Oma und Opa erzählen von der Revolte

Mogelpackung Daniel Cohn-Bendits und Rüdiger Dammanns durchwachsenes Buch über die 68er-Bewegung

"Trau keinem über 30", war einer der beliebtesten Slogans der Studentenbewegung - bis ihre Protagonisten 31 wurden. Vor zehn Jahren, als die 68er-Bewegung selbst die 30 überschritt, begann ihre Historisierung. Folgt man den Diskussionen der letzten sieben Jahre, ist sie noch lange nicht abgeschlossen. Im Gegenteil, sie wird von ihren Widersachern, vor allem aus dem konservativen Lager, immer wieder angeheizt, zuletzt war der Paradigmenwechsel in der Familienpolitik in der Diskussion. Da machten arme gebeutelte Karrieristinnen wie Eva Herman die 68er für den angeblichen Verfall der Familie verantwortlich und die Ehefrau des Vorsitzenden der Linkspartei, Oskar Lafontaine, verstieg sich öffentlich zu der Behauptung, wegen Alice Schwarzer hätten Frauen ihrer Generation viel zu spät Kinder bekommen. Offenbar war die Forderung nach Selbstbestimmung, die eine herausragende der 68er war, bei den Damen nicht angekommen oder falsch verstanden worden. In der Beziehung war "68" eben doch nicht mehr als eine Revolte, die nicht alle Bereiche der bundesdeutschen Gesellschaft modernisiert hat.

Vor zehn Jahren haben Daniel Cohn-Bendit und der Publizist Reinhard Mohr den Band mit dem schönen Titel 1968. Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wusste veröffentlicht. Zehn Jahre später ist aus der Revolution eine Revolte geworden und Mohr ist diesmal nicht Herausgeber, sondern darf den Überblicksartikel Die Liebe zur Revolution. Vom Richtigen und vom Falschen beisteuern, der uninspiriert daherkommt, wie die Erzählungen von Zeitzeugen, die ihre Geschichte einmal zu oft erzählt haben. Das Buch übernimmt die von Gerd Koenen in seinem Buch Das rote Jahrzehnt markierte Zeitspanne vom ersten Schuss am 2. Juni 1967 auf Benno Ohnesorg bis zu jenen in Stammheim am 18. Oktober 1977, die das Ende der ersten Generation der RAF markierten.

"Was aber war es nun: dieses ominöse 1968", fragt das Vorwort. "Ein Aufbruch, ein Umbruch, eine Revolte, eine Kulturrevolution? Oder nur das kurze, anarchische Aufbegehren einer nach Selbstverwirklichung strebenden ›Jugend‹, die sich mit aller Macht von allem ›Alten‹ abzugrenzen trachtete? Linke Träumereien? Ein wilder Karneval. Wie viel Legende und Wahrheit verbergen sich in den Erinnerungen an jene bewegte Zeit?" Beantworten kann das Buch diese Fragen nicht. Was nicht weiter schlimm wäre, es ist schließlich eine Zeit voller Widersprüche gewesen, die bis heute nachwirken, man denke nur an die neu aufgeflammten Auseinandersetzungen um den Deutschen Herbst.

"Die Beiträge folgen keiner chronologischen, sondern einer inhaltlichen Ordnung und erzählen von den wichtigsten Weichenstellungen aus jener Zeit, die unser gegenwärtiges Selbst-, unser Gesellschafts- und unser Politikverständnis stark geprägt haben." Problematisch ist dabei, dass es bis zum Schluss unklar bleibt, für welche Zielgruppe das Buch eigentlich gedacht ist. Ist es ein Aufklärungsbuch für Jugendliche? Dafür spricht der Artikel von Helke Sanders, die in ihrem Brief an Sani ihrer halbwüchsigen Enkelin von dem Leben der Mädchen vor 1968 erzählt, eine Lektüre, die man natürlich auch jenen empfehlen mag, die die Zeit als familiäres Paradies unter den Fittichen eines Patriarchen erinnern. Dort heißt es: "Ich soll so schreiben, dass auch junge Leute Lust auf mehr Geschichten über die Geschichte bekommen." Dem entspräche die Existenz von über das Buch verstreuten, farblich hervorgehobenen Merkkästen, die angelegt wie Lexikonartikel, Zeitphänomene wie Hippies oder die chinesische Kulturrevolution, Slogans wie "Make Love, Not War" oder Biografien von Kennedy, Brandt, Marcuse oder Martin Luther King allgemeinverständlich, kurz und bündig erklären. Anspruchsvolle Analysen aber, wie die von Wolfgang Schmidtbauer über die elterliche Verdrängung der Nazivergangenheit und ihre Folgen für die rebellierende Generation oder von Gabriele Gillen über die sexuelle Revolution, sind ohne historische Vorkenntnisse nicht zu verstehen.

