Berliner Freiheit

Heimatkunde Geteilte Geschichte, multiple Gegenwart − die Hauptstadt ist schwer in Worte zu fassen. „Jeder hat sein eigenes Berlin“, findet Annett Gröschner und bringt Berlins Zustand damit auf den Punkt

Buch der Woche - Leseprobe

Mein Berlin beginnt an einem Sommertag im Jahr 1983. Ein klappriger Lkw mit Magdeburger Nummer hinterlässt ein paar Pappkartons auf einem Hinterhof der Schönhauser Allee. Sie werden in eine Wohnung im ersten Stock getragen, die nur aus einem lichtarmen Berliner Zimmer und einer Küche besteht. Eine halbe Treppe tiefer gibt es noch eine Außentoilette, deren Fußboden durchgefault ist. Die Tür ist gegen die Wand gelehnt. Auch der Kachelofen funktioniert nicht, was ich erst im Spätherbst feststellen werde. Aber es gibt Strom und fließend Wasser, und gegenüber ist das U-Bahn-Klo, das länger geöffnet ist als die Kaufhalle. Als Wohnungsschlüssel dient ein Dietrich genannter, von mir zurechtgebogener Haken, zu irgendetwas mussten ja die Unterrichtstage in der Produktion gut gewesen sein.

Wir wohnen illegal, mach das

dir täglich neu bewußt, daß sonst

wir beide auf der Straße säßen,

schrieb der junge Dichter Uwe Kolbe zwei Straßen weiter östlich. Ich wohne illegal, aber geduldet. Jeden Monat überweise ich dreißig Mark Miete auf ein Konto der Kommunalen Wohnungsverwaltung. Es heißt, ab drei Mieteinzahlungen können sie einen nicht mehr so leicht raussetzen, es sei denn, man hat die falsche Wohnung besetzt – eine konspirative Wohnung der Staatssicherheit oder eine aus dem Kontingent für entlassene Strafgefangene.

So kam ich also nach Berlin und blieb. Ich habe mich in den 27 Jahren seit meiner Ankunft nicht viel mehr als zwei Kilometer um diesen Ausgangsort herum bewegt, und doch hat sich alles gründlich verändert...

© 2010 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

Aufgrund von Absprachen mit den Verlagen, die uns die Leseproben zur Verfügung stellen, können wir diese nur für eine begrenzte Zeit online stellen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!


Heimatkunde Berlin
Annett Gröschner
Hoffmann und Campe
128 S., 15


Annett Gröschner zog 1983 nach Ostberlin und erweiterte 1989 ihren Radius auf Groß-Berlin. Sie hat für das Prenzlauer Berg Museum über die Kriegs- und Nachkriegszeit gearbeitet, ist für die Berliner Seiten der FAZ mit Bus und Straßenbahn gefahren und hat für den Freitag Berliner Abende verbracht. Zuletzt erschien Parzelle Paradies. Berliner Geschichten. Ab und an schreibt sie zur Erholung auch über die Restprovinz.

Das Buch erscheint am 16. April 2010

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