Warum der Einzug der AfD heilsam sein kann

Bundestagswahl 2017 Für den kommenden Einzug der AfD in den Bundestag sind besonders die mitverantwortlich, die ihn jetzt am lautesten verurteilen. Das ist eine bittere Wahrheit,
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

die die Protagonisten nicht hören wollen. Und genau darin liegt das aktuelle Dilemma.

Die Wahl steht an.

Denke ich dieser Tage an Politik, entsteht bei mir der Eindruck eines heißen Sommertages von über 40 Grad: Kein Lüftchen weht, niemand macht eine Bewegung zu viel, alles, was nicht unbedingt erledigt werden muss, wird hintan gestellt, und niemand kommt auf die Idee, sich angeregt zu unterhalten, weil man so damit beschäftigt ist, diese drückende Hitze einfach auszuhalten und alles andere viel zu anstrengend ist. Man bleibt in vertrauter Umgebung, wo man weiß, wo Ventilator und Eiswürfel zu finden sind. Man träumt von einem See oder dem Meer, und der Einkauf und alle Erledigungen, von denen man weiß, dass man um sie nicht herumkommt, werden auf die Abendstunden oder auf Morgen verschoben. Oder auf die Zeit nach der Hitzewelle. Adjektive wie drückend und lähmend fallen. Lähmend.

Dinge, die uns lähmen: Hitze, Müdigkeit, Angst.

Einen Aufreger, der uns von der Couch aufstehen lässt, nämlich die eine permanent summende Fliege, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt, gibt es dann doch: In Deutschland passiert etwas, was nach Meinung vieler niemals mehr hätte passieren sollen, dürfen. Aber wie das so oft mit großer Angst ist, sie erschafft und zieht an, wovor man Angst hat. Wie ein Magnet. Und so erscheint am rechten Rand, trotz aller Versuche dies zu verhindern, eine neue Partei im Bundestag: die AfD.

Wenn man sich einmal mit etwas abgefunden hat, das nicht zu ändern ist, wird es meist leichter.

Und wenn man es schafft, einmal die verbalen Scherbenhaufen und die unschönen Begleiterscheinungen dieser Bewegung außer Acht zu lassen, bleibt ein Lichtblick: eine AfD mit 10% bei der Bundestagswahl ist nicht der Untergang des Abendlands. Und aushaltbar für das politische System allemal.

Auch ist festzuhalten, wer die AfD wählt, kanalisiert zumindest noch auf einem irgendwo in der Demokratie angesiedelten Weg seine Frustration und lässt sie ins bestehende System fließen.

Wenn, wie es sich anscheinend viele in Politik und Medien wünschen, diese Menschen die AfD nicht wählen würden, also sich nicht mehr trauten, sie zu wählen oder verschämt am Wahltag zu Hause blieben, endgültig resignierten, was auch immer, dann hätten wir eine langfristig verlorene und zukünftig schwer mess- und ausrechenbare Masse Unzufriedener mit sozialer, politischer, vielleicht irgendwann sogar gewaltsamer Sprengkraft.

Nein, dann lieber ein ehrliches Wahlergebnis. Und ich werde keinem AfD-Anhänger hier den Gefallen tun, mich an der Bewegung abzuarbeiten. Und ein Umdenken werde ich auch nicht fordern. Die AfD hat gerade das Momentum, da regieren Wut, Revanchismus und Aufbruchstimmung. Man ist natürlich „Opfer“. Es ist eine kleine Revolution: Die vermeintlich Geknechteten schlagen zurück, zurück gegen „die anderen“, heißt: „das Establishment“.

Das „Establishment“

Das Establishment, sprich alle Parteien zwischen CSU und Grünen, wahlweise auch alle im Parlament, so genau nimmt man das nicht, die großen Fernsehsender, angeführt von ARD und ZDF, und die beliebtesten und größten deutschen Onlinenachrichtenportale wehren sich in der Zwischenzeit dagegen, selbiges zu sein. Und begehen dabei den größten Fehler, den sie in dieser Situation machen können: Sie befeuern die AfD, springen permanent auf ihre Provokationen an, provozieren selbst die Trotzreaktionen und stehen ansonsten in hilfloser Pose mit hochgezogenen Schultern da und fragen laut und öffentlich, was gerade mit dem politischen Deutschland passiert, das sie die letzten Jahrzehnte kannten.

