Keine Rückschritte durch Arbeit 4.0

MdB im Gespräch Die Bundestagsabgeordnete Jessica Tatti spricht über ihren Werdegang von der Sozialarbeiterin zur Bundestagsabgeordneten.
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„Als Sozialarbeiterin habe ich Menschen kennengelernt, die nicht auf der Sonnenseite stehen“, berichtet Jessica Tatti. Hierbei habe sie viele Probleme bemerkt, die sie in der Politik angehen wollte. 2010 trat die ehemalige Sozialarbeiterin Jessica Tatti aus Baden-Württemberg der Partei Die Linke bei und schaffte es innerhalb von sieben Jahren zur Bundestagsabgeordneten.

Bei der „sitzungswoche Sprechstunde“ am Donnerstag, den 14. Februar in der Ständigen Vertretung in Berlin war Tatti zu Gast und sprach über ihren Werdegang zur Bundestagsabgeordneten, die neue soziale Linie der SPD sowie über die Chancen und Herausforderungen von Arbeit 4.0.

Die 37-Jährige sitzt seit 2017 für die Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag und ist Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind die Themen soziale Gerechtigkeit, bezahlbarer Wohnraum und Migration.

Tatti hatte nicht schon immer den Wunsch Politikerin zu werden: „Meine Politisierung kam bei mir erst im Studium.“ Sie studierte Soziale Arbeit in Ludwigsburg und war später als Sozialarbeiterin, zuletzt für den Flüchtlingssozialdienst der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Esslingen, tätig.

„Ich hatte Kontakt zu Menschen, zu denen man sonst vielleicht nicht so Zugang hat.“

Während des Studiums beschäftigte sie sich mit den Themen Arbeitsmarktpolitik, globale Arbeitsteilung und die damit entstandenen Ungerechtigkeiten. „Ich habe sofort Feuer gefangen und war überrascht, dass die Linke meine Positionen vertritt“, so die Bundestagsabgeordnete. Die Partei sei bis dahin nicht sehr präsent in ihrem Leben gewesen. Daraufhin begann Tatti, die ersten Veranstaltungen von Die Linke in Reutlingen zu besuchen und sich selbst zu engagieren. 2010 trat die Politikerin der Partei Die Linke bei. Bereits im darauffolgenden Jahr wurde Tatti in den Kreisvorstand von Reutlingen gewählt.

Der Kreis Reutlingen ist traditionell konservativ: Von aktuell 69 Sitzen im Kreistag gingen bei der vergangenen Kommunalwahl 2014 lediglich zwei Sitze an Die Linke – einer davon an Jessica Tatti. „Es ist natürlich nicht so einfach, mit nur zwei Sitzen immer präsent bei den Menschen zu sein. Da hat es die CDU mit 20 Sitzen einfacher“, erzählt Tatti. Sie berichtet weiter: „Es gab aber viele Möglichkeiten vor allem in den Bereichen Mobilität, Mieten und Migration, in denen wir mitgestalten konnten.“

Die frühere Arbeit als Sozialarbeiterin habe ihr sehr geholfen. „Ich hatte Kontakt zu Menschen, zu denen man sonst vielleicht nicht so Zugang hat.“ Ihr Bezug zu Menschen und ihren Problemen sei daher nach wie vor besonders stark. Der Schritt Richtung Bundestag habe sich deshalb auch gut angefühlt, um den Menschen besser helfen zu können.

„Es ändert schon das komplette Leben.“

Mit dem Einzug in den Bundestag habe sich ihr komplettes Leben verändert. So legte Tatti ihre Arbeit im Gemeinderat nieder. Zeitlich wären beide Jobs nicht vereinbar gewesen. „Ich bin niemand, der sagt: Ich mache das noch so nebenbei.“, berichtet die Politikerin. Tatti sitzt unter anderem im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Die neuen sozialpolitischen Pläne der SPD bezüglich Grundrente, längerem Bezug von Arbeitslosengeld 1 und Mindestlohn von zwölf Euro gehen in die richtige Richtung und seien ihrer Meinung nach wünschenswert.

Die Linke erhofft sich jedoch, dass es die SPD ernst meint. „An der Seite der CDU stehen sozialdemokratische Ziele allerdings still“, kritisiert Tatti. Davor, dass die SPD ihnen die Themen wegnehme, habe die Abgeordnete keine Angst. Sie wisse selbst, dass die Linksfraktion Partner braucht, um ihre Ziele umzusetzen. „Bisher ist aber nicht erkennbar, dass sich die SPD wirklich anstrengt“, kritisiert Tatti weiter.

Spagat zwischen Fachkräften aus dem Ausland und Weiterbildung von bestehendem Personal

Ein weiteres Thema, das die gebürtige Baden-Württembergerin beschäftigt, sind die Chancen und Probleme der Arbeit 4.0. Der Begriff Arbeit 4.0 bezieht sich auf die verändernden Arbeitsbedingungen durch die digitale Welt. „Durch die Digitalisierung verändern sich auch die Berufsbilder. Das ist eine große Herausforderung und wir dürfen nicht sagen, wir haben dort kein Problem“, sagt die Politikerin.

Ein Schritt in die richtige Richtig wäre laut Tatti ein Recht auf Weiterbildung. Arbeitnehmer sollten in ihren Unternehmen die Chance bekommen, sich weiterzubilden. Nur so könne sichergestellt werden, dass diese Menschen durch die Digitalisierung nicht benachteiligt werden. Aktuell betreffe das nach Tattis Aussagen vor allem gering qualifizierte Arbeitnehmer. Die Bundestagsabgeordnete betont: „Wir müssen diese Beschäftigten auch sichern und sie mit nach morgen nehmen.“

Keine Rückschritte in alte arbeitsrechtliche Verhältnisse

Der Arbeitsmarkt benötige auch Fachkräfte aus dem Ausland. „Gleichzeitig sollten aber auch die bestehenden Fachkräfte in Unternehmen nicht vergessen, sondern gezielt weitergebildet werden.“ Die 37-Jährige weiter: „Wir sollten uns fragen, ob wir Unternehmen zumindest teilweise verpflichten können, eigenes Personal weiterzubilden, statt uneingeschränkt neue Fachkräfte aus dem Ausland einzustellen.“

In der Digitalisierung sieht sie aber viele Chancen: „Das Home Office hat viele Vorteile. Die Arbeitnehmer sind nicht an den Arbeitsplatz gebunden und können Familie und Beruf besser vereinbaren. Sie sparen auch Wegezeiten.“ Gleichzeitig müsse laut Tatti auch sichergestellt werden, dass der Arbeitsgeber nicht unkontrolliert ins Private eingreife. „Der 8-Stunden-Tag darf nicht ausgedehnt werden, nur weil die Arbeit von Zuhause erledigt wird. Wir dürfen hier keine Rückschritte in alte arbeitsrechtliche Verhältnisse machen. Das ist nicht modern“, betont Tatti.

13:13 15.02.2019
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Geschrieben von

Anne Klein

Anne Klein ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
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