Der Welt abhandengekommen, ideelle ars amandi

Premierenkritik „L’amour de Loin – Die Liebe aus der Ferne“ von der Komponistin Kaija Saariaho präsentiert sich an der Oper Köln subtil und emotionsreich als farbige Klangwelt der Träume
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Troubadore entwickelten im Mittelalter eine umfangreiche Symbolik der Liebe. Ihre poetische Frauenverehrung war durch systematische Galanterie, romantische Liebessehnsucht und unerfülltes Verlangen geprägt. Die Oper L’amour de Loin – Die Liebe aus der Ferne der finnischen Komponistin Kaija Saariaho und des libanesischen Librettisten Amin Maalouf, 2000 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, handelt von diesem Ideal der Liebesstilisierung. Gastregisseur Johannes Erath, in Köln bekannt für seine Inszenierungen von Charles Gounods Faust und Jules Massenets Manon, bringt in der Domstadt das Werk zur Erstaufführung. Constantin Trinks hat die musikalische Leitung inne und dirigiert das atmosphärisch dicht aufspielende, groß besetzte Gürzenich-Orchester.

Das Drama ist recht statisch und handlungsarm. Innere Sehnsüchte und Emotionen, eine Selbstfindung und Losgelöstheit in der Welt stehen im Zentrum. Die Handlung ist im mittelalterlichen Aquitanien, in Tripolis und auf dem Meer verortet.

Die Geschichte um Troubadour Jaufré Rudel (Bariton Holger Falk), Prinz und Dichter, und seiner fernen Geliebten Clémence (Sopranistin Emily Hindrichs) beruht auf einer Erzählung aus dem 12. Jahrhundert, zur Hochzeit des höfischen Minnesangs. In der Oper vermittelt ein uneigennütziger Pilger (anrührend; Mezzosopranistin Adriana Bastidas-Gamboa) den Kontakt zwischen dem Troubadur und seiner Angebeteten. Der selbstlose Pilger singt Jaufrés Verse Clémence erweitert um eigene schmuckvolle Motive vor. Später singt Clémence selbst das Minnemotiv und nimmt nochmals Veränderungen vor. Das Lied verfügt somit über eine wandelbar fließende Struktur.

Jaufré und die Gräfin Clémence lernen sich – bis auf den kurzen Moment vor Jaufrés Tod - nie kennen. Trotzdem projizieren sie in ihr Verhältnis ein Maximum der Gefühle. Das dichterisch-musikalische Ideal der Angebeteten birgt eine große Erwartung. Hier setzt die Regie Doubles ein für die Projektionen Elle (Silke Natho) und Lui (Daniel Calladine). Wenn die Hauptfiguren mit diesen Doubles interagieren, betont dies die fiktionalen Vorstellungen von der*den jeweils anderen. So widmet sich Jaufré ausgiebig schwarzen High Heels, die er Elle immer wieder anprobieren lässt. Er schmachtet von der fernen Geliebten in einer links aufgestellten Bühnenbox. Weiter rechts agiert Clémence auf einem gewellten, ziegelförmigen, sich drehenden Bühnenelement.

Auf der Überfahrt zur Geliebten gerät Jaufré ins Wanken. Er erträgt das unbefestigte Gefilde kaum. Ist eine Bereitschaft, sich wirklich preiszugeben, tatsächlich da? Jaufrés lobpreisenden Beschreibungen der Frau suggerieren Perfektion. Beim realen Treffen zwischen den eigentlich Fremden könnten Erwartungen enttäuscht werden. Kann Jaufré sich bei der Angebeteten dann fallen lassen? Auf hoher See wird die Szenerie durch eine Spiegel-Symbolik angereichert. Jaufré betrachtet sich lange in einem körpergroßen Spiegel, den der Pilger und Reiseleiter ihm vorführt. Möglicherweise deutet der Pilger Jaufré so subtil an, dass Liebende in der Partnerschaft einander spiegeln durch ihre Reaktionen aufeinander. Aufwendige Videoprojektionen im Bühnenhintergrund zeigen den zweifelnden Jaufré bald überlebensgroß.

Die Schifffahrt ist durch monumentale Klänge des gesamten Orchesters und des Chores mit lang anhaltenden Klangflächen charakterisiert. In der Kölner Vorführung von Kaija Saariahos sinfonischer Oper rückt die Musik in den Mittelpunkt. Das Gürzenich-Orchester ist zentral und sichtbar zwischen der linken Box Jaufrés, den Wellen von Clémence und vor dem Chor ganz rechts platziert.

Changierende Farbmuster mit wechselnden Instrumentalmotiven, Verfremdungen und dezente elektronische Bandzuspielungen werden dargeboten. Die atmosphärisch fließenden Klänge schillern flirrend. Selten tauchen in den aufeinander geschichteten, auf- und abschwellenden Klängen Konturen oder rhythmische Pulse auf. Dynamische Schwankungen und Steigerungen korrespondieren mit den Emotionen des Begehrens oder der Verzweiflung Jaufrés.

Jaufré Gefühlsleben wird rhythmisch impulsiv durch Klavierspiel oder Schlagzeugeinsätze ausgedrückt. Hierbei kommen sehr präsente Trommeln, Paukenwirbel und anderes Schlagwerk zum Einsatz. Der Pilger hingegen ist durch aufsteigende Tonfolgen charakterisiert, Clémence wiederum durch das wiederkehrende Spiel von Harfen, Klarinetten und einer Solo-Oboe. Bei Clémences Versuch, den Troubadorgesang nachzuahmen, klatscht der Chor flamencoartig in die Hände.

Die Vielfalt der Klangfarben korrespondiert mit dem mehrebigen Bühnenbild, einen effektvollen Einsatz von Licht und Bildprojektionen. Die ästhetisch eigenständige, erste Oper der in Paris lebenden Finnin Kaija Saariaho berührt in Köln auch aufgrund der exzellenten Solisten als opulentes Klangerlebnis.

Eingebetteter Medieninhalt

L’AMOUR DE LOIN – DIE LIEBE AUS DER FERNE (Staatenhaus Saal 1, 24.10.2021)

Musikalische Leitung: Constantin Trinks

Inszenierung: Johannes Erath

Bühne: Bernhard Hammer

Kostüme: Katharina Tasch

Video: Bibi Abel

Licht: Nicol Hungsberg

Chorleitung: Rustam Samedov

Dramaturgie: Georg Kehren

Besetzung:

Jaufré Rudel … Holger Falk

Clémence… Emily Hindrichs

Der Pilger … Adriana Bastidas-Gamboa

Szenische Doubles … Daniel Calladine, Silke Natho

Chor der Oper Köln

Gürzenich-Orchester Köln

Premiere an der Oper Köln war am 24. Oktober 2021.

Nächste Termine: 29., 31.10./ 6., 10., 13.11.2021

Weitere Infos siehe auch: https://www.oper.koeln/de/programm/lamour-de-loin/5807

13:16 29.10.2021
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Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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