Begehren hinter Gittern

Film Der chilenische Regisseur Sebastián Muñoz erzählt in „Der Prinz“ von Gewalt, Liebe und Sex im Knast
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In fast jedem Märchen gibt es einen Prinzen. Doch Märchen spielen im Regelfall nicht im Knast. Zu Filmbeginn fließt Blut. Ein betrunkener Mann ersticht am Ende einer durchzechten Nacht einen Kumpel in einer Bar. Der 20-jährige Jaime kommt eine Filmszene später ins Gefängnis. Argwöhnisch wird er von den Mitinsassen seiner Vierer-Gemeinschaftszelle beäugt. Nach Ankunft bittet der Älteste in der Zelle Jaime, seine schmutzigen Klamotten zum Waschen auszuziehen. Wegen Jaimes guten Aussehens gibt er ihm den liebevollen Spitznamen „Der Prinz“. Der Zellenälteste wird hingegen von allen nur „El Potro“ (der Hengst) gerufen. El Potro geleitet den nun nur mit einem Slip bekleideten Jaime zu den Zellenduschen. Einer der Mitgefangenen ruft „Frischfleisch“.

Der Prinz beruht auf einer lange verschollen geglaubten, gleichnamigen Coming-of-Age-Romanvorlage von Mario Cruz. Die direkte und einfache Sprache machten den vermeintlichen Pulp-Schundroman, 1972 erstmals in Chile im Selbstverlag gedruckt, zu einem Verkaufserfolg. In der repressiven Gesellschaft Chiles war der salopp und seicht erzählte Heftchenroman unvorstellbar. Er entwickelte sich jedoch kurzzeitig zum Underground-Hit, bis er dann in der Militärdiktatur bald in Vergessenheit geriet. Anlässlich der gleichnamigen Verfilmung von Sebastián Muñoz erschien eine Übersetzung aus dem chilenischen Spanisch von JJ Schlegel.

Das Geschehen spielt in San Bernardo im Süden der chilenischen Hauptstadt zu Zeiten der Regierung des Präsidenten Salvador Allendes (1970-1973). Die Vorgeschichte wird in Rückblenden rekonstruiert. Die Szenerie springt zwischen der Zeit vor Jaimes Verbrechen und der aktuellen Gegenwart im Knast.

Im Gefängnis erlebt der Titelheld in Momentaufnahmen die Brutalität des Alltags. Es hagelt Fußtritte und Faustschläge. Jaime beobachtet die Geschehnisse meist eher distanziert. Leibesvisitationen der Insassen sind seitens der Polizisten von Sadismus und Vergewaltigungen geprägt. In der abgeschlossenen und engen Männerwelt voller Krimineller und Gewalttäter ist keine Intimität möglich, da überall das Belauschtwerden, Sensationslüsternheit, Demütigung oder Spott drohen. Obwohl die Verbrecher ihre Männlichkeit offensiv gebärden, scheint Leidenschaft oder Zärtlichkeit außerhalb der restringierten Besuchszeiten nur mit den Geschlechtsgenossen vor Ort möglich.

Verletzlichkeit, versteckte Scham und männliche Erotik prägen den Gefängnisalltag. Im Geschrei, Gerenne, Hämmern und Radau der neuen Umgebung versucht Jaime durch Imponiergehabe beim Rundendrehen den Respekt der anderen Insassen zu gewinnen. Jaime erkennt, dass er sich auch nach Zärtlichkeit sehnt. Sex unter der Gefangenen scheint allgegenwärtig. Neben die Machtkämpfe der Insassen untereinander tritt hinter Gittern stets auch das verlegene und triebgelenkte homoerotische Verlangen.

Es ist für Jaime jedoch auch ungewohnt, seinem neuen Freund El Potro von der eigenen Kindheit mit einer früh verstorbenen Mutter und einem desinteressierten Vater oder von ersten sexuellen Erfahrungen mit älteren Frauen zu erzählen. Hier wird die Enge und Abgeschlossenheit des Männergefängnisses durch Rückblenden unterbrochen. Es wird gezeigt, wie eine ältere Frau (ausdrucksstark: Paola Volpato) Jaime nach Santiago einlädt, ihm teure Kleidung kauft und in einem Hotelzimmer verführt.

Juan Carlos Maldonado gibt in der Titelrolle des Jaime ein aufregendes Debüt in einem Kinofilm. Der Chilene avanciert gleich zu Beginn zum Objekt der Kamera. Auf Jaime richten sich auch regelmäßig die Blicke der Mitgefangenen, oft interessiert, mal sehnsüchtig, erschrocken oder neidisch. Der heute 31-jährige Schauspieler verkörpert authentisch den wütenden, besinnungslosen und eifersüchtigen Mörder, der den heimlich begehrten Freund El Gitano ersticht. Auch den jugendlich-narzisstischen Knast-Schönling stellt er differenziert dar, der sich bereitwillig auch sexuell unterzuordnen vermag. Juan Carlos Maldonado gestaltet mit feinen Nuancen, wie Jaime Vertrauen und Zuneigung zu anderen Knastinsassen und eigenes sexuelles Verlangen entwickelt.

