Vom Aufstehen und Sitzen-Bleiben

Angst und Veränderung Wann ist der Punkt erreicht um Aufzustehen?
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Manchmal frage ich mich: „Was ist los mit diesem Land?“ – und meine damit nicht (nur) die aktuellen Entwicklungen, sondern vielmehr diese Energie, diese Stimmung, die darunter liegt.

Jüngstes Beispiel ist die Sammlungsbewegung „Aufstehen“. Kaum verkündet, gibt es auf allen Sendern, allen Kanälen, den großen Onlinemedien einen Schwarm von Experten und Politikern, die alle das Eine sagen. Von „Kopfgeburt“ ist da die Rede, und das dies auf keinen Fall unterstützenswert sei. Um Inhalte, so viel wird schnell klar, geht es nicht. Um Machterhalt schon.

Nun kann ich das bemerken, ohne Sympathie oder Antisympathie für das Projekt zu hegen. Sicher erscheint mir nur, dass etwas Grundlegendes passieren muss; denn die Etablierten im gesamten Spektrum haben keine Antworten.

Woran ich diese harsche Kurzabrechnung festmache? Nun, wenn es nicht nur einen Wunsch, sondern geradezu einen Hunger nach Veränderung gäbe, wäre die AfD jetzt nicht bei knapp 20% und wäre die SPD nicht zeitweise, und zwar nach der Nominierung von Schulz, um 10% nach oben geschnellt. Es ist kein Appetit mehr, es ist Hunger nach Veränderung. Allein, das verfügbare Menü ist entweder verschimmelt oder Fast Food.

Während diese Republik also wohl mehr verwaltet als regiert wird und viele Menschen dieses dumme Gefühl nicht loswerden, dass in den letzten dreißig Jahren wenig im Interesse der breiten Bevölkerung, vor allem des ärmeren Teils passiert ist, aber umso mehr zugunsten der Hochfinanz und der Kapitalaristokratie, besteht wohl kaum ein Zweifel daran, dass dieses Schiff sich grundlegend in die falsche Richtung bewegt. Geld ist Macht. Und es gibt Firmen wie Einzelpersonen, die jetzt schon mehr Macht vereinigen, als es einer Demokratie, von einer sozial ausgerichteten ganz zu schweigen, gut tut. Und diese Entwicklung geht weiter. Immer weiter, während sich viele von uns an täglichen Meldungen abarbeiten, die am nächsten Tag schon keinen mehr interessieren. Ja, wir müssen dringend jetzt einen Brückenaktionsplan machen – zumindest solange alle über Genua sprechen.

Gerne arbeiten wir uns auch an längerfristigen Phänomenen und Entwicklungen ab, die es zweifelsohne auch wert sind, wie der Verteidigung unserer Errungenschaften nach 1945 gegen die Geschichtsüberdrüssigen der AfD. Oder für die Umwelt, den Tierschutz, die Qualität und Demilitarisierung der Sprache, die Integration. Eine lange Liste, hier nur angerissen. Und doch geht im Hintergrund eine Entwicklung immer weiter: Die wenigen Superreichen werden noch reicher, große Firmen, im Besitz dieser Reichen, noch einflussreicher, und eine Geldelite lebt schon lange in einer Blase, die nichts, aber auch gar nichts mehr mit der Realität von Menschen zu tun hat, deren Einkommen wir als einigermaßen in Ordnung erachten, was bedeutet, dass sie sich Mieten, ein nicht zu luxuriöses Leben und ab und zu einen Urlaub leisten können, vielleicht sogar eine Familie. Genau hier ist in meinen Augen der Scheideweg der Demokratie. Hier liegt auch die Ursache für das Aufkommen vieler Probleme und Phänomene unserer Zeit, und daher muss eine grundsätzliche Frage gestellt werden: Wollen wir eine Gesellschaft, die möglichst vielen Möglichkeiten und Perspektiven schafft, oder wollen wir, dass manche fast alles haben, während sich 99% mehr oder weniger erfolgreich und mehr oder weniger brutal um den Rest balgen?

