Der Träumer

Thomas Brasch Vor 20 Jahren starb der Dichter. Der neue Film „Lieber Thomas“ erzählt von seinem Leben – und hat etwas Befreiendes

Thomas Brasch siedelte im Dezember 1976 zusammen mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach und deren Tochter von Ost- nach Westberlin über, weil ihm seine Arbeitsgrundlage entzogen worden war, wie er es formulierte. Kein DDR-Verlag hatte sein Buch Vor den Vätern sterben die Söhne drucken wollen, auch die private Audienz bei Erich Honecker, einem Jugendfreund seines Vaters, brachte nichts. Das Buch erschien kurz nach seiner Ausreise im Rotbuch Verlag in Westberlin und machte den Dichter über Nacht im Westen bekannt. Im Osten gingen die Texte von Hand zu Hand, auf der Schreibmaschine mit fünf Durchschlägen abgeschrieben. „Seine Prosa zeigte, dass der Arbeiter in der DDR nichts zu lachen und die Jugend nichts zu hoffen hatte“, schrieb Friedrich Christian Delius, damals Lektor bei Rotbuch und für das Herausschmuggeln des Manuskripts zuständig, in dem Brasch-Band Das blanke Wesen 2004. Delius hat in dem Text auch den Abschiedsabend in Ostberlin vor der Ausreise beschrieben. Diese Szene erzählt fast deckungsgleich der Regisseur Andreas Kleinert in seinem zum 20. Todestag uraufgeführten Film Lieber Thomas.

Das Leben der Braschs ist eine Jahrhundertgeschichte. Die Eltern, Gerda und Horst, sie aus Wien stammende Jüdin, er jüdischer Katholik, beide Kommunisten, lernen sich im englischen Exil kennen. Mit dem 1945 geborenen Sohn Thomas gehen sie in die sowjetisch besetzte Zone, um ihren Traum vom Sozialismus zu verwirklichen. Horst macht Karriere als Kulturfunktionär, Gerda begräbt ihre künstlerischen Träume an seiner Seite. Drei weitere Kinder werden geboren. Der Generationenkonflikt von 1968 wird zwischen dem Vater und Thomas ausgetragen. Der Vater liefert ihn seinen Genossen aus und fällt selbst in Ungnade. Am Ende überlebt nur die jüngste Tochter.

Wer sich dieser Geschichte annimmt, muss notwendig am Anspruch scheitern, mit der Biografie Thomas Braschs auch das ganze Jahrhundert erzählen zu können. Er selbst hat dieses Leben nie in einem Roman erzählt, auch wenn ein amerikanischer Literaturagent ihm viel Geld dafür geboten hat. Stattdessen hat er sich in die Kleider von Kriminellen gesteckt, von Gladow, von Brunke, deren anarchistische Wesen ihm näherlagen als die Rolle des Großschriftstellers. Andreas Kleinert verrät Brasch nicht an ein Narrativ, er surrealisiert ihn.

„Was weiß man über ein Leben, wenn man bloß seine Stationen kennt?“, hat Kerstin Decker anlässlich von Christoph Rüters Film BRASCH – Das Wünschen und das Fürchten (2011) geschrieben. Auch Lieber Thomas will kein Stationendrama, kein Biopic sein. Viele bekannte Ereignisse werden weggelassen, zum Beispiel der Schlagabtausch mit Franz Josef Strauß bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises. Der Film ist Collage aus Fragmenten, Gedichten, Legenden des Autors über sich selbst, Motive aus dem Werk ziehen sich durch den Film: Ganoven und Vagabunden, Schichtarbeiterinnen und die Kniekehlen junger Frauen, früher Tod, verlorener Frieden und verlorene Lieben, Sprachkritik und Liebe zur Sprache. Erzählungen von Weggefährten und Freundinnen finden Verwendung, gebrochen durch Dokumentarschnipsel der eher unbekannteren Sorte, die gesellschaftliche Brüche wie 1968 und 1989 verallgemeinern. Brasch hat einmal erwähnt, dass der Wechsel von Ost nach West, von der einen intellektuellen Szene zur anderen, nichts war gegen die Bewährung in der Produktion, in die man ihn nach einer Flugblattaktion gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrags in Prag 1968, nach Untersuchungshaft und Exmatrikulation von der Filmhochschule geschickt hatte. Der Film übersetzt die Tagebuchnotizen seiner zweijährigen Arbeit im Transformatorenwerk Oberschöneweide in dichte, schutzlose, mitunter grausame Szenen.

Der Titel ist eine Hommage an das Werk Braschs, der 1979 mit Lieber Georg seinerseits eine Hommage an Georg Heym, den schlittschuhlaufenden Dichter, geschrieben hatte. Kleinerts Film spielt mit der Wirklichkeit, ist lang, aber nie langweilig, obwohl oder weil er nicht durch ein klassisches Narrativ, sondern durch die Traumsequenzen zusammengehalten wird. Klammer ist das Lieblingsbuch meiner Kindheit, das auch das Lieblingsbuch von Thomas Brasch war: Paul allein auf der Welt (1942): Ein Kind wacht auf und ist ganz allein auf der Welt, weiß aber bis kurz vor dem Ende nicht, dass es träumt.