Gut sind auch die beiden Beiträge, die die im Vorwort angekündigten "Nebengeschichten" erzählen. So berichtet Reinhard Kahl in einem atmosphärisch dichten Beitrag über eine Jugend in der Provinz, die sich zwischen Gymnasium und Arko-Kaffeeshop abspielte und die durch die einbrechende Revolte durcheinandergewirbelt wurde, verschweigt aber auch nicht, dass am Ende dieser Bewegung die Protagonisten in ihrer Humorlosigkeit denen ähnlich wurden, gegen die sie sich aufgelehnt hatten. Ulrike Edschmid beschreibt in dem literarischsten Beitrag Ich gehöre nicht mehr dazu. Im Zeichen der Waffe den Weg einer jungen Frau, Astrid Proll, in den Terrorismus, angesichts der gegenwärtigen Diskussionen um den Deutschen Herbst, die in ihrer Hysterie manchmal an die siebziger Jahre erinnern, eine wohltuende Lektüre. Genau das hätte man sich auch von Gerd Koenen gewünscht - die Erzählung seiner ganz persönlichen Geschichte anstatt einer Zusammenfassung seines Buches Das rote Jahrzehnt. Aber vielleicht braucht das ja seine Zeit, in zehn Jahren gibt es ja wieder ein Jubiläum.

Der Untertitel mit dem bestimmten Artikel "Die Revolte" ist eine Mogelpackung. Es geht um eine Revolte von vielen in dieser Zeit, nämlich um die westdeutsche. Der Blick über die Mauer in Michael Muellers "´Angelica Gerlach, wohnhaft in Erfurt´. 68 und die DDR" ist eher diffus, denn er vermengt die Stasi-RAF-Connection mit SED-Geldern für Konkret, Dissidenten wie Biermann und Havemann sowie den Protest einiger Kinder hoher Parteikader gegen den Einmarsch der Truppen der Warschauer Vertragsstaaten in die Tschechoslowakei so miteinander, dass Leser, die noch nie davon gehört haben, am Ende vielleicht noch Biermann mit der Stasi verwechseln. Auch hat es eine Erika Brasch nie gegeben. Im Oktober 1968 wurden Thomas Brasch, Rosita Hunzinger, Sanda Weigl, Erika Berthold, Frank Havemann und Hans-Jürgen Uszkoreit wegen des Verteilens von Flugblättern zu Strafen zwischen zwei Jahren und drei Monaten und einem Jahr und drei Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Sie waren auch nicht die einzigen, die damals protestierten, sie waren nur die prominentesten.

Was bisher fehlt, ist eine kluge und allgemeinverständliche Analyse aller sozialen Bewegungen in der Welt Ende der sechziger Jahre, ob nun in Amerika, in Westdeutschland, Polen, der DDR, der Tschechoslowakei, Türkei, Japan oder Jugoslawien. Vor allem die Geschichte der letzteren könnte viel von den Widersprüchen und auch der Tragik der Bewegung erhellen, denn deren Protagonisten standen sich ein Vierteljahrhundert später in einem schrecklichen Bürgerkrieg gegenüber. 1968. Die Revolte bewegt sich leider auf ausgetretenen Pfaden, das Buch ist wahrscheinlich auch eher deshalb entstanden, den Kanon derer zu festigen, die 1968 mit kritischer Sympathie sehen. Wer es dann doch lieber etwas differenzierter hätte, dem sei als Anregung die Sammelrezension von Philipp Gassert über wissenschaftliche Veröffentlichungen zu 1968 empfohlen. Das letzte Buch zu 1968 wird das vorliegende ganz sicher nicht gewesen sein.

Daniel Cohn-Bendit/ Rüdiger Dammann (Hg.) 1968. Die Revolte. S.Fischer, Frankfurt am Main 2007, 368 S., 14,90 EUR

Philipp Gassert: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/ rezensionen


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