Allerdings ohne die Antwort hören zu wollen, sobald es ihre Beteiligung, sogar Mitverantwortung in der Situation betrifft.

Schade, denn genau an dieser schmerzhaften Stelle liegt das größte Lernpotential.

Gibt es das überhaupt, dieses „Establishment“? Nun, es gibt es aus Sicht der AfD und benennt erst mal und ziemlich subjektiv alle, von denen man sich mal repräsentiert fühlte oder an die man eigentlich den Anspruch hatte, hätte haben können, einen zu repräsentieren, und die dem nicht gerecht wurden.

Es gibt immer mindestens zwei Parteien in einem Konflikt. Dieser hier, stellt man AfD auf die eine und das „Establishment“ auf die andere, ist auf beiden Seiten von einer Haltung erfüllt, die es schwer macht, zu lernen: hier die Menschen, die ihr Gefühl richtig zu sein aus ihrer Wut nehmen und sich dabei gut fühlen endlich gehört zu werden – und die in einer Radikalität nun ihre neue Sprach- und Provokationsmacht ausleben, wie sie anscheinend vorher ihre Sprachlosigkeit und Ohnmacht empfunden haben. Dort das oft abgehobene Reden zum Volk, in dem Wissen von verbaler und oft auch wirtschaftlicher Überlegenheit. Dort, wo man von den Kanzeln moderner Smartphones und Fernseher Hundertausende Leser oder Millionen Zuhörer oder Zuschauer erreicht und wo man in weiten Teilen dieser Kreise einfach schon durch sein Anti-AfD-Sein einen Blankoausweis als aufrechter Demokrat und guter Mensch erhält, wird es schwierig, die Sensibilität dafür zu schaffen, dass es durchaus guten Grund zur Annahme gibt, dass eben diese Kreise in mancher Hinsicht wohl gerade mehr Teil des Problems als Teil der Lösung sind. Das Establishment, das sich nicht mehr die Mühe macht, einem Einzelnen zuzuhören, weil sich der Wert in seiner Welt mehr nach Masse richtet: die Masse an Klicks, Zuschauern, Wählern, abgehoben und weit weg von der Realität des Schreiners aus Wanne-Eickel.

Nebenbei eine Parallele zur Entwicklung in den USA.

Wenn man sich also aus dieser Blase mal befreien und sich etwas von der Selbsterhöhung herabbewegen würde, könnte man da unten, in den Niederungen unserer Gesellschaft, erkennen, dass AfD-Anhänger auch nur Menschen sind. Und wenn man sie permanent wie dumme Bauern von oben herab darüber belehrt, welchen Fehler sie machen, nimmt man sich die Möglichkeit, einfach mal etwas demütig hinzuhören, wo eigentlich der Schuh drückt. Jeder zehnte Wähler, der den bewussten Tabubruch begeht und AfD wählt, denkt sich etwas dabei. Und vor allem, gerne unterschätzt, fühlt etwas dabei.

Und so sehe ich in den Menschen, die durch ihren AfD-Support gerade die vermeintlich Mächtigen vor sich hertreiben, aktuell ein kleineres Problem als in den Anti-AfDlern, die in hilfloser Ohnmacht täglich und auf allen Kanälen den Schwanengesang einer sterbenden Demokratie anstimmen und sich als Verteidiger der Demokratie gerieren, während sie es meinen Augen sind, die gerade mehr am Untergang derselben arbeiten als die AfD.

Wer den Anspruch hat, Verteidiger der Demokratie zu sein, darf sich nicht darin erschöpfen, die AfD zu bekämpfen, sondern muss sehen und benennen, wer und was wirklich unsere Demokratie und den Sozialstaat angreift.

Aber das ist wieder unangenehm. Denn es könnte sich zeigen, dass man vielleicht selbst Teil eines Systems geworden ist – eines Systems, in sich so geschlossen und individuell, dass es einen Impuls von außen brauchte, um das zu spiegeln. Einen schon sehr starken Impuls. Die AfD. Nimmt man das in letzter Konsequenz an, was radikale Reflexion bedeuten würde, wäre das Auftauchen der AfD sogar heilsam gewesen und hätte seinen Zweck erfüllt.

