt: mach's nicht, das gibt nur Ärger. Mindestens kommt zurück, Du verharmlosest das Problem und das ist doch wirklich nicht in Ordnung, dass den ganzen Leuten die Autos.. .

Andrej juckt es manchmal, was dazu zu schreiben, weil er gern über die Stadt im allgemeinen und Berlin im besonderen schreibt. Und weil inzwischen überall steht, dass das mit Gentrifizerung zu tun hat und damit kennt er sich ganz gut aus. Ich (und andere Familienangehörige) bedrängen ihn dann, die Finger davon zu lassen. Reicht ja, dass hier regelmäßig JournalistInnen aufschlagen, die fragen, ob er mal erklären könnte, warum "diese Leute immerzu Autos anzünden". Nur zur Erinnerung: das Verfahren läuft noch, das herausfinden will, ob er der Texteschreiber der mg sei. U.a. wegen dieses G-Worts.

Terroristische Vereinigung "Die zwei von der Muppet-Show"

Eher noch nicht ganz ernst gemeint frage ich seit ein paar Monaten, wann wohl öffentlich bekannt gegeben wird, dass eine terroristische Vereinigung mit dem Ziel des Autoanzündens fabriziert wurde. Nach der dann mit den Ermittlungsmethoden zum §129a gefahndet werde. Unter Applaus derjenigen Medien, die schon länger fordern, dass der Senat/die Polizei/irgendwer jetzt endlich mal durchgreifen muss. Die Frage nach den Ursachen bleibt die Ausnahme. Die Politologin in mir fragt sich: wem nützt das? Nicht so schwer zu beantworten.

Gereon Asmuth hat in der taz dazu gerade einen angenehm intelligenten Artikel geschrieben: Linke Gewalt und verbale Aufrüstung in Berlin. Das Jahr des Feuers. Verbale Aufrüstung hilft nicht - was wir brauchen, ist eine Stadt, die Platz für alle hat. Soziale Auseinandersetzungen mit Hilfe von Gewalt zum Verstummen bringen zu wollen funktioniert nicht - und was sonst ist denn der Versuch stärkerer Repression. Oder führt zu gesellschaftlichen Modellen, die ich jedenfalls ablehne.

Zur These, dass es sich nicht um soziale Auseinandersetzungen handelt, sondern um gewaltgeile Spinner: ich weiß es nicht, meines Wissens geht aber selbst die Berliner Polizei davon aus, dass nur der kleinere Teil der Autos von Linken angezündet wird. Klar gibt es gewaltgeile Spinner (bzw. welche, die gern Sachen anzünden), nur sind die eben keine Linken, sondern Trittbrettfahrer.

Dass es wiederum den Linken/Linksextremisten/Linksradikalen/Linksterroristen - gewaltgeil, hirnlos - nicht um politische Inhalte ginge, steht widerspruchsfrei neben Sätzen, die feststellen, dass alles irgendwie mit dem G-Wort und Verdrängung und der Stadt (Berlin) zu tun habe. Dass die Mieten steigen und Hostel-bewohnende Sauf-Touristen am Rosenthaler Platz niemandem das Leben schöner machen (außer den Hostel-Betreibern), wird nicht bestritten. Es hat also doch irgendwie mit Politik zu tun. Warum ausgerechnet die, die gern Wasser predigen (Gewaltfreiheit), dann Wein saufen (kräftig zubeißen), wird nicht erklärt.

Es ist ja auch so bequem: der Berliner Verfassungsschutz weiß wer's war, sekundiert vom Innensenator (VS-Studie "Linke Gewalt in Berlin", lokale Kopie). Eigentlich weiß niemand, wer's war, weil die paar armen Hanseln, die repräsentativ für die "Explosion linksextremer Gewalt" in den Knast gesteckt werden, sämtlich nach teils Monaten in Einzel-Untersuchungshaft mangels Beweisen wieder freigelassen werden müssen. Die Medien quer durch die Republik hetzen gegen "Feuer-Chaoten" und "linke Terrornester", die endlich ausgehoben werden müssen. Und weil das alles nichts nützt, muss eben noch härter durchgegriffen werden. Das reicht dann bis zum Zivilpolizist, der als Penner verkleidet im Park als "Brandstreife" auf Linke wartet und stattdessen von Betrunkenen, die Penner nicht mögen, angegriffen wird. Der "Penner" schoß daraufhin scharf (ins Bein), verlor seine Waffe (?!?), nach der als Folge nachts per Feuerwehrleiter mit Flutlicht und dann noch per Hubschraubermit Wärmebildkamera! gesucht werden musste. Und wer war schuld? Natürlich Linke. Die - das weiß man ja - vor allen Dingen gern sozial Benachteiligte körperlich angreifen.