Neben ihm spielt der arrivierte chilenische Schauspieler Alfredo Castro die wichtigste Nebenrolle. Der heute 65-Jährige wirft als Ricardo oder El Potro sofort ein Auge auf Jaime, nimmt ihn unter seine Fittiche und vergewaltigt ihn in der ersten Nacht in der Gemeinschaftszelle. Für die weitere mögliche Protektion erwartet El Potro Loyalität und weitere sexuelle Dienstleistungen. Anders als in der Buchvorlage (in der El Potro nur wenige Jahre älter ist) mimt Alfredo Castro vor allem auch den verständnisvollen oder auch gebieterisch aufdringlichen Vaterersatz für Jaime und weniger den Partner in einer Liebesbeziehung. In einer kurzen Szene sehen wir, wie Jaime in der Besuchszeit die mögliche Fürsorge seines realen Vaters konsequent ablehnt und stattdessen später Rat bei El Potro erhält.

Regisseur Sebastián Muñoz, der bisher vor allem als Produktionsdesigner arbeitete, gibt mit Der Prinz sein Regiedebüt. Er setzt die Enge, Dunkelheit und mäßig funktionierende Sanitäreinrichtungen des Strafvollzugs gekonnt in Szene. Die Dynamiken homosexueller Erfahrungen in der männlich geprägten Welt des Gefängnisses werden eindringlich mit verschwitzten Körpern bebildert und mit Songs wie „Nature Boy“ von Nat King Cole unterlegt. Es gibt einige emotionsgeladene Nackt- und Gewaltszenen. In Deutschland erhielt der Film, trotz im Bonusmaterial teils als zusätzliches Szenenmaterial angebotener Kürzungen, keine Jugendfreigabe von der FSK. Genau wie die Romanvorlage gleitet Sebastián Muñoz Langfilmdebüt nie vulgär ins Pornografische ab, sondern ist emphatisch mit Rückblicken erzählt. Es ist fraglich, ob sich ausgerechnet im Gefängnis sexuelle Freiheit dermaßen ausleben lässt. Vieles wirkt im Film ein bisschen lustvoll verklärt und artifiziell, etwa auch das gute Aussehen der meisten Darsteller des Cast.

Eingebetteter Medieninhalt

Insbesondere das, in der Hülle enthaltene Booklet mit einem achtseitigen Beitrag von Florian Borchmeyer zu den Hintergründen und der Einordnung der Groschenheft-Vorlage bereichern das DVD-Erlebnis. Der Roman des mittellosen Autors Mario Cruz entstand in einer Zeit, als Homosexualität in Südamerika ein absolutes Tabu war. Borchmeyer beleuchtet, dass wenige Jahre nach der Originalausgabe von El Principe im Selbstverlag der Putsch des faschistischen Militärs am 11. September 1973 auch unzählige Menschenrechtsverletzungen gegen LGBTQ-Personen zur Folge hatte. Da ist es ein schönes Bild, wenn Borchmeyer Cruz‘ Beweggründe für den Roman so bebildert:

„Eines Tages unternahm er im Auftrag einer Tageszeitung eine Recherche in einer Haftanstalt auf dem Land, aus der eine Knast-Reportage werden sollte. Ihn faszinierte dieser Kosmos, in dem, wie damals in Chile üblich, die Gefangenen auf engstem Raum zusammenlebten, auf Selbstbeschaffung und gemeinsames Kochen angewiesen, aber zugleich mit einer gewissen Freiheit, sich von Zelle zu Zelle zu bewegen, gemeinsam zu duschen, Kinovorstellungen zu besuchen. Überall in dieser durch und durch männlichen Welt herrschte eine intensive erotische Spannung zwischen den Gefangenen.“

Das Genre Gefängnisfilm ist seit langem eine Projektionsfläche für homoerotische Phantasien. Der Prinz gewann in der Reihe „Settimana Internazionale della Critica“ beim Festival von Venedig 2019 den Queer Lion, das Pendant zum Teddy. Nicht nur für Liebhaber des queeren Films ein cineastisches Erlebnis.

Argentinien / Chile / Belgien 2019 | Original-Titel: El Principe | R: Sebastián Muñoz | B: Luis Barrales, Sebastián Muñoz | Vor: Mario Cruz | P: Griselda Gonzalez | K: Enrique Stindt | Sch: Danielle Fillios | M: Ángela Acuña | A: Claudia Gallardo | V: Salzgeber | L: 96 Min | FSK: 18 | D: Juan Carlos Maldonado, Alfredo Castro, Cesare Serra, Gastón Pauls, Lucas Balmaceda, Paola Volpato

Weitere Infos siehe auch: https://salzgeber.de/prinz

13:40 20.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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