Des Müllers Frust

Uraufführung Armin Petras inszeniert „Pfisters Mühle“ nach Wilhelm Raabe am Schauspiel Stuttgart mit faszinierenden Bildern und packenden Ideen, aber ohne psychologisches Feingefühl
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Des Müllers Frust
Die Mühle ist für den alten Eberhard Pfister (Manuel Harder) ein Sehnsuchtsort

Foto: JU_Ostkreuz

Die düster gehaltene Bühne ist fast leer. Zu den wenigen Requisiten zählen ein Bett und ein Schaukelpferd. Doch in der Bühnenrückwand hält ein großer, kreisrunder, von hinten beleuchteter Ausschnitt mit Lamellen die Erinnerung an ein Mühlenrad wach. Allerlei Erzählstoff rankt sich um das machtvolle Mühlenrad. Immer wieder treten Figuren in überwiegend historischen Trachten an den Bühnenrand und sprechen meist frontal zum Publikum. Sie reden durcheinander und erst allmählich entspinnt sich eine Geschichte.

Als erster Umweltroman der deutschen Literatur gilt Wilhelm Raabes Pfisters Mühle von 1884. In Braunschweig beobachtete Raabe die Verschmutzung eines Mühlflusses und studierte daraus hervorgehende Gerichtsprozesse und Gutachten. Von 1862 bis 1870 lebte Raabe dann in Stuttgart. Die industrielle Verwüstung der Natur und Landschaft, die Beschleunigung der Lebensverhältnisse, neue Arbeitswelten, die Zerstörung historischen Bewusstseins – sein poetischer Realismus behandelt diese Motive.

Der Wechsel vom vorindustriellen Deutschland in die Moderne vollzieht sich auf der Mühle von Vater Pfister (Peter Kurth). Leutselig pries er eben noch die Speisekarte seiner Mühlengaststätte inmitten der Dorfgemeinschaft. Doch die anderen Figuren wenden sich mehr und mehr von ihm ab. Das einst saubere Mühlwasser des stadtbekannten Ausflugslokals riecht plötzlich nach Schwefel und Verwesung. Schwärme toter Fische treiben die schlammige Kloake hinab. Die Figuren kämpfen in einigen Szenen miteinander in riesigen Fischkostümen. Die gerade wenige Kilometer flussaufwärts eröffnete Zuckerfabrik Krickerode verursacht die Verseuchung des Wassers. Die Gäste bleiben aus, die Mühlwerke stehen. Als Vater Pfister in den Kampf zieht, stehen ihm sein Sohn Eberhard, genannt Ebert (Johann Jürgens), sein Schützling August Adam Asche (Holger Stockhaus), der Dichter Felix Lippoldes (Michael Klammer), dessen Tochter Albertine (Julischka Eichel), seine Hausmagd Christine (Maja Beckmann) und der Advokat Riechei (Manolo Bertling) bei.

Die Dynamik der Figuren auf der Bühne mutet mitunter abstrakt und konstruiert an, insbesondere wenn zwei Zeitebenen parallel und ineinander spielen. So begegnen sich auf der Bühne Ebert Pfister als junger und als alter Mann (letzterer: Manuel Harder). Für den alten Eberhard Pfister ist die bereits verkaufte Mühle ein Sehnsuchtsort. Sie repräsentiert eine verklärte Vergangenheit und Jugend, an die er sich erinnern möchte, bevor hier eine Fabrik entstehen soll. Er verbringt mit seiner jungen Frau Emmy (Svenja Liesau) Urlaub in der inaktiven Mühle und rekonstruiert schriftlich Erinnerungen der Vergangenheit. Wenn die anderen Figuren auftreten umschweift Eberhard Pfister sie zusammen mit seiner Frau tastend, als wären sie Figuren aus seinen Aufzeichnungen. Es werden so auch Konflikte dargestellt, bei denen der alte Ebert Pfister eigene Handlungsweisen als junger Mann überdenkt. Die Darsteller des alten und jungen Ebert Pfisters sind jedoch etwa im gleichen Alter und ähneln sich äußerlich nicht, was den Zuschauer verwirren mag.