Sollte die Antwort eine soziale sein, ist die Konsequenz enorm. Denn sie bedeutet ein grundsätzliches Hinterfragen des Status quo und der Bereitschaft aufzustehen für eine Veränderung.

Angst

Gibt es in diesem Land voller Ängste noch eine Angst, die größer ist als alle anderen, scheint es die Angst vor Veränderung zu sein. Möglicherweise hat man ja hierzulande Angst, wenn man sich auf etwas wirklich und euphorisch einlässt, dass am Ende das Dritte Reich dabei rauskommt. Anders ist diese fast pathologische Skepsis kaum zu erklären. Wären wir in anderen Bereichen so ausnehmend destruktiv wie gegenüber Veränderung, würden wir immer noch in Trümmern wohnen. Äußerlich sind die glücklicherweise geräumt und Neubauten gewichen, innerlich scheint das in Teilen anders auszusehen. Man kann den Grund finden, wo man will, nur wahr zu sein scheint, dass die German Angst für Außenstehende so prägnant und charakteristisch ist, dass sie es als Ausdruck um die halbe Welt geschafft hat. Grundtenor: nur keine Veränderung!

So weit, so menschlich, sollte man meinen. Dummerweise wird das Gegenteil, Passivität, uns in nicht allzu ferner Zukunft in ein postdemokratisches System führen, dass von einer unantastbaren Elite geführt wird. Und das ist keine Dystopie, sondern eine sichtbare Entwicklung, mit viel Überblick, Geld, Vernetzung und Initiative geführt, allerdings auch mit einer Kälte und Missachtung des Lebens derer, die nicht zur kleinen Elite gehören, wie man sie nur in Unrechtssystemen verortet. Verschwörungstheorien? Schauen Sie doch mal die Doku „the 13th“, nur ein Beispiel von vielen: das Leben von Millionen Afroamerikanern wird systematisch verpfuscht. Das Drama liegt im Verpfuschen, die Aufmerksamkeit sollte aber auf „systematisch“ liegen. Suchen Sie selbst ein Beispiel, vieles passiert ja immer unverhohlener, sie werden nicht lange suchen. Nein, es passiert mit System. Und es wäre wirklich naiv, anzunehmen, dass Menschen reich genug geworden sind um ganze Länder zu kaufen, aber gleichzeitig nicht berechnend genug, um dafür zu sorgen, dass sie und ihre Nachfahren auch in Zukunft niemals ärmer, aber immer reicher und mächtiger werden. Das passiert. Jetzt und hier und seit geraumer Zeit. Und diese Eliten haben schon jetzt und schon lange genug Macht, um in aller Breite ihre Gegner wahlweise als Kriminelle, Außenseiter, Verschwörungstheoretiker und Terroristen verunglimpfen lassen und Einfluß auf Parlamente und Wahlen zu nehmen, nur damit das eine nicht passiert, wovor sie wirklich Angst haben: eine Änderung der Richtung des Schiffs, des Status quo durch engagierte reflektierte Bürger.

Wer also vermeintlich gerade nichts macht, macht doch etwas: Er oder sie unterstützt stillschweigend ein System und hält es, mindestens mittel- und langfristig zu den eigenen Ungunsten, auf Kurs.

Und in 40 Jahren, sollte es dann noch breiten und freien Zugang auch zu humanistischer Bildung geben und es Menschen erlaubt sein, einen eigenen kritischen Geist zu entwickeln, werden wir von den jungen Menschen gefragt werden: Warum habt ihr nichts gemacht?

Genau die Frage, die man so gerne den Nazieltern und -großeltern gestellt hat.

Und auch wir werden antworten, dass es doch alle so gemacht haben und uns die Konsequenzen ja nicht bewusst waren.

Und sie werden entgegnen: Aber es war doch alles sichtbar und zugänglich!

Und wir werden antworten müssen, dass wir uns verzettelt haben, das nicht überschauen konnten, für die Familie zu sorgen hatten.

Schlimmer als diese Fragen wäre nur, wenn keiner mehr da sein wird, die Frage zu stellen, weil man Menschen, und in China wird das bereits erfolgreich praktiziert, soweit unterhält, beschallt, konditioniert, für ihr bloßes Überleben kämpfen lässt und bis in den Alltag kontrolliert, dass sie vielleicht gar nicht mehr wissen, dass sie eine andere Realität statt ihrer aktuellen haben könnten. Und daher gar nicht mehr fragen.