Kein Mensch braucht wirklich die Partei AfD, wenn die tatsächlichen Ängste und Nöte und Kritiken dieser Bewegung ernst genommen und aufgegriffen würden. Die AfD ist daher in meinen Augen aktuell auch mehr eine Bewegung als eine Partei, weil sie die Menschen nicht über ihre Inhalte zieht, sondern über ihre Emotionen.

Und die versuchen die Etablierten teilweise ziemlich hilflos ein bißchen zu bedienen, aber im Grunde fehlen ihnen der Mut und die Überzeugungen um dem gerade wirklich etwas entgegen zu setzen. Das was die AfD entstehen ließ setzt sich also fort und sorgt für ihr Erstarken.

Ein Dilemma, was nach wie vor durch die etablierten Kräfte aufgebrochen werden kann. Nur müssten sie dafür auf sich und nicht auf die AfD schauen.

Es gibt da diesen wunderbaren Dialog in Dantons Tod, relativ am Anfang. Da steht der mächtige Robespierre und redet über das Laster. Er sagt, wie sehr er es verachtet und fügt drohend hinzu, dass es zu gewissen Zeiten Hochverrat sei.

Und Danton entgegnet ihm ganz abgeklärt, dass gerade der tugendhafte Robespierre das Laster nicht ächten darf, denn er schulde ihm zuviel - durch den Kontrast nämlich.

Definieren sich nicht auch bei uns manche vor allem darüber "gegen" etwas zu sein und lassen dabei schon mehr oder weniger deutlich mitschwingen, dass sie überhaupt keinen Zweifel daran haben, dass sie in diesem Punkt der einzig wahren Wahrheit folgen und sie das zu ehrenhaften Menschen macht?

"Nicht wahr Unbestechlicher, es ist grausam dir die Absätze so von den Schuhen zu treten?"

Gott sei Dank sind wir nicht umgeben von Dantons, die uns konfrontieren hin zu schauen. Auch auf unsere eigene Motivation und unser Selbstverständnis.

Nein, dann lieber Anti-AfD, da kann man nichts falsch machen und abends überzeugt in den Spiegel schauen und befindet sich auch in bester Gesellschaft.

Und genau das gilt es zu demaskieren, denn nicht der verteidigt die Demokratie, der die AfD angreift, sondern der sich für die Schwachen und gegen Ungerechtigkeit einsetzt. Und dabei auch mal etwas riskiert. Vielleicht sogar die Karriere.

Und wer das nicht tut und damit erst fördert, dass Parteien wie die AfD entstehen, weil sie als mehr oder weniger einzige bestimmte Themen und Emotionen aufgreifen, ist entweder ignorant oder ein Heuchler, denn es gibt kaum etwas Verachtenswerteres, als sich als Demokratieverteidiger aufzuspielen, gleichzeitig nichts zu riskieren und unter der leuchtenden Fahne daran beteiligt zu sein, die Demokratie langsam zu Grabe zu tragen, weil sie parallel im Sumpf des Einflusses des Geldes, reicher Firmen und ihrer Lobbyisten versinkt.

Es ist kurzsichtig, um nicht zu sagen, dumm, zu glauben, dass die geschichtliche Verantwortung unseres Volkes allein wäre, dass es keine Partei rechts von der CSU geben darf. Und richtig dumm oder ignorant wird es, wenn man so darauf fixiert ist, dass man nicht merkt, dass während man so in diese Richtung starrt, hinter dem Rücken eben diese schützenswerte Demokratie stündlich von anderer Seite mehr ausgehöhlt wird. Und mit „andere Seite“ meine ich nicht die Linken. Diese Einordnungen, sind sie nicht ohnehin nicht mehr zeitgemäß und sollte es nicht generell mehr um Inhalte als um akurat beschriftete Schubladen gehen?

So darf ich der von mir mitfinanzierten deutschen Medienlandschaft doch mit Fug und Recht folgende Frage stellen:

Wo wart ihr lieben Leute denn, als sich Stein auf Stein zum Berg auftürmte, der nun Steigbügel der AfD ins Parlament wird?

Ich sage es deutlich: Es besteht eine nicht unerhebliche Gefahr, geschichtliche Fehler zu wiederholen, indem man wieder die Augen nicht da hatte, wo sich die eigentliche Gefahr für die Demokratie langsam in das Fleisch fraß. Und die Basis für Demokratie und Zusammenhalt in diesem Land ist der Sozialstaat. Der Staat, der für alle Bürger in möglichst allen Situationen da ist.

