Neue Studie: So denkt Deutschland über Sexarbeit

Sexarbeit Obwohl die Prostitution in Deutschland legal ist, wird das Thema Sexarbeit immer noch weitestgehend tubisiert . Eine neue Studie verspricht Licht ins Dunkle der öffentlichen Meinung zu bringen

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Neue Studie: So denkt Deutschland über Sexarbeit

Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Ob trotz oder gerade wegen Frauenrechts- und Sex-Positivitybewegung: das Thema Sexarbeit ist in Deutschland überwiegend tabuisiert und führt zu lagerübergreifenden Polarisierungen. Was die Deutschen tatsächlich über das Tauschgeschäft Sex gegen Geld denken, wurde wissenschaftlich bisher kaum erfasst. Doch nun gibt es eine neue Studie, die Licht ins Dunkel bringen möchte. In einer repräsentativen Umfrage unter dem Titel “Wie denkt Deutschland über Sexarbeit?”, die von dem Erotikportal Erobella in Auftrag gegeben wurde, befragte das Marktforschungsunternehmens “Splendid” im August diesen Jahres deshalb 1.009 Menschen im Alter von 18-69 Jahren..

Sexarbeit – ein unscharfer Begriff

Zunächst muss jedoch festgehalten werden, dass es keine hinreichende Definition von Sexarbeit gibt. “Niemand kann haargenau sagen, wo Sexarbeit anfängt und wo sie aufhört”, schreibt dazu die Klulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyla in ihrem in ihrem Essay Wenn Sex nicht die Antwort ist, was ist dann die Frage? Eines ist jedoch klar: Im 21. Jahrhundert gehört mehr dazu als die Arbeit junger Frauen in Bordellen und auf dem Straßenstrich. Sexarbeiter*innen, das sind auch Pornodarsteller*innen, Webcam-Girls und Personen im Escortesgewerbe. „Alle Formen von kommerziellem Sex in eine Schublade zu stecken“, so die Journalistin und ehemalige Sexarbeiterin Melissa Gira Grant „würde das Beschriebene derart reduzieren, dass dadurch nur wieder hartnäckige Klischees bestätigt würden.“

Wie also stehen die Menschen in Deutschland zum komplexen Thema Sexarbeit? Sehen sie die Branche als eine Gefahr für die allgemeinen Frauenrechte oder erkennen sie an, dass ein aufgeklärtes Verhältnis zu der Thematik zu den notwendigen Bedingungen einer offenen Gesellschaft gehört?

Prostitution als Teil der Gesellschaft

Mit 77% Zustimmung waren sich die Befragten zumindest darüber einig, dass Prostitution schon immer ein Teil unserer Gesellschaft war. Ganze 81% gingen noch ein Stück weiter und äußerten die Vermutung, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.

Trotzdem sind Berufe in der Erotikbranche gesellschaftlich immer noch stark stigmatisiert. In der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts stimmten deshalb 78% der Befragten dem Satz „Viele Sexarbeiter*innen haben mit gesellschaftlicher Diskriminierung zu kämpfen“ zu. Dennoch waren zwei Drittel der Studienteilnehmer*innen der Meinung, dass eine Beschäftigung im Rotlichtbereich „als [ein] Job wie jeder andere“ behandelt werden sollte.

Um dieses sehr zwiespältige Verhältnis der Bundesbürger*innen zum Thema Sexarbeit nachvollziehen zu können, muss die teilweise immer noch sehr undurchsichtige Situation der Sexarbeiter*innen in Deutschland beachtet werden. So ging fast ein Drittel der Befragten davon aus, dass ein Einstig in die Sexarbeit nur selten freiwillig passiere. Dass es um ihre Sicherheit dennoch besser bestellt ist als früher, nahmen zumindest 42% der Studienteilnehmer an. Fraglich ist, auf welche Grundlagen sich die Aussagen der Befragten stützen. Nur 14% haben offen zugegeben, dass sie selbst schon einmal den Dienst einer Sexarbeiter*in in Anspruch genommen haben.