Fritz Sack, Professor der Kriminologie in einem Interview zwei Tage später:

"Diesen Reflex kennt man zur Genüge – Gewalt wird immer gern den Linken angelastet."

Auto-Anzünder für Interview gesucht

Jetzt geht das Spiel in die nächste Runde:

Die Artikel mit den Vermutungen, warum die linken Chaoten immer so ziel- und grundlos gewalttätig sind, sind alle zigmal geschrieben. Gebraucht werden echte Brandstifter. Die taz hat gerade einen gefunden, ganz zufällig, bei einer Party! Großes Glück, sowas ist mir noch nie passiert.

"Als wir uns das nächste Mal treffen, fällt mir sein schwarzes Käppi mit den Pins auf. In Kombination mit dem schwarzen Kapuzenpullover erinnert mich sein Outfit an einen linken Aktivisten. Ich spreche ihn darauf an. Ja, er sei aktiv, sagt er.

Die Frage, wie denn diese Aktivitäten aussähen, beantwortet er mit "Autos abfackeln"."

Hmmnjaa. Klingt total echt.

Der Druck scheint groß. Beim Bündnis für die Einstellung der §129(a)-Verfahren ist auch gerade so eine Anfrage eingegangen:

"Hallo, wir (...) würden gerne einen Beitrag erstellen über Protestaktionen der autonomen Szene in Berlin. (Attacken auf Verwaltungsgebäude, brennende Autos....). Vielleicht können Sie uns einen Ansprechpartner- oder auch mehrere nennen - die uns zu einem Interview bereitstehen."

Na klar.

Ich sehe hier jedenfalls eine Menge Potential für Kommunikationsguerilla-Aktivitäten, wie sie gerade von Monty Cantsin und Viktor Dornberger beim 26. Kongress des CCC vorgestellt wurden. Zum Beispiel hatten ungenannte Aktivisten offenbar viel Freude, als sie auf eine unpersönliche Anfrage des ehemaligen RBB-Fernsehmagazins Polylux in einem Internet-Forum stießen. Gesucht wurden Nutzer der "Alltagsdroge Speed". Das "Kommando Tito von Hardenberg" gab ein Interview und dokumentierte das ganze auch auf der Website tito.blogsport.de.

"Die Sprecherin des Kommandos, Ingrid Hüpenbecker, erklärt: „Wir haben die plumpe Internetrecherche von Polylux zum Anlass genommen, die Legende des Speed-Patienten „Tim“ zu erfinden und zum Drehtermin ein kleines Schauspiel vorzuführen. Erschreckend, wie einfach es ist, selbst gewählte Inhalte in Massenmedien zu platzieren und so gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen.“"

Noch schöner war die falsche Pressemitteilung der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung, in der u.a. angekündigt wurde, den Stiftungsrat von drei auf 15 Personen zu erweitern, darunter drei Personen mit aktuellen Fluchterfahrungen. Von den Yes Men gar nicht zu reden, die kurzfristig die ganze Welt glauben machten, Dow Chemistry hätte endlich vor, Entschädigungen für die Opfer der Chemie-Katastrophe von Bhopal zu zahlen und die hinterlassenen Verseuchungen zu beseitigen.

Ich würde mir von einem rot-roten Berliner Senat die Fähigkeit wünschen, nicht nach SPD-Noske-Manier Linke auf's Korn zu nehmen, und sich nicht von den Medien am Nasenring durch die Arena schleifen zu lassen. Von Linken wünsche ich mir mehr Kreativität und politische Inhalte & Formen, die von denen, die noch überzeugt werden wollen, auch verstanden werden. Von den Berliner JournalistInnen wünsche ich mir, dass sie sich trauen, vor dem Schreiben zu denken.

Schere im Kopf: das mit der Kreativität wird doch sofort als Aufforderung zu Gewalt ausgelegt.
Antwort: aber ich habe doch direkt drüber über Kommunikationsguerilla geschrieben.
Schere: genau: Guerilla!
Antwort: Das sieht doch jedes Kind, dass ich damit was anderes meine..?
Schere: [murmelmurmel]
Antwort: [murmelmurmel]
usw.

Zum Glück ist das Kabarett noch nicht verboten.

Hagen Rether: Was ist denn linke Gewalt?
(ab Minute 2:00)

Erwin Pelzig: Frankreich, das Mutterland des brennenden Automobils

Ob Musiker sowas dürfen, wird sich zeigen.

Jan Delay: "Brennende Autos helfen"

Originaltext bei annalist.

01:18 03.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anne Roth

Anne Roth ist Bloggerin und Netzaktivistin, hat als Journalistin und Online-Redakteurin gearbeitet und ist Researcher bei "Tactical Tech".
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