Noch haben wir Möglichkeiten, obwohl es schwieriger wird im Informations- und Nachrichtenüberfluss, der alles gleich aufregend und wichtig macht und in der Konsequenz zu einer permanenten Ablenkung führt – Ablenkung vom Inneren, Ablenkung von der großen Strömung unter den Wellen.

Ablenkung von der Tatsache, dass wir vielleicht nicht nur hier sind, um unser Überleben zu sichern, was bittere Realität in Zeiten der Leiharbeit ist, und für das nächste Konsumgut zu sparen, sondern eben auch eine Verantwortung uns selbst gegenüber haben: unserer Seelenhygiene, menschlichen Weiterentwicklung und unseren Kindern und der Umwelt gegenüber.

Noch schauen wir oft schockiert in das Trumpsche Amerika, aber der Nährboden für dieses schaurige Theater wurde schon vor langer Zeit gelegt und gepflegt und wir sollten uns keine Illusionen machen, dass wir, besonders in Sachen Deregulierung der Finanzmärkte und Privatisierung immer nachziehen. Nur etwas später eben.

Veränderung

Sollte das alles auch nur im Ansatz so stimmen, wäre doch eine logische Reaktion in unserer Situation jeden, absolut jeden Versuch einer konstruktiven Veränderung dieser Entwicklung zu begrüßen und jeden Versuch zu umarmen, der den Menschen, die Mehrheit der Menschen in den Mittelpunkt des Engagements stellt.

Soweit die Theorie.

Und doch ist es immer wieder erschreckend wie schnell etwas wie "Aufstehen" breit medial, auch und besonders bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, abgelehnt wird - bevor es überhaupt begonnen hat! Was tatsächlich bei mir zum gegenteiligen Effekt geführt hat. Kindliches Gerechtigkeitsempfinden, vermute ich.

Und natürlich wird es bei „Aufstehen“ Streit geben, wie es ihn bei den Piraten und anderen gab, und es ist ganz natürlich, dass auf einem Weg, der beim kleinsten gemeinsamen Nenner beginnt, Auseinandersetzungen folgen. Und wissen Sie was? Das ist gut und richtig! Denn wo kein Engagement, keine Veränderung stattfindet, herrscht Stillstand, regiert das Immergleiche.

Und ich weiß, dass auch in Zukunft viele dies genüsslich und öffentlichkeitswirksam auskosten werden, was so weit gehen wird, dass diese Veränderungsbewegung für das Volk vor dem Fernseher und dem Tablet nicht unterstützbar erscheinen wird. Denn noch einfacher als mit dem reinen Veränderungswillen Angst zu schüren ist es schließlich wenn das noch mit Konflikten einhergeht. Aber und so weit sollte unsere Gesellschaft doch irgendwann mal sein: Die Angst vor Konflikten, vor Fremden, vor Veränderung ist die Verantwortung der Menschen, die diese Angst haben. Und sollte es bleiben: Es ist die Aufgabe jedes einzelnen Menschen, sich mit seiner, ihrer Angst auseinanderzusetzen und sie dabei nicht zum Problem Dritter zu machen. Wenn wir zu dieser Eigenverantwortung und Abgrenzung finden könnten wäre uns in diesem Land weit mehr geholfen als mit jedem Gesetz und jeder Maßnahme.

Es gibt eine Initiative zur Veränderung. Diese kann scheitern, vielleicht am Ego mancher Köpfe, vielleicht aus anderen Gründen. Und dann braucht es eine neue Initiative. Nur was wir uns, im Sinne unserer Umwelt und Kinder, nicht mehr leisten können, ist sitzen zu bleiben.

Und wenn das Aufstehen an Deck bereits ein für manche gefährliches Schwanken verursacht, dann zeigt das nur, dass das aktuelle Schiff schon viel zu fragil ist um ein ganzes Volk in seiner Diversität zu tragen.

12:32 20.08.2018
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