Der Film wird getragen von Albrecht Schuch, der Brasch nicht nachahmt, sondern eine Figur von ganz eigener Kraft und Intensität entwickelt. Seine Partnerin Katharina, gespielt von Jella Haase, ist ein Kraftfeld neben dem Vulkan, steckt ein und teilt aus, geht ihren eigenen Weg, auch wenn er sie von ihrem Lebensmenschen trennt. Ganz entfernt hat sie sich nie von ihm. Einzig mit den Eltern habe ich gehadert. Der Wiener Dialekt der Mutter Gerda (Anja Schneider) klingt wie ausgedacht, der Vater (Jörg Schüttauf) erinnert eher an einen umgepolten kleinbürgerlichen Funktionär, der in der Kriegsgefangenschaft eine sowjetische Antifa-Schule durchlaufen hat, als an einen überzeugten Kommunisten, der im englischen Exil war. Aber an einer Stelle gibt es zwischen Mutter und Sohn einen Dialog, der mich mit ihrer Rolle versöhnt hat: „MUTTER: Weißt du, wir Juden haben mit der Zahnbürste den Bürgersteig putzen müssen! Begreifst du das, Thomas? THOMAS: Bin ich jetzt auch noch dafür verantwortlich? MUTTER: Nein. Aber was du auszustehen hast, ist nichts! Im Vergleich. THOMAS: Da bin ich ja beruhigt.“

Kleinerts Film ist schwarz-weiß, wie Braschs Filme (bis auf Der Passagier), aber manche Passagen sind so intensiv, dass man später nicht weiß, ob der Film an bestimmten Stellen nicht doch in Farbe war. Auch die Musik ist eine Collage, da geht Team 4 („Unsere Träume, die verwehen nicht im Wind“) als Musik der Zeit nahtlos über in deutsche Klassik oder amerikanisches Liedgut. Das Paar des Jahres 1968 bewegt sich wie Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo in Außer Atem durch Ostberlin.

Es ist dieses Nicht-aus-seiner-Haut-Können, das der Film präzise beschreibt, vor allem anhand der Beziehung Braschs zu seinem Vater, bis hinein in die Pathologie eines untergehenden Staates. Was da auf dem Seziertisch vor dem Sohn liegt, ist nur noch die Fratze des Vaters. Thomas hat ihn, entgegen dem Titel seines berühmtesten Buches, überlebt. Der Film zeigt dieses Überleben als zweifelhaften Sieg. Auch für den Sohn ist das Ende der DDR eine Niederlage. Woran er sich so heftig gerieben hat, das gibt es nicht mehr, das Schreiben wird zur Qual, aus dem lange jugendlich Wirkenden wird übergangslos ein alter Mann. Am Ende stirbt er jünger an Jahren als sein Vater und später als seine jüngeren Brüder.

In den letzten 20 Jahren erschienen wichtige Bücher von und über Thomas Brasch: Die mit Sorgfalt entstandenen Herausgaben von Martina Hanf und Kristin Schulz. 2012 hat Marion Brasch Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie veröffentlicht.Klaus Pohl hat 2011 mit Die Kinder der Preußischen Wüste das Angebot angenommen, Braschs Lebensgeschichte als Roman zu schreiben, stellvertretend für den toten Freund. 2018 hat Annekatrin Hendel den Dokumentarfilm Familie Brasch gedreht. Aber besonders zwei neue Werke haben das Zeug dazu, ihn wieder einem vielfältigeren Publikum bekannt zu machen: Kleinerts Film Lieber Thomas und Masha Qrellas Album Woanders, auf dem sie Brasch-Texte vertont.

Loch im Herzen

Paradox ist, dass Masha Qrella, Andreas Kleinert und sein Drehbuchautor Thomas Wendrich Brasch aus einer ostdeutschen Perspektive betrachten, das aber nicht zu Provinzialität führt. Im Gegenteil, sie befreien Brasch auf ihre Weise aus diesem Funktionärskind-Dissidentengefängnis. Sie erzählen von Brasch als dem anderen Osten, jenseits des versteinerten Kanons und des Kapitalismus als bester aller Welten.

„Ach, wenn ihr mich gestorben habt, / lebt ihr mich weiter heute“, hat Thomas Brasch nicht lange vor seinem Tod geschrieben. Am 3. November vor 20 Jahren ist er an einem Loch im Herzen gestorben, so heißt es am Ende des Films. Das klingt wie von Brasch erfunden, kommt aber der Wahrheit nahe. Er wurde nur 56 Jahre alt.

Auf den letzten Seiten von Paul allein auf der Welt steigt Paul in ein Flugzeug und stößt gegen den Mond. Von der Erschütterung wacht er auf und wird von den Eltern getröstet: Es war doch nur ein Traum. In Kleinerts Film grüßt der alt gewordene Brasch uns und das Kind in sich aus dem Fenster des Flugzeugs und verschwindet in der Luft, die ihm auf der Erde zum Atmen fehlte. Ob er gegen den Mond kracht oder im Bett seiner Eltern aufwacht, bleibt offen.

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