Regisseur Armin Petras besetzt auch andere Figuren aus Raabes Roman ungewöhnlich. So karikiert er etwa den alten, in elenden Verhältnissen lebenden Dichter Lippoldes, indem er ihn von einen jungen, muskulösen, Pelz tragenden Darsteller spielen lässt. Bei Raabe warnt der alte Herr vor der nahen, dunklen Stunde, in der die alte Welt zusammenbricht. Michael Klammer als Lippoldes verabschiedet sich jedoch mit viel Körperarbeit von der Bühne, indem er unterhalb der Turbinen zu Icona Pops „I love it“ eine ansehnliche Tanzperformance hinlegt. Im Bühnenvordergrund begreift Vater Pfister derweil seine plötzliche Einsamkeit in einer für ihn kalt und fremd gewordenen Umgebung. Der 2012 auch hierzulande erfolgreiche Elektropopsong handelt übrigens von einer gescheiterten Beziehung: „You’re from the Seventies, but I’m a Nineties Bitch. I don’t care, I love it,“ so die Lyrics. Im Songtext wird ein Auto gegen eine Brücke krachen gelassen und das Eigentum eines ehemaligen Liebhabers in eine Tasche geworfen und die Treppe hinuntergestoßen. Auch die Beziehung der Dorfbewohner zu Pfister und seiner Mühle findet ein jähes Ende, wenn es viele in die Großstadt, sprich Berlin zieht, etwa weil sie den Interessen des Kapitals dienen wollen. Aus vormaligen Mitstreitern sind nun selber rücksichtslose Unternehmer und Aktionäre geworden. Müller Pfister resigniert und gibt schließlich müde und widerstandslos auf. Wenn Figuren nacheinander unter der Bühnendecke versinken, erinnert dies eher an Slapstick, anstatt dass veranschaulicht würde, warum die Gemeinschaft so schnell wieder zerbricht. Hier wären mehr Gespür für die Figuren und ein nuancierteres Zusammenspiel wünschenswert gewesen.

Die ideenreiche Inszenierung besticht vor allem durch das lebendige und improvisiert wirkende Zusammenspiel der Figuren. Zu den witzigen Frauenfiguren zählt auch die Emmy. Aufdringlich und frech umherhüpfend darf Svenja Liesau als Emmy die anderen Figuren betrachten und diese in eigenen Ausführungen in ein höchst vergnügliches Licht setzen. Durch unterhaltsame Randfiguren gewinnen so manchmal plakative oder zu unübersichtliche Szenen an Unterhaltungswert. In Erinnerung bleibt auch das wie eingefrorene Schlussbild, eine Installation vom Bühnenbildner und Künstler Martin Eder. Ein überdimensionaler Lumpenballen wird im Gegenlicht, umhüllt von Kunstnebel, über die von Wasser geflutete Bühne langsam hochgezogen. Die Figuren aus dem vorangegangenen Spiel stehen unbewegt im Wasser oder erheben sich langsam aus dem Orchestergraben. Ein Text der Rockgruppe Tocotronic wird wiedergegeben „Drüben auf dem Hügel möchte ich sein.“ Das packende Bild könnte für eine mögliche oder bereits gewesene Ökokatastrophe stehen. Schließlich treibt auch heute noch der Gegensatz von Profitinteressen und Naturschutz folgenreiche Blüten.

Diese Theaterkritik erschien erstmals am 11.01.2015 auf Kultura Extra.

http://vg06.met.vgwort.de/na/89ae07a1583949c1b7d9e41ca7b119d7

PFISTERS MÜHLE. EIN SOMMERFERIENHEFT (Schauspiel Stuttgart, 6.1.2015)

Regie: Armin Petras

Bühne und Musik: Martin Eder

Mitarbeit Bühne: Julian Marbach

Kostüme: Dinah Ehm

Licht: Norman Plathe

Dramaturgie: Bernd Isele

Besetzung:

Vater Pfister … Peter Kurth

Emmy … Svenja Liesau

Der alte Eberhard Pfister … Manuel Harder

Der junge Eberhard Pfister … Johann Jürgens

Adam August Asche … Holger Stockhaus

Felix Lippoldes … Michael Klammer

Albertine Lippoldes … Julischka Eichel

Christine … Maja Beckmann

Riechei/ Architekt … Manolo Bertling

Premiere war am 15. November 2014

Weitere Termine: 17. + 23.2./ 22.3.2015

Weitere Infos siehe auch: http:// www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/pfisters-muehle/

10:30 15.01.2015
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Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ"& "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Freiberuflicher Social Media Manager
Ansgar Skoda

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