Die Menschen auf eigene Beine stellen

Politik FDP-Politikerin Katja Suding über Schulpflicht für „Fridays for Future“-Demonstranten und darüber, weshalb die Frauenquote nur an der Oberfläche kratzt.
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„Es ist ein Umgang untereinander, den ich so in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt habe.“ Wenn sie über die AfD spricht, klingt Katja Suding entrüstet, verständnislos, schockiert: „Was da an rassistischen, verächtlichen, frauenfeindlichen Zwischenrufen kommt, die Häme und der Hass sind sehr schwer zu ertragen.“ Seit 2015 ist die Niedersächsin stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, seit 2017 sitzt sie für ihre Partei im Bundestag. Am 15. Mai war sie bei der sitzungswoche Sprechstunde in der Ständigen Vertretung in Berlin zu Gast und sprach bei Kaffee und Croissants über ihren Werdegang, ihre Heimat und ihre Kernthemen.

Aus dem eigentlich CDU-geprägten Vechta stammend trat Suding 2006 in Hamburg in die FDP ein. Der Grund: „Die Freien Demokraten haben im Wesentlichen mein Lebensgefühl widergespiegelt. Schon als Jugendliche habe ich mich immer gefragt: Wieso traut man den Menschen so wenig zu? Wieso werden Entscheidungen im Bundestag gefällt, die man vor Ort viel besser treffen könnte?“ Man müsse Menschen befähigen, im Leben Gas zu geben, meint Suding. Ein Leitgedanke, der sich durch ihre gesamten politischen Aktivitäten zieht.

„Das Gegenteil von sozialer Politik“

So auch beim Thema Sozialpolitik: „Es muss unser Bestreben sein, Arbeitslosen wieder auf die Beine zu helfen, uns darum zu kümmern, dass sie wieder für sich selbst sorgen können.“ Alles dafür zu tun, dass der Zustand der Arbeitslosigkeit möglichst angenehm ist, verurteilt Suding. Für sie sei diese Herangehensweise „genau das Gegenteil von sozialer Politik“.

Die Hinzuverdienstgrenze für Hartz IV-Empfänger sei ein Beispiel dafür, wie der Sozialstaat aktivierender werden – Menschen eher wieder auf die Beine helfen – könne. Diese müsste laut Suding angepasst werden. Ein Hartz-IV-Empfänger mit einem 450-Euro-Job beispielsweise könne von diesem Gehalt nur die ersten 100 Euro ohne Abgaben behalten. Von jedem weiteren Euro müsse er 80 Cent abgeben. „Stellen Sie sich mal vor, das wären Ihre Steuersätze. Da hätten sie auch keine Lust zu arbeiten“, meint Suding.

Ähnliche Situationen gebe es auch bei Geringverdienern: Ab einem bestimmten Gehalt fielen bestimmte Leistungen weg, sodass am Ende weniger Geld zur Verfügung stehe, als wenn man gar nicht bzw. weniger arbeite. Geht gar nicht, meint Suding und stellt klar: „Jeder, der einen Euro mehr verdient, muss am Ende auch mehr in der Tasche haben.“

Keine Ausnahmen bei der Schulpflicht

Für sich selbst sorgen, das tat die stellvertretende Fraktionsvorsitzende schon als Jugendliche. Sie fegte Blumenläden, arbeitete als Zimmermädchen und half in einer Geflügelschlachterei aus. Erfahrungen, die sie nicht missen möchte: „Es war gut, Geld zu verdienen und es auch wertzuschätzen.“ Nach dem Abitur und einem kurzen Abstecher in die Betriebswirtschaftslehre entschied sie sich für ein kommunikations- und politikwissenschaftliches Studium und arbeitete anschließend als Kommunikationsberaterin – zunächst in einem Start-Up, dann selbstständig.

Bildung ist heute eines der Kernthemen von Katja Sudings politischer Arbeit: „Bildung ist das Fundament, das Menschen in die Lage versetzt, eigenverantwortlich im Leben zu stehen und ihre Ziele zu erreichen.“

Und wie steht es ihrer Meinung um die Bildung – und die Schulpflicht – der „Fridays for Future“-Demonstranten? Generell finde sie es gut, wenn junge Menschen sich engagieren, sie müssten allerdings auch mit den Konsequenzen leben, beispielsweise einer Sechs in einem verpassten Test. „Ich finde es unsäglich, wenn Spitzenpolitiker sich hinstellen und so tun, als sei die Schulpflicht etwas, das man für einen guten Zweck auch ‘mal aushebeln kann“, mahnt Suding und fragt: „Was wäre, wenn die Schüler für Atomkraft oder gegen Zuwanderung auf die Straße gehen würden? Dann würde das keiner mehr sagen. Man kann aber nicht abhängig von der politischen Forderung sagen, für die gilt die Schulpflicht und für die nicht.“

Frauen fördern ohne Quote

Auf ihrer langen Liste politischer Kernthemen befindet sich ein weiteres aktuelles Thema: Frauen. „Frauen fördern ohne starre Frauenquote – geht das?“, fragt Christoph Nitz, der an diesem Morgen das Gespräch führt. Sudings klare Antwort: „Ja, natürlich.“ Im Gegenteil finde sie eine Quote sogar gänzlich falsch. Diese vernachlässige die Ursachen für die Situation, den Frauenmangel in Führungspositionen, und bekämpfe stattdessen nur das Symptom. Suding plädiert: „Wir müssen zusehen, dass Frauen – und Männer – durch verschiedene Hebel bessere Chancen bekommen. Das geht beispielsweise los mit der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexiblen, hochwertigen Betreuungsplätzen und einem Bildungssystem, das es Mädchen und Frauen leichter macht, in Berufe in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik einzusteigen.“

Menschen, das ermöglichen, was sie wollen, was sie sich erträumen – ein Leitgedanke, der sich durch dieses morgendliche Gespräch zieht. Doch was will Katja Suding für ihre eigene Zukunft? Solange sie weiterhin Spaß daran habe, sehe sie sich selbst in der Politik. Aber ihr Grundsatz lautet – und das von Anfang an: Sie wird sich nicht verbiegen und macht Politik, wie sie es möchte. Und wenn das nicht mehr geht: „Auch wenn ich gerne Politikerin bin, wäre es für mich auch keine Katastrophe wieder zurück in meinen Job zu gehen.“

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit der Autorin Luise Schneider.

15:56 16.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anne Klein

Anne Klein ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
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