Kleine Kostbarkeiten – Kultureller Jahresrückblick 2022

12 Monate, 12 Kulturhighlights Das neue Jahr mit einem kulturellen Rückblick beginnen: Vom Fachbuch „Atlas der Zukunft“ über die Sammlung „Queer Cinema Now“ zu Werken von Maja Göpel und James Baldwin, bis hin zu Opern- und Tanzhighlights am Theater Bonn und der Oper Köln

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Das Jahr 2022 war nicht nur aufgrund des Angriffskrieges Vladimir Putins auf die Ukraine ein in vieler Hinsicht erschreckendes Jahr. Am Neujahrstag verstarb ein langjähriger Freund plötzlich nach kurzer, aber schwerer Corona-Erkrankung. Wir teilten eine Passion für kulturelle Events. Mit Roger hätte ich gerne noch öfter Theaterhäuser in Bonn und Köln besucht und mich auch weiterhin über neuere Literatur oder Filme unterhalten. Ihm sei der hier nun folgende Jahresrückblick gewidmet.

Eingebetteter Medieninhalt

1. Atlas der Zukunft - 100 Karten, um die nächsten 100 Jahre zu überleben

"Zeitenwende" wurde als Wort des Jahres 2022 von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürt. Im neuen Jahr wagt man ja gerne einen Ausblick. Ian Goldin, Professor für Wirtschaft an der University of Oxford, und der Politikwissenschaftler, Urbanist und Sicherheitsexperte Robert Muggah verbinden im Atlas der Zukunft umfangreiche Analysen mit 100 aufschlussreichen Satellitenkarten. In Schwerpunkten zu Globalisierung, Klima, Urbanisierung, Technologie, Ungleichheit, Geopolitik, Gewalt, Demografie, Migration, Ernährung, Gesundheit, Bildung und Kultur werden Entwicklungen visualisiert. Das Autorenduo stellt wichtige Fragen, bei denen interaktive Karten eine Orientierung geben und weltweite Bewegungen etwa von Datenströmen nachzeichnen. Die Autoren diskutieren faktenbasiert mögliche Zukunftsfragen, Risiken und Chancen.

So gehen die beiden Wissenschaftler von einer weltweit steigenden Bedrohung von Arbeitsplätzen durch Automatisierung aus (S. 181). Aktuelle Kartierungen deuten ein weltweites Zurückgehen der Produktion von Weizen, Reis und Mais aufgrund des Klimawandels an (S. 356). Big data und sogenannte „Wearables“ verändern in punkto Gesundheit den Umgang mit erfassten Patientendaten und Vitalparametern. Hierzu schreiben die Autoren augenzwinkernd: „Eins ist klar: Die Menschen der Zukunft werden Cyborgs sein.“ (S. 398) Das Autorenteam problematisiert zudem, dass eine kulturelle Vielfalt im Zuge der Globalisierung zurückgeht (S. 439).

500 farbige Abbildungen und Infografiken, umfangreiche Anmerkungen und ein übersichtliches Register bereichern den faktenreichen Band.

Ian Goldin, Robert Muggah: Atlas der Zukunft. 100 Karten, um die nächsten 100 Jahre zu überleben. Hardcover. 512 Seiten, 45 EUR, Dumont Verlag, 2021, ISBN 978-3-8321-9999-9. Weitere Infos.

2. Das einzige Buch, das du über Finanzen lesen solltest

Monatelang war Das einzige Buch, das du über Finanzen lesen solltest auf Platz Eins der Spiegel-Taschenbuch-Bestsellerliste. Das handliche Werk stammt aus der Feder des ehemaligen Investmentbankers Thomas Kehl, der 2016 den Youtube- und Twitch-Kanal Finanzfluss gründete, und von Mona Linke, seit 2020 Redakteurin bei Finanzfluss. Ausgehend von finanziellen Denkfehlern diskutieren die Autoren zunächst Klassiker der Geldanlage wie Immobilien. Weitere Schwerpunkte des Bandes widmen sich Aktien, Investmentfonds und ETFs. Mit dem russischen Einfall in die Ukraine hatte aber auch das Autorenteam Januar 2022 nicht gerechnet. So löste der Krieg einen Kursrutsch aus, erschütterte die Finanzmärkte und belastet seit einigen Monaten die Börsen.

