Nur Senf! Wahlkampf, Homoehe, Mindestlohn.

Demokratie Die FDP mag den Mindestlohn (etwas). Die CDU macht sich (etwas) für die Gleichheit der Homoehe stark. Der Teufel trinkt Weihwasser. Vielleicht sollte immer Wahljahr sein?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Bald gibt es wieder Rosen. Vielleicht auch Kugelschreiber. Kugelschreiber sind auch schön. Und diese leckeren Bonbons von der ... ich weiß nicht mehr ... der Dingspartei. Es ist das Jahr der Bundestagswahl. Und bald erhält man wieder Liebesbriefe a la „Ich habe dich nie vergessen. Deine CDU.“ oder „Du warst mir fern und doch so nah. Deine SPD.“. Es schalmeit ein „Erhöre mich“ aus dem TV und dem Radio und dem Internet und dem Briefkasten und auf Marktplätzen und als gemeiner Wähler ist man wieder einmal (ein bisschen) der Mittelpunkt des politischen Lebens. Wie schön. Aber noch nicht so richtig doll freuen, bitte. Es geht ja noch weiter. Die FDP entdeckt den Mindestlohn, die CDU macht sich ein bisschen für die Gleichheit der Homoehe stark und der Teufel trinkt Weihwasser. Hach. Es könnte immer Wahlkampf sein.

Jetzt mal im Ernst ...

So ein bisschen kommt man sich ja als gemeiner Wähler wirklich vor, als hätte man ein Date und wäre vergessen worden, wenn nicht gerade Wahlkampfjahr ist. Irgendwann ist die Wahl vorbei, die Rosen welken, Kugelschreiber geben ihren Geist auf und ... Wahlkampfversprechen werden zwar NICHT alle gebrochen, aber ihre Halbwertzeit sinkt bisweilen doch beträchtlich, weil die Umstände ... Sie verstehen?! Und die Politiker hängen irgendwie wieder mit diesen Lobbyisten ab. Das ist nichts Böses. Wirklich. Lobbyisten kommen nicht aus der Hölle. Sie stinken auch nicht nach Schwefel. Sie haben nur ein Anliegen und bearbeiten Politikerohren. Fertig. In extrem seltenen Fällen fließt möglicherweise auch einmal Geld, wofür der Schreiber nichts kann (Ich meine mich!). Das irgendwie Doofe ist dabei: Der gemeine Wähler hat außerhalb von Wahljahren nicht soviel Kontakt zu seinen Volksvertretern, während Lobbyisten irgendwie mehr Kontakt haben.

Mehr Kontakt bitte!

Lobbyisten können dem Volksvertreter persönlich irgendetwas sagen, was sie für wichtig halten, und der gemeine Wähler kann es außerhalb von Wahljahren oftmals nicht (so gut). Und was Politiker angeht: Es war schon immer viel schwieriger, jemandem etwas abzuschlagen, wenn man eine direkte oder zumindest indirekte, aber dafür auch einen selbst betreffende und durchaus ganz schön heftige Reaktion erwartet. So wie Politiker im persönlichen Gespräch mit Lobbyisten. Oder in Wahljahren, in denen der gemeine Wähler wieder etwas wichtiger wird und ihnen seine Liebe vorenthalten könnte.

Da kann man sich im christlichen Lager plötzlich (vielleicht ein bisschen oder auch nicht) die steuerliche Gleichstellung der Homoehe vorstellen (wie schön). Und als Liberaler bekommt man beim Wort „Mindestlohn“ keinen Brechreiz mehr (auch schön), nur ein leichtes Unwohlsein, es sei denn, man ist Jungliberaler, die haben noch einen empfindlicheren Magen. Das ist einfach so. Das ist menschlich. Es ist schwieriger für die meisten Menschen, anderen Menschen im mehr oder weniger direkten Gespräch zu sagen, dass dieser oder jener ihrer Wünsche leider ... weil der Weihnachtsmann streikt und die Umstände, Sie verstehen?

Brauchen wir ein Politiker Speed-Dating?

