Geert Lovink: "Deutschland braucht mehr mutige & kreative Individuen"

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

http://annalist.noblogs.org/gallery/3244/iz3w_315.jpgGeert Lovink, Netzaktivist und Medientheoretiker, wird in der aktuellen iz3w interviewt. Beide verbindet, dass sie gefühlt schon immer da sind.

Die iz3w ist eine Nord-Süd-Zeitschrift, die dem Netz gegenüber noch gewaltig fremdelt. Das Interview enthält aber einiges, das auch für NetzbewohnerInnen interessant sein könnte (und sollte).

Etwa eine interessante Antwort auf die Frage nach den tausend Subkulturen im Netz, die gemeinsames Handeln verhindern und also nicht (mehr) subversiv seien:

Übrigens sehe ich nichts, was wir gegen tausend Subkulturen haben können. Deutschland, zum Beispiel, braucht viel mehr mutige und kreative Individuen. Individualisierung in Deutschland wäre das glückliche Ende des post-faschistischen Projekts. »Nie wieder« heißt doch auch »Nie wieder Massenwahn«. Die Vielfalt der Subkulturen verhindert so etwas effektiv. Die Sehnsucht nach großen sozialen Bewegungen hat etwas Nostalgisches im negativen Sinne … es kann politische Tätigkeit auch verhindern.

Er wehrt sich gegen die Vorstellung, im Netz fände etwas statt, das neu und/oder anders sei als das, was in der 'realen Welt' stattfindet.

Die Idee, das virtuelle Netz sei etwas völlig anderes, eine parallele Welt, die alternativ wäre, habe ich immer abgelehnt. Gesellschaft und Internet werden eins – ob wir’s mögen oder nicht.

Gefordert sei eine neue Netztheorie - ob die allerdings, wie er meint, eine Euro-Netztheorie sein muss, wage ich mal zu bezweifeln.

Die Internetideologie wird nach wie vor zum größten Teil von US-amerikanischen Business- und Managementjournalisten bestimmt. Also nicht von Technikern oder gar Unternehmern, geschweige denn von Akademikern. Klar reden diese Leute ungern von Klasse, Rasse, Gender und so weiter. Sie benutzen durchaus das Wort sozial, meinen damit aber etwas ganz anderes, nämlich eine große Gruppe von Leuten, die man selbst ausgewählt hat (also nicht die Anderen). (...)

Die Konservativ-Anarchisten, über die wir hier reden, die den freien Markt so leidenschaftlich predigen, kennen sich in der Geschichte der Soziologie oder der sozialen Bewegungen nicht aus. Was sie versuchen zu beschreiben, ist neues soziales Verhalten, das eruptiv ist, ganz schnell auftaucht und dann wieder verschwindet. Klar müssen wir sie kritisieren, aber die größere Herausforderung liegt doch darin, selbst eine viel genauere und kritische Analyse der hiesigen Gesellschaft vorzunehmen.

Ohne jetzt in der das derzeit beliebte Piraten-Bashing verfallen zu wollen, sehe ich gewisse Parallelen zu der 'freien Ideologie', das Netz (die Wikipedia/das Parteiprogramm/... ) reguliere sich in allen Fragen am besten selbst, alles andere sei anachronistischer Dogmatismus.Für Hinweise auf Texte (Audios, Videos..), die sich mit dieser Thematik befassen, bin ich übrigens außerordentlich dankbar.

Zum Schluss richtet er sich dann wieder an die deutschen Linken, die dem Netz eher skeptisch gegenüber stehen:

Klar ist Europa ein wichtiger Markt, aber entwickeln wir grundlegende und subversive Ideen, die die Netze in eine andere Entwicklung steuern? Kaum. Wir benutzen das Potential nicht, wir sind alle brave KonsumentInnen und late adapters, inklusive der deutschen Linken. Der Rest der Welt versteht sich wirklich nicht als Opfer der neuen Medien…

Sondern?

Lerne Linux oder Python. Nimm an der freien Softwarebewegung teil und versuche, sie überall einzusetzen. Die Leute, die keinen Bock auf Technik haben, müssen sich ja nicht mit studiVZ oder Facebook auseinandersetzen, um sich an sozialer Vernetzung zu beteiligen. Das geht auch mit ning.com oder neuer Software für Aktivisten wie crabgrass (riseuplabs.org/crabgrass/). Was im Moment einfach fehlt, ist die Schrägheit. Seid bitte nicht so realistisch, denke und lebe utopisch, Technopolitik oder nicht. Was wir jetzt brauchen, sind Bewegungen, Technik haben wir genug.

Das ganze Interview im Blog von Geert Lovink und bei der iz3w »Schluss mit dem Kulturpessimismus!« - Interview mit Geert Lovink über die neuen Kommunikationsmittel

Der Hinweis auf Crabgrass freut mich besonders, weil ich mich mit der Werbung für Crabgrass als Alternative zu Facebook & Co. bisher noch nirgends durchsetzen konnte.

Die Gelegenheit also: annalist/Anne Roth gibt's auch bei Crabgrass, dem ultimativen Open-Source-von-AktivistInnen-für-AktivistInnen-Sozialen-Netzwerk (und klar, das geht alles viel langsamer, und blinkt nicht):

https://we.riseup.net/annalist

Allerdings bin ich da auch nicht direkt täglich zu finden, da es sich ja doch noch nicht so durchgesetzt hat..

iz3w

Die iz3w ist eine entwicklungspolitische Zeitschrift, die sich in der aktuellen Ausgabe dem Schwerpunkt "Digitale Welten - SoftWares und das Internet" widmet. Primär richtet sich der an die StammleserInnenschaft der Zeitschrift, die sich naturgrmäß eher für Internationalismus, Nord-Süd-Verhältnisse oder Entwicklungspolitik interessiert.

Natürlich geht es um die in einer Nord-Süd-Zeitschrift obligatorische Frage, wie der Digital Divite inzwischen aussieht und wie er sich auswirk. Dazu gehört auch to be bangalored - or not to be. Internationale Arbeitsteilung in der Softwareindustrie, in derselben Ausgabe, leider nur als PDF.

Weitere Artikel im Schwerpunkt der iz3w sind:

(Zuerst erschienen bei annalist)

    14:59 15.11.2009
    Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
    Geschrieben von

    Anne Roth

    Anne Roth schreibt ins Netz seit 1999 / beruflich Referentin für Netzpolitik der Linksfraktion im Bundestag / parteilos / Fokus: DigitaleGewalt
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