Sexarbeit im Spiegel der öffentlichen Meinung

Trotz einiger nachvollziehbaren und unbedingt ernstzunehmenden Bedenken gegenüber der Branche, zeichnet sich ein positives und tolerantes Verhältnis der Deutschen zur Thema Sexarbeit ab. Dennoch werden auch hier zu Lande regelmäßig Stimmen laut, die sich gegen jede Liberalisierung der Sexarbeit richten. Ein der Splendid-Studie vorausgegangener Versuch, ein öffentliches Meinungsbild über das Thema Prostitution einzufangen, kam zwar zu ähnlichen Ergebnissen, interpretierte diese aber völlig anders. Als Reaktion auf ihre Umfrage, die unter dem Titel Prostitution und Prostitutionsverbot im Spiegel der öffentlichen Meinung veröffentlicht wurde, forderte die Alice Schwarzer Stiftung die Politik im Jahr 2020 zu einem energischen Vorgehen gegen die Sexarbeit auf. Die sehr konträren Auslegungen der beiden Studien zeigen, dass hinter den wenigen Erhebungen, die es zum Thema Sexarbeit bisher gegeben hat, zumeist ein unverkennbares Interesse stand.

Ein deutsches Nein zum Prostitutionsverbot

Ein grundsätzliches Verbot der Prostitution kann auch aus der Studie der Schwarzer Stiftung nicht abgeleitet werden. Um die Sexarbeiter*innen nicht zusätzlich zu diskriminieren, werden zwar härtere Strafen und strengere Gesetze gefordert, diese sollten sich aber nicht gegen die Anbietenden, sondern gegen die Nachfragenden richten. Diese Form der asymmetrischen Kriminalisierung ist in Schweden geltende Rechtsgrundlage und deshalb auch als „Nordisches Modell“ bekannt. Insgesamt stößt der Vorschlag, der nicht nur von Frauenrechtsaktivist*innen, sondern auch von Politiker*innen, immer wieder aufgegriffen wird, hierzulande auf Ablehnung. Ganze 70% der Befragten gingen sogar davon aus, dass sich die Lage der Sexarbeiter*innen durch ein generelles Sexkaufverbot verschlechtern würde.

Nur in Hamburg trifft der an das schwedische Recht angelehnte Vorschlag, dass Personen, die eine sexuelle Dienstleistung in Anspruch nehmen, eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren droht, auf eine mehrheitsfähige Zustimmung (40%). In den anderen Bundesländern findet der Vorschlag mit 13-27% keine signifikante Unterstützung.

Fazit

Viele Sexarbeiter*innen selbst stehen dem „Nordischen Modell“ ebenfalls ablehnend gegenüber. „Verbotspolitik führt für Sexarbeitende zu mehr Vulnerabilität und schlechteren Arbeitsbedingungen sowie einer Zunahme gesellschaftlicher Ausgrenzung“, ist auf der Seite des Bundesverbands sexuelle Dienstleistungen e.V. zu lesen. „Um psychische und physische Ausbeutung gezielt zu bekämpfen, sind keine Verbote und Strafen, sondern die finanzielle Förderung und personelle Unterstützung von niederschwelligen Hilfs- und Unterstützungsangeboten ausschlaggebend“, heißt es auf der Seite weiter.

Die konträren Ergebnisse der aktuellen Studie und die der Alice Schwarzer Stiftung zeigen vor allem eines: Bevor über weitgreifende Gesetzesänderungen und Verbote diskutiert wird, sollte in weitreichende Forschung investiert werden. Der Expertise von Sexarbeitsverbänden muss dabei mindestens genauso viel Gehör wie der öffentlichen Meinung (welche die Sexarbeit ja in Anspruch nimmt) geschenkt werden. Was die Debatte jetzt braucht, sind neutrale Datenerhebungen. Zwei Studien, in denen zusammengenommen nur etwas mehr als 2000 Menschen befragt wurden, bilden eine eindeutig mangelhafte Diskussionsgrundlage. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die eine Studie von einer Frauenrechtsstiftung und die andere von einem Erotikportal in Auftrag gegeben wurde.

Trotz alledem ist ein Fakt unumstritten: Solange sich die Arbeit der Menschen im Erotikgewerbe größtenteils im Verborgenen abspielt und das Thema gesellschaftlich tabuisiert und nur wenig wissenschaftlich erforscht ist, sind und bleiben die Empfehlungen vieler selbsternannter “Expert*innen” vor allem eins: bloße Mutmaßungen.



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