Aus genau diesem Grund schlägt man (auch wenn man Politiker ist) etwas bei einem mehr oder weniger direkten Kontakt dann nur ab, wenn man wirklich sehr extrem und eindeutig überzeugt ist, dass man etwas abschlagen sollte. Meistens sucht man Kompromisse. Und da Politiker gemeine Wähler außerhalb von Wahljahren vielleicht (!) viel seltener treffen als etwa Lobbyisten, suchen sie mit Lobbyisten oft mehr Kompromisse als mit dem gemeinen Wähler. Das ist nur eine These. Sie könnte aber stimmen. Könnte! Also wirklich. Außerhalb von Wahljahren ist der gemeine Wähler meistens weit weg. Und wenn ihm dann mehrheitlich etwas nicht passt, kann man immer noch auf seine Vergesslichkeit bauen.

Deshalb (Problem definieren. Lösung skizzieren.) sollte man vielleicht dafür sorgen, dass Politiker künftig auch in wahlfreien Zeiten viel häufiger als bisher auf Menschen der Gattung „Gemeiner Wähler“ treffen. Sie sollten ihre künftigen Entscheidungen live, im Internet, auf gigantischen Messenger-Konferenzen, Marktplätzen oder beim Politiker Speed-Dating zur Diskussion stellen, überall dort, wo sie mit mehr oder weniger direkten Reaktionen von Menschen der Gattung „Sie wissen schon“ rechnen müssen. Der gemeine Wähler als wichtigster „Lobbyist“ von allen. Wenn der sauer wird, ui, ui, ui ...

Der nicht gefundene Stein der Weisen

Ja, ja ich weiß ... ich habe den Stein der Weisen NICHT gefunden. Blöd. Blöd ist irgendwie, dass sich viele Menschen der Gattung „Gemeiner Wähler“ wahrscheinlich (erst einmal?) gar nicht für so etwas interessieren, für Politiker-Speed-Datings und so, weil a) Politik sowieso „iba und pfui und letztlich völlig langweilig“ ist und b) die Sache ja sowieso nichts bringt. Warum? Weil Politik sowieso a) „iba und pfui und letztlich völlig langweilig“ ist und b) die Sache ja sowieso nichts bringt? Vielleicht. Vielleicht auch, aber nicht nur. Man müsste vielleicht so ein Fach wie „POLITIK (gibt’s schon) AKTIV (gibt’s noch nicht)“ in der Schule einführen und allen Schülerinnen und Schülern zeigen, wie man auf Politiker und Politik Einfluss nehmen kann und dass es sich lohnt, Einfluss zu nehmen. Der Stein der Weisen? Ne, leider auch nicht. Suchen wir weiter. Alle bitte. OK? Politiker nach vorne.

Damit so etwas (möglicherweise!) funktioniert, müsste bei Schülerinnen und Schülern natürlich irgendwie das Gefühl entstehen, dass man tatsächlich etwas bewirken kann. Und es müsste natürlich irgendwie so sein, dass niemand mit Job und Zweitjob und „abends noch Wundertüten befüllen“ derart beschäftigt ist, dass für so ein kleines bisschen Politik keine Zeit bleibt. Sonst bleibt alles beim Alten. Es ist Wahlkampfjahr. Freuen wir uns auf die Rosen.

PS

PS: Das ist nur Senf. Nicht mehr. Es darf nicht den Anspruch erheben. etwas objektiv Wahres zu sein. Ich erhebe diesen Anspruch für diesen Senf nicht. Ich schreibe/rede immer nur Senf. Aber ich glaube, 99 Prozent aller anderen Menschen machen dasselbe, manche, ohne zu sagen, dass der Senf nur Senf ist. Das ist manchmal gemein. Bei dem übrigen 1% grüble ich noch.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Sadeghi

Ein neugieriger Mensch, der gerne im 3-Länder-Eck D-BE-NL lebt, andere Menschen spannend findet und sich (manchmal) gerne so seine Gedanken macht.

Avatar