Schöner Scheitern

Idealismus Da die Realität nicht ideell ist, kann der Idealist sich in der Endkonsequenz nur selten durchsetzen. Das Scheitern gehört zum Idealismus wie Hertha zu Berlin
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Schöner Scheitern

Foto: Ed Jones/ AFP/ Getty Images

Auf einer Veranstaltung unserer Bürgerinitiative durfte ich mir unlängst anhören, dass wir Idealisten wären. Das wurde mit einer gewissen Abfälligkeit vorgebracht, aus der hervorging, dass man uns weder ernst nimmt, noch glaubt, dass wir unsere Vorhaben durchsetzen werden.

Ja, Idealismus ist eine undankbare Angelegenheit. Auf der einen Seite werden Idealisten dringend benötigt. Denn nur sie sind in der Lage, jenseits von Sachzwängen und materiellen Schranken zu denken und zu handeln. Ihre Begeisterung für eine Idee oder Sache wirkt glaubwürdig und ansteckend. Somit können sie (besser als andere) Veränderungen anstoßen und den ersten Schritt machen. Doch hat der Prozess des Wandels begonnen, ändert sich die Rolle der Idealisten und Wegbereiter. Konfrontiert mit der Realität verlieren ihre Argumente an Kraft und versagen am Ende. Andere Interessengruppen - meist praktisch und materiell geleitet - übernehmen das Steuer und die Idealisten der ersten Stunde sind nun tendenziell eher lästig und werden verdrängt.

Das lässt sich mit schöner Regelmäßigkeit in unterschiedlichen Bereichen im Großen wie im Kleinen beobachten. Der zur Wende von Bündnis 90 / Neuem Forum diskutierte dritte Weg scheiterte an den Konsumbedürfnissen der Bevölkerung, die Idee eines freien Internets scheiterte an kommerziellen Interessen und Geheimdiensten. Die Piraten an sich selbst. Ja auch Mannings und Snowden sind oder waren Idealisten. Es ist ihnen nicht gut bekommen.

Kann man unter diesen Umständen ein Idealist bleiben? Nein! Denn mit jedem Scheitern wird ein Teil des Idealismus durch Zynismus ausgetauscht. Das kann bis zur vollkommenen Verbitterung führen. Nicht umsonst ist gerade diese Menschengruppe für Burn-out-Erkrankungen besonders anfällig. Der Idealist sollte sich stets vor Augen halten, dass er persönlich nichts für das Scheitern kann, da es sich offensichtlich um eine Gesetzmäßigkeit handelt. Will er die Enttäuschung vermeiden, so kann er sich, sobald der Anstoß erfolgt ist und die Dinge ins Rollen gelangt sind, dezent zurückziehen. Er hat seine eigentliche Rolle dann ja auch erfüllt und die Wahrscheinlichkeit, dass er zwischen Sachzwängen und den Totschlagargumenten der Realität zerrieben wird, ist größer, als dass er in dieser Phase noch viel ausrichtet. Dafür kann er sich mit dem Gedanken trösten, dass die Geschichte sich eher an die visionären Impulsgeber einer Veränderung erinnert, als an deren mühsame Vollstrecker.

Berücksichtigt man diese Punkte, gibt es eigentlich keinen Grund von seinen Idealen zu lassen. Denn so richtig schön scheitern kann man eben einfach nur als Idealist.

22:05 05.09.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anne v. Fircks

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Anne v. Fircks

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