Ich kann den einfachen frustrierten Bauern aus Mecklenburg-Vorpommern, den Projektmanager aus Dresden und den Dreher aus Gelsenkirchen in seiner Wut tatsächlich annehmen. Und auch den Lehrer und Polizisten. Sie alle.

Und auch wenn ich es mir anders wünschen würde, ich kann verstehen, dass sie sich mit der Wut in ihrer Hilflosigkeit der AfD zuwenden, weil das die Bewegung ist, die Linderung verspricht und tatsächlich auch bewirkt. Für den Moment. Sie löst kein Problem. Aber sie überwindet alte Schweigepflichten, sie überwindet gefühlte oder tatsächliche Isolation. Sie lässt ihre Mitglieder die Angst für einen Moment vergessen. Die AfD lässt Gebückte wieder aufrecht stehen: Menschen, die oftmals vielleicht nicht das Selbstvertrauen hatten sich über gefühlte verbale No-Go-Areas der Gesellschaft, auch gerne im Bereich des Politisch-korrekten, alleine zu erheben, zu ihrer Meinung zu stehen und damit gesellschaftliche Ächtung zu riskieren und die nun mit der Masse und durch die Führung der Partei die Absolution bekommen dies zu tun. Man kann da noch viel tiefer hinschauen, nur für den Moment reicht: das alles ist ein oft beschriebenes Phänomen und es ist nun mal menschlich, so zu reagieren.

Womit ich mich weitaus schwerer tue, sind darüber erhabene Intellektuelle, die sich im Beet ihres gedanklich abgezäunten Vorgartens bewegen und mir ob es dort bestaunten Unkrauts nun die Flora und Fauna dieses Landes erklären wollen.

Ich kann verstehen, dass Menschen wütend sind. Und ich kann verstehen, dass sie AfD wählen. Und ich kann verstehen, dass sie, nachdem sie das heute-journal oder die Tagesthemen gesehen haben, „erst recht“ AfD wählen.

Es ist doch wirklich in gewisser Hinsicht amüsant, dass einem dort Menschen Realitätsblasen erklären und dabei nicht merken oder ihnen die Fähigkeit zur Reflexion fehlt, dass sie sich selbst in einer bewegen.

Wir alle machen das.

Ich kann die Wut verstehen, wenn die bräsigen Medien schon die Wahl für gelaufen erklären und ein Politzirkus veranstaltet wird, dass es fast surreal wirkt. Da werden Frau Merkel und ein Herr Chulz, oder so ähnlich, durch die Manege hofiert und dürfen zu jedem Thema ein Häufchen Worte möglichst eloquent aus ihrem Mund fallen lassen. Fehlt nur noch, dass bei ihren Reden immer ein smarter Manager, eine freundliche Hausfrau und ein glücklicher Deutschtürke im Hintergrund sitzen und strahlen. Aber auf kurz oder lang wird auch das ein ganz besonders kreativer Wahlkampfanalyst aus den USA importieren. Ein kompletter Unsinn. Mein Bundeskanzler oder meine Bundeskanzlerin muss Überzeugungen haben. Und möglichst authentisch sein. Das heißt aber nicht, dass er oder sie zu jedem Minithema Spezialist zu sein braucht. Dafür gibt es ja Fachleute und Minister. Bestenfalls. Nein, dieser unreflektiert aus den USA übernommene Zirkus ist Teil der Entwicklung, an deren Ende Trump ins weiße Haus eingezogen ist.

Und es wäre schön, wenn sich diese Wut anders, weniger destruktiv kanalisieren würde. Aber das tut sie bei vielen eben nicht. Dafür sind Angst und Unsicherheit offensichtlich zu groß.

Ich sage es deutlich: Nicht nur die Protagonisten und Wähler des Symptoms AfD machen sich mitschuldig daran, wenn all das passiert, sondern viel mehr noch die, die sich gerade am Symptom AfD abarbeiten und damit offenbaren, dass sie es genauso wenig verstehen wie das Phänomen Trump. Was eigentlich und so ganz nebenbei eine Bankrotterklärung für jeden politischen Journalisten sein müsste, der hiermit herzlich eingeladen ist, sich Gedanken zu machen, ob er wirklich den richtigen Job hat.

Dieser Wahlkampf hat eines mehr als alles andere offenbart: dieses Blendwerk aus Selbstverliebtheit, Abgehobenheit und Realitätsblasen, das Politik zur Unterhaltungsindustrie verkommen lässt. Man redet mit Politikern nicht über Inhalte, Haltungen und Überzeugungen, sondern lässt sie ihre von Öffentlichkeitsmitarbeitern abgesegneten Schaumstoffstatements in peinlich genau ausgewählter Umgebung abgeben, biegsam in der Aussage und betont seriös vorgetragen. Eloquenz, wohin das Auge blickt, und nur kein Wort zu viel. Man passt die Meinung an Umfragen an. Aber wer das macht, der ändert sie auch, wenn Umfragen sich ändern. Das mag sich nach Volksnähe anhören, ist aber leider wohl nur gefährliche Überzeugungsarmut und machtbewusster Opportunismus. Und von Medienseite wird das Spiel mitgespielt: nirgendwo wirklich Tiefgang, man redet nicht über Probleme, sondern über Strategie. Man unterstützt dieses Theater, indem man die Kandidaten fragt, wie sie sich verhalten könnten oder sollten, also wie sie das Blendwerk verfeinern könnten, ihren Auftritt, ihre Rolle. Dabei hilft doch das beste Kostüm nichts, wenn dahinter nur Leere ist. Was hilft es, das Lächeln zu perfektionieren, wenn es nicht von Herzen kommt, oder die Meinung zu verdeutlichen, wenn keine Überzeugung dahinter steckt?

Dabei wäre es so einfach: Redet mit den Menschen. Redet wirklich mit den Menschen. Hört ihnen zu, jedes Thema, das die AfD stark macht, liegt auf der Straße und müsste nur aufgegriffen werden.

Willst du die AfD besiegen, beseitige ihren Nährboden.

Es ist hart und traurig, aber dieses Land verdient und braucht offensichtlich eine AfD im Bundestag. Die AfD konnte überhaupt nur entstehen, weil der Berliner Politzirkus und seine in weiten Teilen freiwillig gleichgeschaltete Medienvermarktung amerikanischer Prägung so weit von Teilen des Volkes entfernt ist wie niemals zuvor in der Geschichte dieses Landes.

Und da wir es bisher nicht gehört haben, sollte uns das Ansporn sein, den Weg zu ändern, bevor unser Donald Trump am Ende Bernd Höcke heißt.

Also: Wer hört die Rufe?

Wo sind die Artikel und Berichte über Kinderarmut? Diese ist mal wieder gestiegen, und das ist doch zu uninteressant, um mehr als eine Randnotiz des Tagesgeschehens zu sein.

Kaum ein Wort zu Millionen in prekären Arbeitsverhältnissen, geschönten Arbeitslosenstatistiken, zur Generation Praktikum, Leiharbeit, Aufstockern und Ein-Euro-Jobs.

Alle wollen schließlich die „Mitte“ erreichen und bedienen. Nun, da wird man diese Menschen nicht finden.

Kaum ein Wort zu strukturellen Problemen bei Gesundheit und Pflege. Das übernimmt dann ein 19-jähriger Pfleger, und die Medien schämen sich nicht, dabei offenbart er damit doch ihre Zahnlosigkeit. Es sollte euch Journalisten peinlich sein, dass ein so junger Mann euch bloßstellt, weil er euren Job übernimmt. Stattdessen feiert ihr ihn noch dafür.

Kaum ein Wort zum jahrelangen Sparprogramm bei Justiz und Kultur, Bildung und Polizei.

Kaum ein Wort dazu, dass wir Millionen Tiere behandeln wie ..., haben wir Worte dafür?

Natürlich kein Wort zur Rente. Gewöhnen wir uns doch einfach daran, dass alte Menschen Flaschen sammeln.

Kein Wort zu viel zur Migration.

Und vor allem: keine Vision. Keine Vision, was man diesmal besser machen will als damals, als 20 Jahre, nachdem in diesem Land alles vermeintlich Fremdartige vergast und totgespritzt wurde, die „Gastarbeiter“ kamen, deren Kindeskinder sich zum Teil hier immer noch nicht heimisch fühlen.

Kein Wort zu Visionen wie bedingungslosem Gundeinkommen und wo wir eigentlich hinwollen in den nächsten Jahren, von einer Debatte über Autos mal abgesehen, die wir der Unfähigkeit und Arroganz einer ganzen Riege selbstherrlicher Autokonzernmanager verdanken. Manager, die scheinbar nicht viele Konsequenzen zu erwarten haben und ansonsten auch nicht so aussehen als wären sie besonders schuld- oder sich sonstwie bewußt, zum Beispiel ihrer Verantwortung für hunderttausende Arbeitsplätze und eine saubere Umwelt. Kein Wort darüber, ob wir Volksentscheide wollen, ob wir einem Snowden vielleicht Asyl geben, weil wir seinen Beitrag zur Freiheit und gegen staatliche Kontrolle nach unserer Vergangenheit höher einschätzen, als es dem Partner USA immer rechtzumachen. Keine offene Diskussion darüber, ob wir Herrn Niebel und seine Rheinmetallkriegsprofiteure in Deutschland oder der Türkei sehen wollen. Und keine klare Haltung darüber, dass ein großer Teil der türkisch-deutschen Gemeinde zwischen allen Stühlen sitzt und sich aus Angst vor Denunziation und sozialer Ausgrenzung mitten in Deutschland millionenfach nicht mehr traut, den Mund aufzumachen und frei zu reden.

Hier droht die Bundesregierung eine weitere, möglicherweise historische Chance zu verpassen, dem Teil dieser Menschen, die hier sein wollen, durch klare Worte und Abgrenzung besonderen Rückhalt und Schutz zu geben und ihnen damit zu signalisieren, dass man sie auch wirklich hier haben will - mit allen Konsequenzen und auch wenn das bedeutet sie gegen negativen Einfluss von außen zu schützen.

Diese Liste ist unvollständig und trotzdem bereits lang, und erst die Summe ihrer Einzelthemen offenbart ein Bild. Über einzelne Ausschnitte wurde immer mal wieder berichtet. Nur dass sie zusammengehören wie Puzzleteile, scheint zu überraschen. Aus diesem Bild steigt die AfD gerade ins Parlament. Und nochmal: Die Schnipsel, aus denen das Bild besteht, sind das Abfallprodukt der Politik der letzten dreißig bis fünfzig Jahre. Also wundere man sich bitte nicht so auffällig, denn es könnte peinlich werden, wenn man so erstaunt davorsteht.

Nein, es sollte nicht verwundern.

Nicht, wenn man hinschauen will. Was, nebenbei, in diesem Land schon immer ein Thema für sich war.

Dieses beschriebene Bild vieler Themen, das Gemälde der Baustellen (Herrn Dobrindt wird’s freuen, er spielt mit seiner offensichtlichen Inkompetenz hier nur eine Nebenrolle) wird aktuell noch notdürftig zusammengehalten von vielen guten Menschen, Menschen, die ehrenamtlich und/oder in ihrem Job immer neue Widrigkeiten bei Bezahlung, Aufgabenlast, Kontrolle und wirtschaftlicher Sicherheit auf sich nehmen, damit sich Dinge zum Besseren wenden – oder zumindest am Laufen gehalten werden. Sie arbeiten, um das, was sie als richtig erachten, in die Welt zu bringen. Diese Menschen sind der Kern der Demokratie und das gelebte Versprechen einer besseren Welt, die Menschen, die in ihrem Job oder privat ihren kleinen Beitrag dazu leisten, die Welt etwas besser zu machen. Und dazu gehören explizit auch die Journalistinnen und Journalisten, die aus Überzeugung über all diese Themen berichten und oft genug auf Randplätze in Zeitungen und nachtschlafene Sendezeiten verwiesen werden.

Der Skandal ist, dass viele Menschen so hart kämpfen müssen und es eigentlich überhaupt nicht nötig wäre, dass ihr Engagement in dieser Weise auch wegen der Politik und ihrer Einsparungen der letzten Jahre erst so umfangreich werden musste und die Politik das jovial zur Kenntnis nimmt und für ihrer Zwecke nutzt, mit dem Mangel sogar plant, anstatt durch notwendige Reformen diese unnötige Verschlechterung ganz einfach zu beenden. Da sind auch wir gefragt: Was machen wir mit?

Seit Jahren, und das nur als Randnotiz, wird immer und überall gesagt, es gäbe weniger Geld und es müsste gespart werden. Und das so ziemlich in allen Bereichen dieser Gesellschaft, die ihren Fortschritt und ihre kulturelle und soziale Entwicklung charakterisieren.

Die Wahrheit ist: Es gibt nicht weniger Geld. Und es ist kein Sozialneid und kein Wahlkampfversprechen, wenn ich sage, dass es der Wirtschaft und der sozialen Einheit unseres Landes gut zu Gesicht stünde, Geld umzuverteilen und nicht noch die zu wählen, die die Ungerechtigkeit – auch durch Nichtstun und Opportunismus – noch vergrößern werden.

Diese unsere Gesellschaft ist eine zunehmend egoistische und entsolidarisierte, aber auch eine getriebene Gesellschaft. Chomsky betonte, dass es eigentlich gar nicht so einfach ist, eine Gesellschaft zu entsolidarisieren. Nun, wir sind mittendrin und balgen uns um die Reste der Tafel. Oder um den Platz im Rettungsboot.

Denn wohin die Reise geht, ist einfach eindeutig, und wer das nicht sehen will, macht sich mitschuldig.

Mir braucht keiner zu zeigen, wie viel er aus der Geschichte gelernt hat, wenn er mit dem Finger auf die AfD zeigt, aber gleichzeitig nichts gegen die steigende Entsolidarisierung, Kapitalakkumulierung und die damit einhergehende Verrohung in der Gesellschaft unternimmt. Man nehme sich wahlweise einen Bereich und sage, wo man ihn in 20 Jahren sieht.

Beispiel Bildung: Wenn wir nichts unternehmen, werden wir irgendwann Privatleute und Industrielle auf Grund ihres Vermögens bestimmen lassen, welche Bildung unsere Kinder erhalten, was sie lernen und welche Ansichten ihnen vermittelt werden, weil die Reichsten als vermeintlich gnädige Gönner mit durch steuerbevorteilten Stiftungen wie in den USA langsam und stetig die Kernkompetenzen des Staates einfach mit ihrem Geld ersticken und übernehmen und die Schulen und Universitäten bezahlen. Legetimiert nur durch eins: ihr Geld. Ist das Demokratie? Wollen wir das?

Nun, es wird passieren wenn alle weiter läuft wie bisher.

Wollen sie sich untertänigst für die Brotkrumen bedanken, die von der Tafel derer Fallen, die ihre Leben lang nur an goldenen Tischen gesessen und auf Privatschulen gegangen sind?

Nun, sie oder ihre Kinder werden es wenn alles so weiter läuft wie bisher.

Ab einer gewissen Ungleichverteilung von Geld kann es keine Demokratie mehr geben.

Aus der Geschichte, der deutschen Geschichte zu lernen, kann in meinen Augen nur bedeuten, sich gegen Ungerechtigkeit zu positionieren. Gegen Machtmonopole. Nicht nur aus dem besiegten Faschismus gilt es die richtigen Schlüsse zu ziehen, sondern auch aus dem überwundenen Feudalismus. Daher ist egal, ob die Ungerechtigkeit ein braunes, rotes, blaues Gewand oder einen Pelzmantel trägt und Feudalismus, Faschismus, Kommunismus oder Kapitalismus genannt wird. Letztlich können sie alle daran gemessen werden, wie hoch sie die Würde, Freiheit und Gleichheit aller Menschen schützen und fördern.

Und ja, es ist tragisch genug, dass es passieren wird und schon passiert, dass verbale Hürden fallen und Grenzen überschritten werden, die, siehe die Veränderung der politischen, aber auch der Debattenkultur in unserem Nachbarland Österreich in den letzten 30 Jahren, einmal gefallen, nicht so leicht wieder aufzubauen sind und gerne neue Grenzüberschreitungen nach sich ziehen.

Aber aktuell an die AfD zu appellieren, das zu ändern, wäre, wie der Welle zu sagen, sie solle nicht brechen. Es ist ihre Natur.

Für uns andere aber ist es Zeit, aufzustehen. Nicht gegen die AfD, sondern für Gerechtigkeit und Solidarität.

Ein Blick in die Medienlandschaft von heute zeigt, dass das noch nicht begonnen hat.

Wie erstarrt an einem heißen Sommertag.

Dabei wird es Herbst.

In weniger als einer Woche wird gewählt.

22:00 19.09.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anno Nym

nicht viele Worte. Ich möchte anonym schreiben.
Avatar

Kommentare 5