Klassentreffen oder Wie weit sprang das Kängeruh?

WEIBER-REVIVAL DES UFV IN BERLIN Walfriede Schmitt trägt ihr Herz auf der Zunge. Mit ungebrochener Leidenschaft und ein wenig Wehmut in der Stimme erzählt die 56-jährige ...

Walfriede Schmitt trägt ihr Herz auf der Zunge. Mit ungebrochener Leidenschaft und ein wenig Wehmut in der Stimme erzählt die 56-jährige Schauspielerin von dem denkwürdigen 3. Dezember 1989, an dem sich mehr als 1.000 Frauen aus unterschiedlichen Himmels-, Berufs- und Glaubensrichtungen getroffen hatten, um den Unabhängigen Frauenverband zu gründen. Noch heute schöpfe sie aus dieser impulsiven, etwas chaotischen aber ungeheuer lustvollen Veranstaltung Kraft, in der die "Chancen der Veränderung" in der Luft lagen. An diesem Tag wurde das von Ina Merkel verfasste "Manifest für eine autonome Frauenbewegung" verlesen. Die darin skizzierten Forderungen an eine Frauenbewegung bezogen sich auf eine zu reformierende sozialistische DDR und waren eigentlich schon damals, drei Wochen nach Öffnung der Mauer, Makulatur. Ungeachtet dessen, so Wally Schmitt, hätten aber auch die Herrschenden eine politische Bewegung von politisierten Frauen als Bedrohung wahrgenommen und platt gemacht.

Waren damals Frauen aus der ganzen Republik angereist, machten sich auch zehn Jahre später wieder rund 100 Weiber quer durch Deutschland auf den Weg, um ein Wiedersehen im "Theater unterm Dach" in Berlin-Prenzlauer Berg zu feiern. Etwas verändert sahen sie schon aus, besonders dann, wenn man als Vergleich ein paar Videomitschnitte von 1989 heranzieht: Ein Wahlspot in schwarz/weiß ist besonders krass: Die Schriftstellerin Christiane Barckhausen stellt mit todernster Miene und tiefer Stimme vier "unabhängige Frauen" vor. Eine von ihnen mit hochtoupierten Haaren und fest zusammengepressten Lippen, alle ungeschminkt und tiefernst: "Das ist Sylvia Sandros, Bauingenieurin aus Cottbus, ein Kind. Das ist Ina Merkel, Kulturwissenschaftlerin, 2 Kinder. Das ist Christiane Kloweit, Journalistin, kein Kind, hier Brunhild Friedel, Pastorin, drei Kinder". Und erklärt ihre etwas ungewöhnliche Vorstellungsweise mit folgenden Worten: "Ich habe mit Absicht nicht den Familienstand erwähnt, weil wir uns eben nicht über Männer definieren, sondern über unsere Berufe und die Verantwortung für unsere Kinder." - Und genau an dieser Stelle versteht man die ehemalige Frontfrau Katrin Rohnstock, die heute sagt, dass der UFV an westliche Traditionen anknüpfte und er es mit seiner elitären Verstiegenheit auch nie geschafft habe, eine breite Masse von Frauen anzusprechen. Das Problem mit den Männern dürfte angesichts des rasanten sozialen Umbruchs bei den Ostfrauen eine ziemlich marginale Rolle gespielt haben. Wuchs dem Verband in den ersten Jahren die Aufgabe zu, als Vernetzungsstelle, Infopool, Ansprechpartner und Geldbeschaffer zu fungieren, sollte es ihm nach der Vereinigung nicht mehr gelingen, sich als eine ernstzunehmende politische Organisation in das politische Alltagsgeschehen einzumischen. In dieser Zeit differenzierten sich nach und nach die Aktivistinnen je nach Interesse und politischer Haltung. Wählten einige die Politik zum Beruf, war es für andere nur eine Beschäftigung auf Zeit.

Seine historische Mission, sozialpolitische Maßnahmen der DDR in das neue System hinüberzuretten, war mit dem Vereinigungsvertrag obsolet. 1998 wurde nach langen Diskussionen und dem Scheitern einer Reorganisation die Auflösung des Verbandes beschlossen. Aber auch die Zeit heilt bekanntlich manche Wunden. An diesem Abend tragen fast alle Frauen Lippenstift, und sie haben ein großes Bedürfnis, miteinander zu reden, es werden Adressen ausgetauscht. Viele haben die Chance des Aufbruchs genutzt, sich privat, beruflich und intellektuell verändert. Sie bringen ihren frauenpolitischen Back ground vor Ort zum Klingen: in Kommunalparlamenten, auf der Bundesebene, als Gleichstellungsbeauftragte, in Projekten, in Ministerien, in Frauenzentren, als Wissenschaftlerinnen, als Unternehmerinnen, in den Gewerkschaften oder Parteien. Die meisten von ihnen sind erfolgreich in ihren Jobs, vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass an diesem Abend keine verbitterten Mienen zu sehen sind. Angenehm auch, dass jede persönlich dem Aufbruch vor zehn Jahren eine große emotionale Bedeutung beimisst, sich aber keine Nostalgie breitmacht. Wir haben nach bestem Wissen diese Zeit genutzt. Und um mit Wally Schmitt zu enden: "Trinken wir auf die kraftvollen Weiber!" Und pflegen wir die Kontakte. Man kann ja nie wissen.

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