Thomas Kehl, Mona Linke: Das einzige Buch, das Du über Finanzen lesen solltest. Der entspannte Weg zum Vermögen – Von den Machern des YouTube-Erfolgs »Finanzfluss«. Klappenbroschur. 288 Seiten, 14 EUR, Ullstein Taschenbuch, 2022, ISBN 9783548065847. Weitere Infos.

3. Wir können auch anders

Aktuell ein Spiegel-Sachbuchbestseller ist Maja Göpels Wir können auch anders, entstandenunter Mitarbeit von Marcus Jauer. Göpel kritisiert und problematisiert im ersten Teil ihres Buches, warum auf exponentielles Wachstum ausgerichtete Systeme stets gesellschaftlich als Fortschritt gedeutet werden (S. 158). Denn Beschleunigung und Vernetzung sind begrenzt und Wirtschaftswachstum lässt sich nicht vom Naturverbrauch entkoppeln, etwa wenn man die Klimakrise betrachtet (S. 159, S. 193).

Die Politökonomin Maja Göpel, Honorar-Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg, betont die Veränderlichkeit gesellschaftlicher Reaktionen auf Dynamiken und blickt auf Engpässe einer Wachstumsgesellschaft (S. 162). Sie plädiert für einen neuen Blick auf das individuelle Wohlstandsstreben und die Gesellschaftsentwicklung (S. 164). Das Buch verweist auf Studien, die eine lange Lebensdauer mit einer sinnstiftenden und erfüllenden Eingebundenheit in Gemeinschaften in Beziehung setzen (S. 166). Als Zustandserleben wird das Wort Flow in Anlehnung an frühere Forschung eingeführt, verwendet als „Harmonie zwischen Person, Aufgabe und Situation“ (S. 167)

Die deutsche Volkswirtin, Transformationsforscherin, Nachhaltigkeitsexpertin und Gesellschaftswissenschaftlerin Göpel kritisiert die Praxis der sogenannten Externalisierung: So stehen Länder des globalen Nordens in punkto Umweltschutz besser da, weil sie dreckigere Glieder ihrer Wertschöpfungskette in ärmere Länder auslagern (S. 193). Zahllose Anmerkungen und Quellen bereichern das hellsichtige Sachbuch, das zu neuer Verantwortung, neuem Denken und Handeln mit Blick auf mehr Umweltschutz anregt.

Maja Göpel: Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen. Hardcover. 368 Seiten, 19,99 EUR, Ullstein Hardcover, 2022, ISBN 9783550201615. Weitere Infos.

4. Ein anderes Land

Rassismus erscheint in der gespaltenen US-amerikanischen Gesellschaft der Fünfzigerjahre allgegenwärtig, ob in staatlicher Polizeigewalt oder in gut gemeinten Herablassungen. Der afroamerikanische Autor James Baldwin (1924-1987) problematisiert in seinen Romanen staatliche Willkür. Miriam Mandelkow übersetzte nach Baldwins Klassikern Beale Street Blues und Giovannis Room auch James Baldwins wegweisenden Roman Another Country (1962) neu. Der Roman erzählt in kurzen Szenen von Beziehungen, Liebe, Scham, Schuld, Wut und Verzweiflung. Insbesondere widersprüchliche Bewusstseinsströme verschiedener Charaktere bewegen. So deuten die inneren Empfindungen der Figur des Danny beiläufig an, dass er sich nach einer Rückkehr seinen engsten Angehörigen nicht mehr zugehörig fühlt:

Alle: seine Schwester und sein Schwager, sein Bruder, sein Vater und seine Mutter, seine Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen und mit ihnen der Pesthauch von Frömmigkeit, Argwohn und Angst. Das unbezwingbare Geschnatter der Leute über Leute, die in seinem Leben nicht vorkamen, das Gerede über Geld, Kinderkrankheiten, Arztrechnungen und Schwangerschaften, über unvermutete, unschöne Treulosigkeiten zwischen geschlechtslosen grauen Gestalten in einem Vakuum, das stinklangweilige, kindische Schmutzgewäsch und der Humbug über Politik. Eigentlich sollten sie allesamt noch in Ställen hausen, mit Pferden und Kühen, statt sich mit Dingen zu strapazieren, die ihren Horizont überstiegen. Er hasste sich selbst für die Ernsthaftigkeit seiner Gedanken und war wie üblich befremdet von dieser gezielten, gefährlichen Ungerechtigkeit. „Schön“, sagte er, um den Redefluss seiner Mutter zu unterbrechen. [...]“ (S. 352)

James Baldwin: Ein anderes Land. Übersetzung von Miriam Mandelkow. Hardcover. 576 Seiten, 25 EUR, dtv, 2021, ISBN 978-3-423-28268-0. Weitere Infos.

5. Märchenland für alle

Die dunkle und ungemütliche Jahreszeit lädt dazu ein Kindern aus Märchenbüchern vorzulesen. Die handliche Sammlung Märchenland für alle bietet bereits durch farbenfrohe und verspielte Bilder der Illustratorin Lilla Bölecz einen neuen Blick auf klassische Märchen wie etwa Schneewittchen. Hier heißt das Märchen Goldlaub (von Eszter Gangl, übersetzt von Tünde Malomvölgyi) und eben jene Prinzessin Goldlaub wird von ihrem Vater, dem König, verstoßen, weil sie gerne draußen Tag und Nacht herumstrolcht und stets verschmutzt heimkehrt. Hinter sieben verzauberten Bergen findet sie durchgefroren und hungrig Einlass im Heim von sieben Weberinnen. Bald begeistert die jungenhafte Goldlaub die Bewohnerinnen durch ihr handwerkliches Geschick beim Hacken, Schnitzen, Dachdecken, Jagen und Bohren.

Es ist wertvoll, Geschlechterstereotype im Märchenkanon durch neue Figurenkonstellationen aufzuweichen. Das gelingt jedoch nicht in allen siebzehn abgedruckten Märchen gleichermaßen. Einige Ideen – wie etwa von einem dreiohrigen Haasen oder einem Rehlein, dem anstelle eines Geweihs ein Strauch wächst – wirken etwas zu bemüht. Der Band enthält jedoch durchaus zu Herzen gehende Märchen wie Margaret und der Riese von Dóra Gimesi oder Der Eiskönig von Judit B. Tóth (beide übersetzt von Timea Tankó). Lehrpersonal dürfte mit diesen Buch Vorurteile ganzer Grundschulklassen effektvoll konfrontieren können. Denn gleich mehrere Märchen erzählen von Frauenpaaren oder homosexuellen Prinzen.

Boldizsár M. Nagy (Hrsg.), Lilla Bölecz (Illustr.): Märchenland für alle. Inklusiv und divers erzählte Märchen für Kinder ab 6 Jahren veröffentlicht vom Stern. Fester Einband. 180 Seiten. 16,95 EUR (Die Stiftung stern spendet 1 € pro Buch für Diversitätsprojekte. Für mehr Vielfalt in Ungarn.), Dorling Kindersley, 2022, ISBN 978-3-8310-4509-9. Weitere Infos.

6. Queer Cinema Now

Vielstimmige Erfahrungen nicht-heterosexuellen Begehrens thematisiert auch der großformatige Sammelband Queer Cinema Now. 56 Autor*innen werfen hier einen nicht-heteronormativen Blickauf zweihundert ausgewählte Filme der Jahre 2009 bis 2020. Zu den Rezensent*innen zählen cinephile Filmwissenschaftler*innen mit analytischen Verständnis für filmsprachliche Details, u.a. Sascha Westphal, Jan Künemund oder Barbara Schweizerhof. Grundlage für die Rezensionen bietet das queere Magazin sissy, herausgegeben vom Salzgeber-Chef Björn Knoll. Es wurde seit 2009 alle drei Monate als Printausgabe publiziert, seit 2016 erscheinen Beiträge unter der redaktionellen Leitung von Christian Weber ausschließlich online auf sissymag.de.

