Theater in diesen Zeiten: But Is That Art?

Theatertreffen 2016 Das Schönste an Festivals ist fast immer das Rahmenprogramm.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Hier kann man Mensch sein, sich zeigen und schauen, mitschwofen, mitreden, mittendrin sein obwohl man nicht dazu gehört, kann den Mund auftun, kann schweigen und manchmal auch Mit-Denken!
So in aller Leichtigkeit gelebt und erlebt z. B. bei der Berlinale: Ich erinnere an Elstermanns Late-Night-Talk und Ähnliches.

Aber Film ist Film und Theater ist Theater.
Und das Theatertreffen in Berlin, Mai für Mai, steht eben nicht für Kino sondern für Theater.
Der große Unterschied:
Kino fragt nicht, was Kino ist. Kino IST!

Und Theater fragt Jahr für Jahr, was Theater ist.
Denn Theater ist Theater.
Und damit diese Frage, was ist Theater und wie ist Theater und wie sollte, könnte, müsste es sein, um Theater zu sein, auch wirklich von allen Seiten und Perspektiven diskursiv diskutiert werden kann, dafür gibt es dann zum Theatertreffen in Berlin einen gesonderten Raum, einen Denkraum und in diesem Jahr ist es DAS Camp:

DER THEATERTREFFEN DENKRAUM.

Yes, Sir, Yes, denke ich und eile zum Mit-Denken in das Bildungs- und Ausbildungs-Zentrum des TT 2016!
Ich bin schon im Vorfeld auf politisch korrekt geeicht und wundere mich deshalb überhaupt nicht, dass ein Camp wie ein echtes Camp mit körperlicher Ertüchtigung zum Austreiben falscher und Eintreibung der richtigen (oder keiner) Geister beginnt: Yoga mit Anja Beyer.
Keiner muss Yes, Ma´am, Yes sagen. Wir, die Teilnehmenden, sind die GUTEN!

Wir gehören zum Theater 2016. Und zum Theater 2015 gehören wir auch. Wie schön!

Und so, mit freiem, offenen Geist gehe ich denken.
Oder besser: ich gehe hören, was andere denken.
Und da geht es eben um Theater in diesen Zeiten, also um "Theater in Zeiten der Krise".
Und da gilt es anzudenken, ob das Theater nicht selbst zur Krise wird:
Kann ein Präsentations-Raum noch Kunst-Raum sein?
Sollte Theater nicht die Sozialarbeit den Sozialarbeitern überlassen?

Michael Thalheimer, Regie-Genie in Sachen archaisch-asketischer Ästhetik, polarisiert durch Provokation:
Es ist mir zu einfach, einen Flüchtling auf die Bühne zu stellen und das Publikum applaudieren zu lassen! Vor einigen Jahren gab es auf allen deutschen Bühnen Koch-Shows. Die waren in. Nun ist es die Flüchtlings-Welle!

Und:

Der Flüchtling braucht das Theater nicht. Ich habe eher den Eindruck, dass das Theater den Flüchtling benötigt!

Jens Hillje, Co-Intendant des Maxim-Gorki-Theaters und Mitbegründer der legendären Baracke am DT, ist da verständlicherweise anderer Ansicht. Sein Haus steht für gesellschaftliche Aktualität und politische Reflektion:
Es gilt, geflüchtete Menschen als Bürger der Stadt wahrzunehmen. Es geht darum, ein Verhältnis zum Individuum aufzubauen, das ein Anrecht auf Theater hat! Das Stilmittel des Humors erlaubt ein Spiel mit Klischees auf der Bühne.

Die Dramaturgin Stefanie Carp der geladenen Inszenierung "Schiff der Träume" gibt Einblick in die schwierigen Fragen, die sich für die interne Diskussion stellten:
Wie vermeiden wir Zurschaustellung und falsche Betroffenheit? Wie gehen wir mit der Selbstzensur um? Wie schaffen wir es, nicht den falschen Leuten ins Horn zu blasen?

Ihr Resümee:
Wichtig ist einfach, bis zur Schmerzgrenze in die Konflikte hinein zu gehen!

Wie diffizil der freie Umgang mit dem Thema ist, zeigt sich heute auch durch Thalheimer, der sich dann doch rechtfertigen zu müssen glaubt:
Ich fühle mich in die falsche Ecke gedrängt. Als Privatmann engagiere ich mich sehr stark für Flüchtlinge. Aber das Theater schafft sich ab, wenn es Sozialarbeit machen will.

Nein, man ist sich nicht spinnefeind in dieser Runde.
Man ist nur konträrer Ansicht.
Und schließlich pflichten dann doch alle bei, wenn Thalheimer sagt:
Theater ist ein Konflikt in sich selbst.
Letztlich gibt es nur gutes Theater und schlechtes Theater!

Ich zumindest habe mich für dieses Schlusswort entschieden. Ich hätte auch eine gefühlte Million anderer Schlussworte wählen können.
So ist es eben. Das Theater mit dem Theater.

Weiß das Kino eigentlich, wie gut es Kino hat?

Theater in Zeiten der Krise
CAMP 07.05.2016
But Is That Art?
Gespräch über Theater zwischen Kunst und Sozialarbeit
Mit DIRK BAECKER (Soziologe), STEFANIE CARP (Dramaturgin), JENS HILLJE (Ko-Intendant Maxim Gorki Theater), MICHAEL THALHEIMER(Regisseur)
Moderation CHRISTINE WAHL

Der Artikel (in leicht veränderter Form) erschien zuerst am 08.05.auf www.paganinis.net

19:22 08.05.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare