Ein Kommentar

Perspektiven Ich bin Wachmann in einem Elektronikpark und ich habe nichts gegen die Nachtschicht.
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Ich habe in Moskau Physik studiert und war im Anschluss daran Assistent an der Humboldt Universität zu Berlin. Als die Mauer fiel, konnte ich meine Stelle nicht behalten. Ich habe sie nicht verloren, wie viele das nennen. Ich sage es gerade raus. Ich konnte sie nicht behalten. Denn im öffentlichen Dienst, also in diesem, in ihrem öffentlichen Dienst, wollten sie Menschen wie uns nicht behalten. Menschen, die mal in einem anderen öffentlichen Dienst Dinge machten, die jedes Land der Welt in seinem öffentlichen Dienst nur eine bestimmte Auswahl an Menschen machen lässt, die wollten sie nicht behalten. Für ihre eigene Auswahl an solchen Menschen zieht die BRD an der Chausseestraße in Berlin gerade Deutschlands größte Baustelle auf. Das wäre was gewesen. Aber sei es drum. Als es für uns keine Verwendung mehr gab, da sind wir sozusagen alle in die Privatwirtschaft emigriert. Aber ich will mich gar nicht beschweren. Ich habe heute mehr als früher möglich gewesen wäre und ich sage Ihnen eines: Wäre es andersrum gekommen, hätten wir damals Sie übernommen, dann hätten wir es doch genauso gemacht. Da bin ich übrigens nicht der einzige, der so was denkt. Aber warum sage ich das. Das traut uns ohnehin keiner zu. Das Denken, meine ich.

Wissen Sie, komisch ist, dass sich keiner unter den jungen Leuten heutzutage fragt, warum da diese ganzen alten Opas auf Baustellen Wache schieben oder in Garderoben mit den Abzeichen privater Sicherheitsdienste am Arm Jacken entgegennehmen oder unter einem lächerlichen Barett in den S-Bahnen Sicherheit simulieren. Man sieht sie doch, diese überlegenen und nur selten vollständig resignierten Blicke dieser Opas. Und man hört sie doch, diese strukturierten Sätze mit Fremdwörtern, die diese Opas sagen. Einer der Dinge tut, für die man nichts gelernt haben muss, warum kann der antworten, als hätte er etwas gelernt? Das fragt aber keiner. Und keinen interessiert mehr der Grund. – Gut, vielleicht würde ich mir diese Frage auch nicht stellen. Für eine Frage braucht man ja einen Zweifel und wo soll der Zweifel herkommen, heutzutage, wenn man nichts weiß und die wissen ja heutzutage alle nichts mehr. Noch ein paar Jahre, dann wissen alle eins:

Nach den Nazis gab es im Osten Deutschlands für ein paar Jahre noch mal so was Ähnliches aber am Ende wurde alles gut.

Wir werden dann alle nicht mehr da sein und korrigieren können wir dann auch nichts mehr, ach, als könnten wir das heute noch, sei es drum. Wenn der Mindestlohn durchgesetzt ist, wird alles endgültig gut sein. Solange schlag ich mir Tag für Tag die Nacht um die Ohren, Zwölfstundenschicht, und am Wochenende fahr ich raus, wir haben da einen Garten im Norden von Pankow, ein bisschen außerhalb. Vielleicht nur das: Wenn Sie vielleicht kommentieren könnten? Ich habe jetzt einen Facebook-Account und bei Twitter bin ich auch aber dieser Blog, das ist sozusagen das, was meiner Stimme einen Laut gibt, dachte ich, als ich neulich begann. Aber gibt es denn überhaupt einen Laut, wenn keiner da ist, der ihn hört? In der Nachtschicht gestern hat sich Lisa Simpson diese Frage gestellt und seit dem lässt mich die Frage nicht mehr los. Anfang nächsten Jahres soll die Lohnuntergrenze bei 7,50 Euro liegen. Soll ich solange noch umsonst hier sitzen? Schreibt man überhaupt, wenn keiner liest? Helfen Sie mir doch beim Schreiben. Machen Sie doch bitte, dass ich da bin. Wieder da. Nach über zwanzig Jahren zurück.

Edit (2012-10-21, 19:49 Uhr): Dieser Beitrag erschien am 5. August 2012 um 09:00 Uhr hier: http://anschluss-berlin.de

19:12 21.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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