Meist bereichern großformatige Farbfotos die liebevollen und überraschend umfangreichen Kritiken. Zu den chronologisch besprochenen Filmen zählen viele Werke, die von anderen Filmmagazinen übersehen wurden. Einem weißen Blick arbeiten so Besprechungen von Filmen über queere Persons of Color entgegen, wie u.a. Die Wunde (2017) aus Südafrika, Body Electric (2017) und Sócrates (2018) aus Brasilien und Rafiki (2019) aus Kenia.

Natürlich erhebt der Band keinen Anspruch auf Vollständigkeit. So werden einige starbesetzte Liebesdramen nicht erwähnt, wie der britische Kinofilm Ammonite (2020) über die Fossiliensammlerin Mary Anning oder der US-amerikanische Kinofilm Kill your Darlings (2013) über die Beat-Generation. Der mit seinen Werken am meisten vertretene Filmemacher ist der der heute 33jährige queere frankokanadische Autorenfilmer, Schauspieler, Regisseur, Filmproduzent und Drehbuchautor Xavier Dolan, von dem ganze sechs Werke diskutiert werden.

Björn Koll (Hrsg.), Jan Künemund (Hrsg.), Christian Weber (Hrsg.): Queer Cinema Now. Die wichtigsten nicht-heteronormativen Filme aus 12 Jahren sissy. Hardcover. 352 Seiten, 50 EUR, Salzgeber Buch, 2022, ISBN 978-3-95985-620-1. Weitere Infos.

7. Sprung ins kalte Wasser von Stelios Kammitsis

Spröde Dramatik und atemberaubende Landschaftsaufnahmen bietet das romantische Road-Movie Sprung ins kalte Wasser vom griechischen Regisseur Stelios Kammitsis. Nachdem seine Großmutter gestorben ist, begibt sich Victor (Vasilis Magouliotis) mit einem alten Audi auf einen Roadtrip zu seiner Mutter nach Deutschland. Während der Fährüberfahrt nach Bari lernt er den abenteuerlustigen Deutschen Mathias (Anton Weil) kennen und lässt sich dazu hinreißen, ihn mitzunehmen. Auf der Fahrt versucht Mathias den mundfaulen und in sich gekehrten Victor aus der Reserve zu locken. Neben anfangs etwas belanglose Gespräche treten bald Annäherungen und Konfrontationen und es wird effektvoll geschmollt.

Sprung ins kalte Wasser. Buch & Regie: Stelios Kammitsis. Dauer: 80 Minuten. DVD-Erscheinungstermin: ‎2022. Darsteller: Vasilis Magouliotis, Anton Weil, Stela Fyrogeni, Marc Pistono, Chiara Ore Visca. Salzgeber. Weitere Infos.

8. In den besten Händen von Catherine Corsini

Catherine Corsini verdichtet in ihrem kongenialen Drama das Geschehen über etwa 24 Stunden in einem Pariser Krankenhauses. Der Filmfokus liegt in dieser Zeit auf vier unterschiedlichen Figuren, die sich in der unterbesetzten und überfüllten Notaufnahme aufhalten. Die Comiczeichnerin Raphaëlle (Valeria Bruni-Tedeschi), genannt Raf, hat sich den Arm gebrochen. Ihre überforderte Lebenspartnerin, die Verlegerin Julie (Marina Foïs) war eigentlich dabei, sich von ihrer Freundin zu trennen, steht ihr aber jetzt sichtlich enerviert zur Seite. Der Lastwagenfahrer Yann (Pio Marmaï) wurde bei Gelbwestenprotesten von Polizisten verletzt. Raf und Yann, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen angehören, geraten während der langen Wartezeit aufgrund der vielen Notfallbehandlungen im Zusammenhang mit den Demonstrationen, aneinander. Die Krankenschwester Kim (Aïssatou Diallo Sagna) übernimmt aus Pflichtgefühl aufopferungsvoll eine sechste Nachtschicht in Folge, obwohl ihr eigenes Baby zuhause erkrankt ist. Patienten fallen aus Betten, bedrohen des Personal und der Gelbwestenprotest macht auch vor den Toren des Krankenhauses nicht halt.

Ein unterhaltsamer, tragikomischer Film, bei dem ein lachendes und ein winendes Auge nahe beieinander liegen. Im Februar 2022 gewann die reale Gesundheits- und Krankenpflegehelferin Aïssatou Diallo Sagna für ihr Filmrollendebüt der Kim den César als Beste Nebendarstellerin.

In den besten Händen. Regie: Catherine Corsini. Dauer: ‎ 99 Minuten. ‎ DVD-Erscheinungstermin: ‎2022. Darsteller: ‎Valeria Bruni-Tedeschi, Marina Fois, Pio Marmai, Aïssatou Diallo Sagna. Alamode Filmdistribution. Weitere Infos.

9. Der beste Film aller Zeitenvon Gastón Duprat und Mariano Cohn

Gastón Duprats und Mariano Cohns Spielfilm Competencia oficial (2021) spart nicht mit Superlativen. Ein milliardenschwerer Geschäftsmann möchte schlicht mit dem besten Film aller Zeiten Kinogeschichte schreiben. Er engagiert für dieses ambitionierte Projekt die renommierte Autorenfilmerin Lola Cuevas (Penélope Cruz) und die gefeierten Stars Félix Rivero (Antonio Banderas) und Iván Torres (Oscar Martinez). Alsbald rivalisieren der bekannte Bühnendarsteller Iván und Hollywood-Star Félix jedoch. Während der Dreharbeiten kommt es zu heftiger werdenden Schlagabtauschen und Handgreiflichkeiten der beiden Egomanen. Das Drehprojekt droht zu scheitern. Da hat die exzentrische Regisseurin die Idee, beiden Stars kleine Prüfungen aufzuerlegen, damit sie auf andere Gedanken kommen. Ein extrem unterhaltsamer Film mit pointenreichem Verve.

Hollywood-Stars Penélope Cruz und Antonio Banderas, die beide in jungen Jahren durch Filme von Pedro Almodóvar bekannt wurden (und 2013 gemeinsam für Almodóvars Fliegende Liebende vor der Kamera standen), brillieren in dieser bitterbösen spanisch-argentinischen Farce auf das Showbiz und den Autorenfilm.

Der beste Film aller Zeiten. Regie: Mariano Cohn, Gastón Duprat. Dauer: 114 Minuten. DVD-Erscheinungstermin: ‎2022. Darsteller: Penélope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martinez. ARTHAUS. Weitere Infos.

10. Miranda an der Oper Köln

Chloe Lamfords Bühne im Staatenhaus ist ein moderner Kirchenraum mit grauen Sichtbetonwänden. Hier sucht bald ein sichtlich bewegter Geist eine Trauerfeier heim. Die Britin Katie Mitchell zeigte Oktober 2022 an der Oper Köln im Staatenhaus eine bemerkenswerte Fortsetzung von William Shakespeares Drama The Tempest. Die Geschichte wurde unter dem Titel Miranda mit einer neuen Aufwertung der bisher wenig selbstbestimmt agierenden Frauenfigur Miranda feministisch gedeutet. Als Grundlage für die Semi-Opera mit fast ausschließlich Renaissance-Musik von Henry Purcell diente ein Libretto von Cordelia Lynn. Die etwa hundert-minütige Vorführung wurde durch eindrückliche chorische Leistungen, ein gut arrangiertes Vokalensemble und stimmungsvolles Spiel des Gürzenich-Orchesters Köln beflügelt.

Miranda. Musikalische Leitung: George Petrou. Inszenierung: Katie Mitchell. Szenische Einstudierung: Eloise Lally. Bühne: Chloe Lamford. Kostüme: Sussie Juhlin-Wallén. Licht: James Farncombe. Choreografie: Joseph Alford. Sounddesign: Max von Pappenheim. Einstudierung Chor: Bang-In Jung, Rustam Samedov. Dramaturgie Svenja Gottsmann. Besetzung: Adriana Bastidas-Gamboa (Miranda), Alastair Miles (Prospero), Emily Hindrichs (Anna), Ed Lyon (Ferdinand) u.a. Weitere Infos.

11. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny an der Oper Bonn

Volker Lösch inszenierte Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Kurt Weill als bunte Vision vor dem zerstörten Ahrtal. Einundzwanzig im Zeitraffer erzählte Szenen bebildern Momentaufnahmen eines räuberischen Weltverbrauches im Wachstumskapitalismus. Solisten, Chor und Orchester unter der musikalischen Leitung von Dirk Kaftan glänzen und brillieren.

Hinter der runden Bühne liegt eine runde Projektionsleinwand. Der anfangs leere Raum füllt sich mit hellen Requisiten wie Bierkästen, Liegestühlen oder einem Planschbecken. Im Mittelteil irrt der Sympathieträger Jim (ausdrucksstark: Matthias Klink) sichtlich verängstigt alleine durch diese Requisiten. Der Todgeweihte hat scheinbar jegliche Kontrolle über das Geschehen verloren.

Bertolt Brechts Drama über grenzenlosen Egoismus, permanenten Tabubruch, Erlebnissucht, Profitmaximierung und Katastrophensucht wird effektvoll auf die Jetztzeit bezogen: Im Landkreis Ahrweiler starben während der Flutkatastrophe 134 Menschen. Das Urlaubsparadies Ahrtal verwandelte sich. Bahnstrecken, Straßen und Brücken wurden zerstört oder beschädigt. Regisseur Volker Lösch sprach für die Produktion am Theater Bonn mit Bürger*innen aus dem Ahrtal, deren Geschichten zum Teil auf der Bühne zu hören und in Momentaufnahmen zu sehen ist.

So erklärt in einer Szene Dr. med. Katharina Scharping, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefärztin der Dr. von Ehrenwall’schen Klinik Ahrweiler sowie Leiterin des Traumahilfezentrum für Flutopfer in Lantershofen:

Nach einer Naturkatastrophe haben ca. zehn Prozent der Betroffenen eine posttraumatische Belastungsstörung. Im Ahrtal sind ungefähr 40 000 Haushalte betroffen. Gefühlt sind alle erschöpfter und dünnhäutiger als früher. Es gibt eine Endzeitstimmung. Erst kam Klimawandel, dann Corona, dann Flutkatastrophe – die Welt geht bald unter.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Musikalische Leitung: Dirk Kaftan. Inszenierung: Volker Lösch. Bühnenbild: Carola Reuther. Kostüme: Carola Reuther, Miriam Schubach. Video: Ruth Stofer, Robi Voigt. Licht: Max Karbe. Dramaturgie: Stefan Schnabel, Bernhard Helmich, Elise Schobeß. Choreinstudierung: Marco Medved. Einstudierung Kinder- und Jugendchor: Ekaterina Klewitz. Besetzung: Susanne Blattert (Leokadja Begbick), Martin Koch (Fatty, der Prokurist), Giorgos Kanaris (Dreieinigkeitsmoses), Natalie Karl (Jenny), Matthias Klink (Jim), Tobias Schabel (Joe) u.a. Weitere Infos.

12. Blu Infinito - Tanzgastspiel am Theater Bonn

Das 2008 in Rom gegründete eVolution Dance Theater begeisterte in der Oper Bonn an zwei Abenden im November. Die erste Szene der Tanzshow zum Song „This is Fantasy“ von Zero One überraschte schillernd mit Laserlichtblitzen und funkelnden Ganzkörperanzügen. Das Spektakel vom US-amerikanischen Tänzer und Choreographen Anthony Heinl präsentierte neben ausgefeilter Schwarzlichttechnologie in einer 90minütigen Performance ein Zusammenwirken von Tanz, Akrobatik und Videoprojektionen. Unterwasser-Schattierungen des unendlichen Blau werden zu sphärischen Pop durch acht Tänzerinnen und Tänzer lustvoll, eindrücklich und schier unermüdlich belebt.

Blu Infinito. Interpreten: eVolution Dance Theater. Choreografie & Lichteffekte: Anthony Heinl. Weitere Infos.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist

Ansgar Skoda